„Wer groß sein will unter euch“
Macht in der Gemeinschaft der Gläubigen, das kann nach der Botschaft, dem Leben und dem Kreuzestod Jesu als ein Widerspruch in sich gesehen werden. Zugleich ist aber klar, dass Macht in der Kirche irgendwie nötig ist, denn auch organisierte Machtlosigkeit und Verantwortungswirrwarr können gefährlich werden. Wie aber könnte eine „machtsensible Kirche“ aussehen? Darüber diskutierten die Synodalen im Kirchenparlament an der Elbe. Ein Bericht von zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler.
Es ist nicht erstaunlich, dass sich gerade das Christentum besonders schwer tut mit Macht. Denn wie immer Christinnen und Christen versuchen, Macht zu nutzen: Wie ein unüberwindbares Gebirge oder ein Irrgarten steht vor ihnen ein zentraler Satz Jesu, überliefert im Markus-Evangelium (10,43f): „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Das ist ein Widerspruch in sich. Wie soll das gehen: Macht ausüben, aber gleichzeitig allen dienen? Ganz vorne stehen und gleichzeitig ganz hinten?
Dass selbst die mächtigsten Päpste des Mittelalters, ausgestattet mit immenser geistiger und weltlicher Macht, für sich den Ehrentitel „Servus servorum Dei“ („Diener/Sklave der Diener/Sklaven Gottes“) beanspruchten und niemand anderes in der Kirche Roms diesen Titel bis heute nutzen darf, zeigt die Absurdität des ganzen Unterfangens. Das gilt vielleicht sogar noch mehr für die demokratisch verfassten Kirchen des Protestantismus, die, biblisch begründet, nicht nur theoretisch-ideologisch Macht misstrauen, sondern auch strukturell den Personen an der Spitze möglichst wenig Macht geben wollen.
Eine kühne Idee
Insofern war es von der Synode der EKD vor einem Jahr in Würzburg eine kühne Idee, sich ausgerechnet das in sich widersprüchliche Thema „Kirche und Macht“ als Schwerpunktthema für die gegenwärtige Sitzung in Dresden vorzunehmen. Der Hintergrund für diesen Beschluss war (siehe: www.zeitzeichen.net/node/12141), das anhaltende Grummeln vieler Synodaler über den überaus unglücklichen Rücktritt der vorherigen EKD-Ratsvorsitzenden Annette Kurschus im November 2023. Sie tat dies nach nur zwei Jahren im Amt, wobei die Theologin zugleich das Amt der Präses (Bischöfin) der westfälischen Kirche aufgab. Das erinnerte stark an den Rücktritt von Margot Käßmann als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende 13 Jahre zuvor. In beiden Fällen waren die Rücktrittsgründe zumindest diskutabel, und in beiden Fällen klebten die führenden Frauen eindeutig nicht an ihrer Macht. Aber haben sie ihrer Kirche damit wirklich gedient?
Der große Soziologe Max Weber hat in einer klassischen Definition Macht so beschrieben: Es sei „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Aber in der Kirche andere Menschen zu zwingen, etwas zu tun, auch gegen ihren Willen, um einer höheren Sache willen – ist das christlich? Darf das sein? Wo doch alle Menschen in Gottes Perspektive gleich sind, gleich geliebt, mit gleicher Würde ausgestattet? Und widerspricht Macht in der Kirche nicht grundsätzlich zugleich der nach christlichem Verständnis heilsgeschichtlich zentralen Tat des Jesus von Nazareth, der sich offensichtlich ganz bewusst am Kreuz der größten Ohnmacht eines öffentlichen Foltertodes aussetzte? Kreuz und Macht, auch das ist ein Widerspruch in sich, den die Theologie seit 2.000 Jahren aufzulösen versucht.
Schwarmintelligenz erhofft
Als die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Anna-Nicole Heinrich, vor wenigen Tagen in Berlin das Programm der Synodalsitzung in Dresden vorstellte, sagte sie vor Journalisten: Dass das Kirchenparlament an der Elbe das Thema „Kirche und Macht“ diskutiere sei als ein „erster Schritt in einer langfristigen Befassung“ zu verstehen. Es gehe um eine „Sensibilisierung“ für die Komplexität und Ambivalenz dieses breiten Feldes – und in der sächsischen Landeshauptstadt werde sicherlich auch „kein Abschluss des Themas“ gelingen. Sie hoffe dennoch auf in dieser Frage auf die „Schwarmintelligenz“ der Synode.
Am Samstagnachmittag näherte sich das Kirchenparlament, auf diese „Schwarmintelligenz“ hoffend, aus fünf Richtungen dem komplexen Thema „Kirche und Macht“: Es gab die organisationssoziologische Perspektive zu hören, eine intersektional theologische, eine systematisch-theologische, eine internationale – und vielleicht am bewegendsten die Perspektive von Opfern oder Betroffenen sexualisierter Gewalt im Raum der evangelischen Kirche auf das Thema „Kirche und Macht“.
In einem Video waren Stimmen von Missbrauchsopfern zu hören, in denen es zentral um Macht ging. Sie sprachen von „Machtmissbrauch“, bei denen die Täter ihre „eigenen Gesetze“ geschaffen und die „Grenzen anderer“ nicht beachtet hätten. Die Opfer hatten trotz aller Manipulation durch die Täter von Anfang an das Gefühl, „das darf nicht sein“, man werde „zu dieser Sache gezwungen“. Ein anonym und live vor der Synode auftretender Betroffener zitierte ein Gedicht von sich, in dem er schilderte, wie er in einem paradoxen Schutzmechanismus während des Vollzugs des Verbrechens an ihm, in all seiner Ohnmacht imaginierte, er selbst habe irgendwie Macht über den Mann, der ihm bis heute so viel Leid zugefügt hat – und übrigens wegen Verjährung der Tat straffrei blieb.
Dass Macht mit Vertrauen zu tun haben müsse, gerade in der Kirche, wurde in der Synodalsitzung mehrfach gesagt. Aber was lehrt die Synodalen der Satz einer anderen anonym auftretenden Betroffenen sexualisierter Gewalt, die sagte, seit der Verbrechen an ihr durch einen Mann der Kirche könne sie auch in ihren privaten, persönlichen Beziehungen keinem Menschen mehr Vertrauen schenken, niemandem? Wie muss Macht in der Kirche, die eng mit Vertrauen gekoppelt ist, gestaltet sein, dass sich solch extremste Formen des Machtmissbrauchs nicht mehr wiederholen können?
Während der Synodaltagung war am Samstagnachmittag mehrmals zu hören, es gehe darum, eine „machtsensible Kirche“ zu werden – also zumindest zu lernen, wie gefährlich und zerstörerisch Macht selbst in der Kirche sein kann, obwohl dies dem Selbstbild der Kirche widersprechen mag und man sicherlich ohne Macht auch nicht auskommt. Und das gilt gerade dann, wenn diese Macht durch eine oft betonte Fassade der Gleichheit aller, der verbalen Geschwisterlichkeit miteinander oder gar der Liebe zu allen Menschen zugekleistert werden soll.
Philipp Gessler
Philipp Gessler ist Redakteur der "zeitzeichen". Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Ökumene.