Christian Schad: Einlass gewähren in den Raum reiner Bejahung. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2024, 344 Seiten, Euro 25,–.
Der ansprechende Band Einlass gewähren in den Raum reiner Bejahung enthält 43 ausgewählte Predigten, die der emeritierte Kirchenpräsident der Pfalz Christian Schad in vielen Gemeinden sowie als langjähriger Vorsitzender der UEK im Berliner Dom gehalten hat.
Im Vorwort erläutert die Herausgeberin Traudel Himmighöfer, wie Christian Schad den Titel zur Predigt der Rechtfertigungsbotschaft reformatorisch versteht: als „Einlass gewähren in den Raum reiner Bejahung“ – veranschaulicht durch das Titelbild des lehrenden Christus in der Speyerer Gedächtniskirche der Protestation: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28).
In seinem Geleitwort würdigt der katholische Bischof von Speyer Karl-Heinz Wiesemann den Autor als „begeisterte(n) Prediger“, „für den der Predigtdienst zentraler Selbstvollzug der Kirche als ‚creatura verbi‘ ist und damit zugleich […] die wichtigste Frucht seines theologischen Ringens sowie ein authentisches Zeugnis seiner eigenen Gottesbeziehung“.
Die Predigten leben von einer profunden Kenntnis biblisch-reformatorischer Theologie. Die erste Hälfte folgt dem Kirchenjahr, die zweite bietet Predigten zu bestimmten Anlässen: Kirchenmusik, Diakonie und Seelsorge, Ökumene und Erinnerungskultur (Christenverfolgungen, 500 Jahre Reformation, 200 Jahre pfälzische Kirchenunion, 50 Jahre Leuenberger Konkordie, Beginn des Ersten Weltkriegs, Reichspogromnacht, Tag der Deutschen Einheit).
Die Predigten schildern die Entstehungssituation des Textes, um durch menschliche Grunderfahrungen den existenziellen Bezug herzustellen und die Botschaft in das Hier und Jetzt zu übersetzen. Vorbildlich erscheint, wie er im Hören auf das biblische Wort aktuelle Anlässe, Krisen und Katastrophen homiletisch aufgreift, theologisch reflektiert und in den gesellschaftspolitischen Kontext hinein den biblisch-reformatorischen Wahrheitsanspruch entfaltet: zu Protestation und Protestantismus, Rechtfertigung und Gerechtigkeit, Schuld und Versöhnung, Religion und Politik, Gewalt und Frieden, Klimawandel oder Ukrainekrieg. Er geht auf Flüchtlinge ein, widerspricht Hass und Hetze und bekräftigt die Pflicht zur Erinnerung. Die Flutkatastrophe im Ahrtal bringt er durch Klagepsalmen zur Sprache mit Luthers Rat, in der Verzweiflung nicht nach dem rätselhaften Willen des verborgenen Gottes zu suchen, sondern zu Christus zu fliehen, das heißt, an seiner Verheißungstreue und Liebe festzuhalten.
In der Coronapandemie verweist er auf Zeichen der Gegenwart Gottes, die Trost und Hoffnung geben. Das reformatorische Leitmotiv der Promissio setzt er so um, dass er nicht abstrakt über den Glauben redet, sondern die Gemeinde direkt anspricht, Deuterojesajas Trostbotschaft, Gottes Offenbarung am Dornbusch und die johanneischen Ich-bin-Worte auf die jeweilige Situation hin zuspitzt und den Zuspruch formuliert. Indem er persönliche Nöte immer wieder anders aufnimmt, gelingt es ihm, nicht nur Zuversicht auszustrahlen, sondern durch das Lob Gottes als Ausdruck der Dankbarkeit auch zur Lebensbewältigung beizutragen, ohne abzuheben oder platt zu werden. Die Predigten wirken durch ihre einfache, abwechslungsreiche Sprache mit prägnanten Formulierungen, Zitaten, Wortspielen, Bildfeldern und bisweilen überraschenden Wendungen. Sie sind wohlbedacht ausgewählt, bieten kaum Wiederholungen, decken ein breites thematisches Spektrum ab. Sie zeigen, wie Schad „Theologie für das Leben“ nicht nur gelehrt betreibt, sondern auch praktisch predigt als „Plädoyer für eine aufmerksame Kirche“, wie der Untertitel seiner Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2023 lautet.
Beide Bände gehören zusammen, geht es doch um zwei Seiten derselben Sache. In der Predigt wird die Theologie praktisch und bewährt ihre Relevanz für das Leben. Umgekehrt wird die Predigt schriftgemäß und zeitgemäß durch das Hören auf das biblische Wort und das Wahrnehmen der aktuellen Situation. In der Predigt muss die Theologie auf den Punkt bringen können, worum es geht, wie auch die Predigt vom Nach-Denken und Reflektieren der biblischen Botschaft für die Gegenwart lebt. So bietet der Band vielfältige Anregungen für eine ebenso theologisch fundierte wie seelsorglich menschennahe Predigt, die stark macht im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.
Ulrich Heckel
Dr. Ulrich Heckel ist Oberkirchenrat und Leiter des Dezernats Theologie, Gemeinde und weltweite Kirche der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen.