Im Stile Max Frischs
Heute. am 8. November, beginnt am Nachmittag die EKD-Synode mit der Behandlung des Schwerpunktthemas „Kirche und Macht“. Der Theologe Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD in Berlin, hat im Stile des legendären Fragebogen des schweizerischen Schriftstellers und Architekten Max Frisch (1911-1991) dazu 23 Fragen entwickelt.
Wie halten Sie’s mit der Macht? Wer sich mit Macht beschäftigt, wird sich dabei immer auch selbst zur Frage. Macht ist nie nur etwas, das andere besitzen und ausüben oder ertragen und erleiden. Macht ist unser ureigenstes Thema. Dieser kleine Fragebogen will das Nachdenken über das eigene Verhältnis zur Macht anregen – auf eine spielerische Weise, denn allzu viel Ernst schadet hier nur. Bekanntlich ist Humor eines der besten Hilfsmittel gegen die Zumutungen der Macht. Die Anregung hierzu hat Max Frisch mit seinen geistreich-paradoxen Fragebögen gegeben, die er unter dem Titel „Halten Sie sich für einen guten Freund?“ vor 33 Jahren veröffentlicht hat.
1. „Wenn Sie die Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit?“ (Max Frisch)
2. Halten Sie sich für einen guten Menschen? Ja, nein, teils-teils?
3. Wie sind Sie aufgewachsen – mit einem Grundgefühl der Befähigung oder einem der Beschränkung? Hat dies etwas damit zu tun, wo Sie groß geworden sind – in der Stadt oder auf dem Land, im Osten oder Westen, in dieser oder jener Schicht? Oder damit, ob Sie kirchlich geprägt wurden oder nicht?
4. Die evangelische Kirche stellt sich der Machtfrage – zu einer Zeit, da ihre Macht sich deutlich verringert. Wo sehen Sie einen Zusammenhang?
5. Wie würden Sie „Macht“ deklinieren: männlich, weiblich, divers? Institutionell, strukturell, moralisch?
6. „Non vi, sed verbo“ (Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort) lautet ein alter Glaubenssatz (Philipp Melanchthon) des Protestantismus. Nicht die Gewalt, sondern das Wort soll die Entscheidung herbeiführen. Haben Sie das jemals erlebt?
7. Der Philosoph Jürgen Habermas hat diesen Glaubenssatz modernisiert und säkularisiert: In einem herrschaftsfreien Diskurs zähle allein das bessere Argument. Kennen Sie dafür Beispiele aus Ihrer kirchlichen Praxis?
8. Denken Sie bei „Macht“ auch sofort an „Missbrauch“? Oder ärgern Sie sich eher darüber, wenn mit Macht ausgestattete Menschen ihre Möglichkeiten nicht nutzen?
9. Ein Kollege vernachlässigt seit Jahren seine Dienstpflichten, und alle wissen es. Warum reden Sie nur mit anderen darüber? Eine Kollegin verletzt gezielt Regeln, um ihre Vorhaben durchzusetzen, und alle regen sich im Stillen auf. Warum widersprechen Sie ihr nicht?
10. Es gibt die biblische Regel, dass man einen Menschen, der eine Schuld (z.B. einen Machtmissbrauch) auf sich geladen hat, direkt und allein ansprechen soll; wenn dies nichts hilft, soll man ein, zwei geeignete Personen hinzuziehen; danach erst soll man den Ärger öffentlich machen (Matthäus 18,15-17). Warum halten Sie sich nicht daran? Weil mehr Macht darin liegt, hinter dem Rücken schlecht über einen Menschen zu reden? Weil es Ihnen an Courage mangelt? Weil Sie sich machtlos fühlen und keine Chance sehen, damit etwas zu bewirken? Weil Sie Repressalien oder Mobbing befürchten?
11. Bewerten Sie Machtgebrauch und Machtmissbrauch bei Ehrenamtlichen anders als bei Hauptamtlichen?
12. Verschwinden die Hierarchien, wenn wir uns duzen? Und warum umarmen sich neuerdings so viele zur Begrüßung? Glauben Sie, dass die Vertrautheit des Duzens die böse Macht vertreibt?
13. Was ist für Sie das größere Problem: Dass in der Kirche Macht ausgeübt wird, oder, dass niemand genau zu sagen weiß, von wem eigentlich? Bietet unsere Kirche durch ihre Strukturen zu viele Möglichkeiten, Macht auszuüben, ohne dass jemand haftbar wäre?
14. Wie würden Sie das in englischsprachigen Kirchen beliebte Wort „Empowerment“ ins Deutsche übersetzen? Oder ist das unmöglich?
15. Wenn Sie etwas durchsetzen wollen, tun Sie dies, weil Sie zuständig sind oder weil Sie sich verantwortlich fühlen? Und warten Sie darauf, bis alle anderen zugestimmt haben?
16. Die evangelische Kirche schleppt viel Geschichte mit sich herum. Doch wenn Sie den Blick nach vorn richten: Welche Art von Durchsetzungskraft würden Sie sich wünschen?
17. Haben Sie lieber die Macht, oder haben Sie lieber recht? Wollen Sie sich durchsetzen oder sich überlegen fühlen? Verachten Sie Menschen, die mächtiger sind als Sie, d.h. fühlen Sie sich über sie erhoben?
18. Ist Moral für Sie ein Machtinstrument?
19. Haben Sie eine biblische Lieblingsgeschichte, die von Macht handelt, oder konzentrieren Sie sich eher auf die Ohnmachtsgeschichten der Bibel?
20. Haben Sie etwas gegen den Glauben an die Allmacht Gottes? Wenn ja: Was? Ist Ihnen etwa die Allmacht des Menschen lieber?
21. Glauben Sie an die Macht der Liebe?
22. Gehen Sie in die Natur, um menschlichen Machtspielen zu entkommen? Gehen Sie aus diesem Grund auch in die Kirche?
23. Haben Sie jemals darum gebetet, mehr Macht zu haben?
Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.