Unser Bauernkrieg

Warum der Aufstand vor 500 Jahren noch immer ein aktuelles Thema ist
Foto: privat

Ich schreibe Ihnen, werte "z(w)eitzeichen"-Leser:innen, heute von einer vollgepackten und ziemlich hochkarätigen wissenschaftlichen Tagung zu 500 Jahren Bauernkrieg, die in dieser Woche in Bad Frankenhausen stattfindet. Das Gedenken an den Aufruhr von 1524/25 bringt es mit sich, dass es auch in der ostdeutschen Provinz richtig was zu erleben und zu lernen gibt! Nicht zuletzt, dass der Bauernkrieg in einem emphatischen Sinne unser Krieg ist. 

Damit ist zunächst einmal die Tendenz gemeint, sich mit den Aufständischen von damals positiv zu identifizieren. Laut Professor Gerd Schwerhoff von der TU Dresden, einem der maßgeblichen Bauernkriegsbuchautoren des gegenwärtigen Denkjahres, können sich auch die Forscher:innen diesem Sog nicht gänzlich entziehen. Es macht jedenfalls Spaß, sich mit dem Bauernkrieg – vielleicht ja auch zum ersten Mal – intensiv auseinanderzusetzen. 

Zum Beispiel der Bundespräsident

Exemplarisch vorgeführt hat einen solchen identifikatorischen Rückbezug Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum Bauernkriegsgedenken am 15. März in Memmingen. Die Aufständischen von damals sind ihm der Auslöser einer „Freiheitsbewegung“, die bis in unsere Zeit fortdauert. Wir Bürger:innen können uns von ihnen eine Scheibe Courage abschneiden: „Dass wir es bleiben, frei bleiben, das liegt heute in unser aller Hand! Begegnen wir den Bedrohungen von Freiheit nicht mit Gleichgültigkeit.“

In einem zweiten Sinn ist der Bauernkrieg aber unser Krieg im Blick darauf, was die Aufständischen damals einte und bewegte. Durch die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte sei deutlich geworden, höre und lerne ich, dass man ihn wohl kaum zutreffend als „deutsch“, als „Krieg“ und als „Revolution des gemeinen Mannes“ bezeichnen kann. Jedenfalls nicht, ohne detailliert darzulegen, was man denn nun unter deutsch (das Alte Reich?), Krieg (das Niederschlagen der Aufständischen durch die Obrigkeiten?) und Revolution versteht.

Ohne Reformation kein Bauernkrieg

Übrig bleibt als Klammer um die Vielheit der verschiedenen Ausdrücke, die der Aufstand in den Jahren 1524/25 fand, das Evangelium, auf das die Haufen, die Publizisten und selbst die den Aufstand bekämpfenden Obrigkeiten Bezug nahmen. Der Bauernkrieg wurde maßgeblich, darin sind sich die Forscher:innen nun 500 Jahre nach der „wilden Handlung“ weitgehend einig, nicht nur von den sozio-ökonomischen Nöten der einfachen Land- und Stadtbevölkerung angetrieben (wie die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik noch zum 450. Jubiläum es mehrheitlich vertrat), sondern vom Streben der Aufständischen nach christlicher Freiheit und Gerechtigkeit. Ohne Reformation kein Bauernkrieg.

Zu unterscheiden sei jedoch zwischen der apokalyptisch orientierten Perspektive, aus der Martin Luther und Thomas Müntzer – bei allen Unterschieden - im Geschehen auf die Zeitenläufe blickten, und der „bäuerlichen“ Weltzugewandtheit. Den Aufständischen ging es um die Umstände hier auf Erden, die evangeliumsgemäß umgestaltet werden sollten.

Zwei Lager

Das macht die Erinnerung an „unseren“ Bauernkrieg als den Krieg, der zur Reformation gehört, der ohne Luthers Freiheitsschrift undenkbar ist, an diesen Religionskrieg der einfachen Leute, der sich vor allem auch gegen geistliche Obrigkeiten richtete, die weltliche Macht missbrauchten, heute im Jahr 2025 so aktuell. Heute erscheint die weltweite Christenheit, wie sie uns medial vermittelt in herber Gleichzeitigkeit vor Augen steht, erneut in zwei Lager geteilt, die quer zu Konfessionen, Frömmigkeiten und politischen Orientierungen liegen: 

Da sind jene, die das Ende der Zeiten gekommen sehen. Nicht nur solche, die von Rapture und Apokalypse träumen, sondern auch jene, die - üblicherweise hübsch institutionell abgesichert und mit bürgerlichen Sicherheiten reich gesegnet - mit gehörigem Zynismus dem Verfall von Abendland, christlichen Werten, Kirchenbindung etc. pp. beiwohnen. Und natürlich jene, die aus dem von ihnen diagnostizierten „Untergang“ Legitimation für die eigene Gewaltanwendung ableiten, seien es US-amerikanischen Kulturkrieger oder die russisch-orthodoxe Putin-Kirche. 

Noch nicht fertig

Auf der anderen Seite finden sich diejenigen ein, die diese Welt und die Menschen (noch) nicht aufgegeben haben und die Kraft der Hoffnung auch daran glauben, dass mit dem Evangelium mehr und anderes gemeint ist als nur der Trost auf ein gedeihlicheres Jenseits.

Geht es uns heute um eine verstümmelte Form christlicher Freiheit, die ausschließlich die geistliche Freiheit meint – und in der Gefahr steht, sich von leidensfähiger Zeitgenoss:innenschaft freizusprechen? Die den Mächtigen der Welt nicht in den Arm fällt, wenn sie das Schwert gegen die Armen und Schwachen führen? Oder halten wir daran fest, dass christliche Freiheit auch heute Freiheitskampf und -Gestaltung auf Erden meint. 

Erinnerung und Gedenken an den Bauernkrieg können zu einer vertieften Befassung damit führen, wie Christ:innen sich heute zu Obrigkeit, Machtmissbrauch, Verteilungs- und Schöpfungsgerechtigkeit stellen sollten. Wir sind mit dem, was die Aufständischen damals begonnen haben, tatsächlich noch nicht fertig. 

 

Hinweis: Hier geht es zum Schwerpunkt zum Thema Bauernkriege in der zeitzeichen-Ausgabe vom Januar diesen Jahres.

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