In den vergangenen Monaten ist es an der Ruhr-Universität Bochum zu Einbrüchen, rechtsextremen Schmierereien, Einschüchterungsversuchen und Vandalismus gekommen, und dies gezielt gegen Einrichtungen, die sich für Gleichstellung, Antidiskriminierung
sowie queer-feministische Belange einsetzen. Als Prorektorin für Diversität, aber auch jenseits meines Amtes hat mich das schockiert und intensiv beschäftigt. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass die Demokratie in meiner lifetime gefährdet sei.
Als rechtsextreme Aktivisten schließlich auch noch Regenbogenflaggen auf dem Campus verbrannten und ihre faschistischen Codes hinterließen, war das Entsetzen groß. Viele hatten das Bedürfnis etwas zu tun. Das Rektorat rief eine Kundgebung ins Leben, die ein klares Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzte. Es versammelten sich spontan weit über 1000 Menschen. Es gab ein leuchtendes Meer an Regenbogenfahnen. Menschen aus allen Statusgruppen kamen und zeigten Solidarität – die Verwaltung war fast komplett vertreten, aber auch viele Studierende, Lehrende und Professor*innen. Das war sehr ermutigend.
Wir überlegen derzeit intensiv, wie wir längerfristig und nachhaltig auf die Vorkommnisse reagieren können. Wie sorgen wir für Sicherheit für besonders vulnerable Gruppen? Und was kann die Universität zur Demokratiebildung beitragen? Wie können wir Demokratiefeindlichkeit bekämpfen? Woher rührt der Verdruss und die Ablehnung von Vielfalt und Freiheit? Wie kommt es, dass vor allem junge Männer nach rechts abdriften? Dahinter steckt ein gesellschaftliches Misstrauen, das unsere Werte und Institutionen fundamental bedroht. Es ist elementar, die Komplexität dieser Entwicklung, die sich nicht nur an der Universität, sondern gesamtgesellschaftlich vollzieht, und die damit verbundenen Krisen zu verstehen. Die Universität ist ein hervorragender Ort für ein solches Verstehen. Sie distanziert sich als Ort der Wissenschaft von einfachen Kausalitätszuschreibungen und so genannten alternative facts. Sie setzt Letzteren wissenschaftliche Fakten entgegen und analysiert nüchtern gesellschaftliche Konflikte. Schon allein dadurch trägt sie zur Demokratiebildung bei.
Hochschulen sind keine politisch wertfreien Orte, sie sind der Verfassung verpflichtet und haben die Aufgabe, Demokratiebildung zu betreiben. Sie sollten deshalb eine klare Haltung zeigen und sich zur liberalen Demokratie bekennen. Zugleich muss die Universität Räume bereitstellen, in denen kontrovers diskutiert werden kann – ohne Angst vor Widerspruch. Auch über Diversität, ein Thema, durch das sich immer mehr Menschen getriggert fühlen, ist klug und pragmatisch aufzuklären, damit möglichst viele verstehen, warum Vielfalt zwar anstrengend, aber grundsätzlich keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung ist.
Viele Herausforderungen warten auf uns. Nicht nur an der Universität. Wir alle sind gefordert, im alltäglichen Leben eine klare Haltung zu zeigen und nicht wegzusehen, wenn Menschenrechte verletzt werden, sondern Zivilcourage zu zeigen und sich zu engagieren. Nur so hat unsere Demokratie eine Zukunft.
Isolde Karle
Isolde Karle ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bochum.