Zerbrechlichkeit des Lebens
Meine Freundin ist tot. Sie ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Eben noch hat sie mir eine lustige WhatsApp geschrieben, kurz darauf ruft mich ihr Ehemann an und ich kann es erst gar nicht fassen und glauben. Sie war jünger als ich. Ihr Mann bleibt mit Kindern zurück. Bei der Beerdigung kommen fast 500 Menschen, wollen trauern, Beistand leisten, Mitgefühl zeigen. Ihr Leben hat Viele berührt, ihr Tod auch. Früher habe ich sie manchmal im Scherz gefragt: „Besuchst du mich mal im Altersheim wenn ich Demenz habe?“
Jetzt stehe ich vor ihrem Sarg und habe das Gefühl, dass die natürliche Reihenfolge des Lebens durcheinandergeraten ist. Ich als die Ältere hätte zuerst sterben müssen. Ich bin ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie irgendwann einmal vor meinem Sarg steht und nicht umgekehrt. Aber so läuft es nicht.
Auf dem Friedhof
„So Gott will und wir leben,“ haben wir uns manchmal verabredet. Und dabei nicht wirklich ernstgenommen, dass das eine sehr ernste Mahnung aus dem Jakobusbrief ist. Theoretisch ist das klar, aber im Alltag? Diese November-Zeit im Kirchen-Jahreskreis erinnert jedes Jahr daran, dass das Leben begrenzt ist. Eine Mahnung, die viel zu oft ungehört verhallt, auch bei mir. Wieviel Beerdigungen habe ich als Pfarrerin im Lauf meines Lebens gestaltet? Und bin in all den Jahren doch keine Meisterin des „memento mori“ geworden.
Ich besuche einen alten, längst aufgegebenen Friedhof in Rheinhessen, der malerisch an einer alten Kirchenruine liegt, und entziffere die Inschriften auf den Grabsteinen. In Sachen memento mori waren unsere Vorfahren mit Sicherheit fitter als ich und viele andere. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Ein Grabstein betrauert den Tod einer 13jährigen, ein anderer den Tod eines im 1. Weltkrieg in Frankreich gestorbenen Sohnes. Der arme Kerl hat nach seiner Verwundung noch zehn Tage auf seinen Tod warten müssen. Ich will mir nicht vorstellen, unter welchen Schmerzen und Umständen. Auf dem nächsten Grabstein nennt eine Familie gleich zwei Söhne, die im 2. Weltkrieg gefallen sind. Weitere Kinder gab es nicht. Die Eltern blieben verwaist zurück.
So Gott will und wir leben
Nach so vielen Jahren Frieden in Deutschland und einer ausgezeichneten medizinischen Versorgung sind es die Unfälle, die uns an die Zerbrechlichkeit des Lebens erinnern. Doch trotz fast 3000 Verkehrstoten jedes Jahr in Deutschland kommt der plötzliche, frühe Tod unwirklich vor. Eine Katastrophe, auf die man in der Regel nicht vorbereitet ist. Da ging es den Altvorderen anders. Die Grippe raffte Millionen hin, Kinder überlebten regelmäßig ihre ersten Lebensjahre nicht. Viele Frauen starben nach der Geburt ihrer Kinder, die Männer im Krieg.
November. Ende des Kirchenjahres. Gedenke, dass du sterben musst. So Gott will und wir leben. Was meine tote Freundin mich lehrt, jetzt, da mir unsere Gespräche und Begegnungen fehlen, ihre klugen Bemerkungen und ihre strahlende Lebensfreude: Das Leben ist ein kostbares Geschenk. Jeder Atemzug ist ein kleines Wunder. Jeden Tag darf ich dankbar aus Gottes Hand annehmen. Bis zu meinem letzten Lebenstag. Dann, wer weiß, wie Gott sich das vorstellt, sehen wir uns ja im Himmel wieder.
Angela Rinn
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.