Alt und Neu

Wie völlig Verschiedenes zu neuer Einheit werden kann

Das gestrige Konzert vom RIAS Kammerchor inspiriert unseren Kolumnisten Christoph Markschies zu einem großangelegten Gedankenpfad, wie Altes und Neues, seien es Dinge oder Ideen, zu einer spannungsvollen, gewinnbringenden Einheit werden können, wenn die Qualität stimmt. 

Immer noch bin ich ganz beseelt von einem Konzert in der Berliner Philharmonie gestern Abend. Der RIAS Kammerchor Berlin, ein vorzügliches professionelles Ensemble, sang im Rahmen des Musikfestes Berlin ein Programm anlässlich des fünfhundertsten Geburtstags von Giovanni Pierluigi da Palestrina und des neunzigsten Geburtstags von Arvo Pärt

Das Besondere dieses Konzerts war aber, das die Sätze von Palestrinas ikonischer, zauberschöner „Missa Papae Marcelli“ verschränkt waren mit Stücken aus rund sechzig Jahren künstlerischen Schaffens des estnischen Komponisten Pärt. Die Messe des sechzehnten Jahrhunderts erklang also nicht in der klassischen Reihenfolge Stück für Stück, sondern im Wechsel mit Kompositionen von Arvo Pärt aus unseren Tagen. Die sphärischen Ton- und Harmoniecluster beispielsweise eines seiner ersten Kompositionen, Solfeggio, auf die variierten italienischen Ton-Namen do, re, mi, fa, sol, la, si, die das Konzert eröffneten, passten vorzüglich zu den großartigen Harmonien im Kyrie von Palaestrina, das folgte. Fast atemlose Stille, kein Applaus unterbrach das geflochtene Band, erst vor der Pause und am Ende applaudierte das Publikum begeistert. Mir – und offenkundig nicht nur mir – schien, dass alle Stücke für sich leuchteten, aber die Zusammenstellung der verschiedenen und doch vergleichbaren Stile das Leuchten verstärkte zur einer wunderbaren Abendsonne über dem Horizont. 

Ein sehr instruktives Programmheft informierte das Auditorium über die Stücke, der in Berlin im Rundfunk mit großartigen Musiksendungen präsente Bernhard Schrammek verfasste den einleitenden Essay „Palestrina und Pärt. Die ferne Nähe zweier Jubilare“. Darin bezeichnet er beide Komponisten als „spirituell tiefgründig“ und referiert neben den Lebensläufen der Komponisten Details ihres Kompositionsstils. Für Palestrina, den an den großen römischen Kirchen Santa Maria Maggiore, San Givanni in Laterano und San Pietro in Vaticano wirkenden Reformer der Kirchenmusik, informiert er über die Beziehungen seiner „Missa“ zu den Reformdiskussionen auf dem Konzil von Trient (Palestrina schrieb sie 1562). Bei Arvo Pärt behandelt er vor allem dessen Wende im eigenen Kompositionsstil nach seiner Konversion zur russisch-orthodoxen Kirche. 

Spezifische Einfachheit

Man kommt beim Lesen dieses Essays unwillkürlich zum Schluss, dass nach Schrammek die Tiefgründigkeit von Palestrina und Pärt in einer jeweils spezifischen Einfachheit besteht: Palestrina deckt nicht mit Polyphonie den liturgischen Text der Messe zu, sondern bringt ihn zum Strahlen, Pärt verwendet regelhaft gebundene Dreiklangstöne bei sparsamen Melodiebewegungen, baut daraus Klangflächen, auf denen die Texte stehen und glänzen. 

Wenn man einmal so auf geflochtene Bänder von Altem und Neuem achtet, in denen Unterschiedlichkeit wie Gemeinsamkeit eine besondere Einheit in Verschiedenheit formen, dann fallen einem schon in der Berliner Philharmonie solche Beziehungen auf. Da steht seit neuestem ein hölzerner Stuhl aus der 1945 zerstörten alten Philharmonie in der Bernburger Straße, dem Ort, an dem Nikisch und Furtwängler dirigierten. Da der Mehrzwecksaal, ursprünglich als Rollschuhbahn, auch für Festessen und Bälle, benutzt wurde und nicht nur für das Philharmonische Orchester, gab es keine fest montierten Sessel, sondern überaus schlichte Holzstühle ohne Polster. Einer davon hat das Inferno des Bombenkriegs überlebt und würde heute vermutlich von vielen Besuchenden als unzumutbar empfunden. 

Stuhl Philharmonie
Foto: Wikipedia

 

 

Direkt neben dem Stuhl aus der alten Philharmonie stehen Stühle, mit denen Hans Scharon seine 1963 eröffnete neue Philharmonie ausstattete: Ganz einfache Stahlrohrstühle mit sehr einfachen, knappen, dünnen Polstern in den Farben altgelb und dunkellila. Manche haben nicht einmal eine Rückenlehne. Einzelne Rohre sind schon etwas verbogen, das dünne Polster wurde sicher einmal irgendwann aufgepolstert. Bequemer als in der alten Philharmonie ist es sicher auf den Sitzen im großartigen, terrassenförmig gegliederten Konzertsaal der neuen, aber auch nicht luxuriös. Eine durch feine Eleganz aufgewertete Einfachheit prägt den Saal. Und die Stühle.

Einmal so auf die besondere Einheit in Verschiedenheit gewiesen durch das Konzert und die Stühle der Philharmonie, fällt auf dem Nachhauseweg gleich das nächste Paar auf. Die alte, nach weitgehender Kriegszerstörung abgerissene Philharmonie baute der Architekt Franz Schwechten aus einer Rollschuhbahn in einen Konzertsaal um. Von ihm stammte auch der große neoromanische Bau der alten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg auf dem heutigen Breitscheid-Platz. 1943 wurde auch diese Kirche durch Bomben schwer getroffen und nach längeren Auseinandersetzungen um einen Wiederaufbau die Reste des Kirchenschiffs vollständig abgerissen. Den Wettbewerb für den Neubau gewann der in Karlsruhe lebende Architekt Egon Eiermann. Eiermann musste – zunächst durchaus widerwillig – akzeptieren, dass eine überwältigende Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner wollte, dass die Turmruine der alten Kirche stehen blieb. Die steht nun in der Mitte zwischen einem neuen Glockenturm und dem oktogonalen Kirchengebäude. Wieder so eine spannungsreiche Einheit von alt und neu. 1963 wurde die neue Kirche eingeweiht, im selben Jahr wie die neue Philharmonie.

Ich leite eine Akademie der Wissenschaften, die dieses Jahr ihren dreihundertfünfundzwanzigsten Geburtstag feiert und vorletztes Jahr ihren dreißigsten gefeiert hat. Das ist natürlich mathematisch unmöglich, aber wir sind gleichzeitig vormals Preußische Akademie und die 1993 neu konstituierte Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Wir haben bis auf den heutigen Tag die sogenannten preußischen Traditionsvorhaben, wunderbare Editionen von antiken Inschriften und kanonischen Texten wie griechischen Medizinern oder christlich-antiken griechischen Autoren. Die stammen im Kern noch aus der Preußischen Akademie. Aber wir haben auch seit 1993 interdisziplinäre Arbeitsgruppen zur Gesellschafts- und Politikberatung, beispielsweise zur Zukunft der Arbeit oder gesunder Ernährung. Eine Neuerfindung, die rund dreißig Jahre alt ist. Gab es vorher nicht. Beides, die alten und die neuen Elemente, bilden ein mitunter spannungsreiches, aber immer bereicherndes Miteinander von Verschiedenheit in der Einheit einer Organisation.

Abgedroschene Programmformel?

Früher hielt ich die Formel „Einheit in Verschiedenheit“ für eine ziemlich abgedroschene Programmformel, mit der Politiker gern die Spannungen in Europa zudecken und Theologen die Probleme in der Ökumene. Sind Deutschland und Frankreich denn etwa wie Pärt und Palestrina? Sind die römisch-katholische und die evangelische Kirche denn wie der uralte einfache Stuhl der alten und der elegante, aber einfache Stuhl aus der neuen Philharmonie? Hilft die Idee, dass verschiedene, aber einander doch an bestimmten Punkten vergleichbare Dinge eine spannungsvolle, aber auch in sich reiche Einheit bilden, für das Verhältnis von Ost und West, arm und reich, Männern und Frauen und so weiter und so fort? 

Hier stock´ ich schon. Man kann es mit der „Einheit in Verschiedenheit“ übertreiben und daraus eine recht triviale Formel machen. Eine Formel, die viel spannungsloser ist als die spannungsreiche Einheit von altem und neuem Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Warum passen die unterschiedlichen Türme am Breitscheidplatz so gut zusammen? Nun, Franz Schwechten war ein Meister seines Fachs, gerade so wie es Egon Eiermann auch war. Und beiden gelang jeweils noch ein Meisterwerk in der langen Reihe ihrer vorzüglichen Bauwerke. 

Ein geflochtenes einheitliches Band aus Verschiedenheit setzt voraus, dass die verflochtenen Elemente von Alt und Neu von herausragender Qualität sind. Anders formuliert: Paul Gerhardt und irgendeine abgedroschene Schnulze passen nicht zusammen. Hohe textliche Kunst eines Gebetes oder biblischen Textes und ein künstlicher Gebetstext aus dem frisch auf den Markt gekommenen KI-Programm Chat GPT5 bilden keine Einheit in Verschiedenheit. Sinn und Geschmack für solche qualitätvollen Kombinationen von Alt und Neu muss man trainieren. 

Aber eine gute Nachricht bei allem ist: Man kann es lernen. Und sollte es beispielsweise in der Ausbildung zum Pfarrberuf auch lernen können. Ob es aber gelingt, im Theologiestudium und in der zweiten Ausbildungsphase (auch so eine spannungsvolle Einheit) Altes, was wir schon lange haben, und Neues, was wir dringend brauchen, in Zukunft gut zu verbinden? Kommt darauf an. Worauf? Na, auf die Qualität. 

 

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