Ein fragwürdiges Interview und seine Folgen

Zur Debatte über das öffentliche Sterben des Autors Niki Glattauer
Der österreichische Autor Niki Glattauer (1959-2025), Foto von 2018.
Foto: picture alliance
Der österreichische Autor Niki Glattauer (1959-2025), Foto von 2018.

Der österreichische Autor Niki Glattauer hat sich am 4. September 2025 das Leben genommen. Er litt unheilbar an Krebs und wählte des Weg des assistierten Suizides. Die Entscheidung sei natürlich zu respektieren, die mediale Setting drumherum sei aber sehr fragwürdig und dürfe keinesfalls Schule machen, meint der Wiener Theologe und Ethikexperte Ulrich H.J. Körtner.

Der assistierte Suizid von Niki Glattauer schlägt hohe Wellen, hatte der 66-Jährige ihn doch zwei Tage zuvor in einem Interview öffentlich angekündigt, das er der österreichischen Wochenzeitung Falter und der Internet-Agentur NewsFlix gegeben hat. Glattauers öffentlich inszeniertes Sterben fand in den Medien gewissenmaßen in Echtzeit statt. 

Rechtliche Grundlage für seinen assistierten Suizid war das österreichische Sterbeverfügungsgesetz, das es sterbenskranken Menschen erlaubt, nachdem sie ein rechtlich genau vorgeschriebenes Beratungs- und Aufklärungsverfahren durchlaufen haben, sich ein tödliches Präparat aushändigen zulassen und damit aus dem Leben zu scheiden. 

Die Art und Weise, in der Niki Glattauer, Falter und NewsFlix  Glattauers geplantes Sterben öffentlich gemacht haben, ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig, medienethisch wie medizinethisch. Letztlich mangelte es zwischen Glattauer, dessen Entscheidung Respekt verdient, und den beteiligten Journalisten an professioneller Distanz. Einen Tag nach Glattauers Tod hat NewsFlix ein Interview mit der betreuenden Ärztin veröffentlicht (die zugleich Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für ein humanes Lebensende – OGHL – ist), in dem sie für die Anliegen ihrer Sterbehilfeorganisation wirbt. Die OGHL wiederum arbeitet mit Exit und Dignitas in der Schweiz zusammen. Der Falter hat diese Woche ein – differenzierteres – Interview mit der Ärztin gebracht. Man kann sich die Frage stellen, ob diese Art von öffentlichem Sterben nicht auch eine wechselseitige Instrumentalisierung der Beteiligten bedeutet.

Werbung für assistieren Suizid

Auch wenn die Redaktionen von Falter und Newsflix Hinweise auf Beratungsangebote für Suizidgefährdete geben, wie es heutzutage Standard bei Berichterstattung über Suizide ist, liest sich das zwei Tage vor Glattauers Tod veröffentlichte Interview doch wie eine Werbung für den assistierten Suizid, die zudem suggeriert, ein wirkliches Sterben in Würde könne es – noch dazu wegen der von Glattauer kritisierten Missstände im Gesundheitswesen – im Grunde nur in Form eines assistierten Suizids geben. 

Dieser Eindruck ist durch die öffentlichen Berichte über die letzten Stunden Glattauers und seine letzten Worte („Schön, wow!“) noch verstärkt worden. Schon die gängige Rede vom selbstbestimmten Sterben ist problematisch, weil sie suggeriert, als ob Menschen, die keinen Suizid in Betracht ziehen, keine Selbstbestimmung hätten. Auch kommen im Interview gesundheitsökonomische Aspekte ins Spiel, die, wenn sie Überlegungen in Richtung assistierten Suizid begünstigen, fatal sind. 

Die durch Glattauer ausgelöste Debatte reicht zudem über Österreich hinaus. Der Journalist Thomas Kaspar hat Glattauers Suizid in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen vom 5. September als „letzten Dienst an der Gesellschaft“ gepriesen und erklärt: „Ein geplanter, begleiteter Abschied erspart Familien und nahen Menschen das hilflose Zusehen beim Leiden ihrer Liebsten. Statt monatelangem Trauma gibt es die Möglichkeit zum bewussten Abschiednehmen. Glattauers Familie konnte sich verabschieden, statt ohnmächtig zuzusehen, wie der Krebs ihn zerfrisst.“ Der vermeintlich vorbildhafte Suizid Glattauers wird zum moralischen Appell umgedeutet, es ihm gleichzutun. Nicht nur für Schwerstkranke selbst, auch für viele Angehörige, die einen krebskranken Patienten bis zum Ende umsorgen und begleiten, ist das ein furchtbarer Satz.

Palliativangebote verschwiegen

Glattauer wird mit den Worten zitiert: „Ich war bei den Barmherzigen Brüdern, ein katholisches Haus. Dort ist kein Arzt, der sagt: ‚Ja, recht haben Sie, gehen Sie sterben, Suizid ist super.‘ Die sagen dort alle: ‚Bitte probieren Sie, weiter durchzuhalten.‘ Ich habe für mich entschieden, ich mache das nicht.“ Seine Entscheidung ist zu respektieren. Dass im Interview aber weiter kein Wort zu den Palliative-Care-Angeboten der Barmherzigen Brüder und ihrem Palliativen Konsiliardienst, zu sonstigen ambulanten und stationären Palliativangeboten in Wien verloren wird, ist problematisch. Stattdessen wird nur ein größeres Angebot an Ärzten gefordert, die zur Unterstützung Suizidwilliger bereit sind. (Glattauer: „Gäbe es in Wien 30 Ärzte, die das machen würden, müsste ich mich nicht nach dem Terminkalender von Innsbrucker Ärzten richten, sondern könnte wirklich sagen: So, jetzt.“)

Bei allem Respekt vor der Person des Verstorbenen und seiner Entscheidung wäre es für unsere Gesellschaft fatal, wenn dieses Beispiel Schule machte. Ein Sterben in Würde mit assistiertem Suizid gleichzusetzen ist eine unzulässige Verschiebung im öffentlichen Diskurs über eine zeitgemäße Ars moriendi.

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Beiträge zu „Gesellschaft“