Habe nur ich den Eindruck? Seit einigen Jahren gibt es in der evangelischen Kirche einen regelrechten Boom an queerfreundlichen Initiativen. Und zwar nicht nur „von unten“ - an der Basis sind queere Aktionen und Akteur*innen schon lange präsent - sondern „von oben“.
Nachdem die Synode der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) 2023 ein „Schuldbekenntnis gegenüber queeren Menschen“ verabschiedet hat, organisierte sie diesen Sommer ein „queersensibles Netzwerk-Treffen“ und will nun das Thema strukturiert in die eigenen Abläufe integrieren - etwa mit einem Curriculum, um Haupt- und Ehrenamtliche für queere Themen zu sensibilisieren, oder mit einer Konferenz zum Thema „Queere Theologie“. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hat ebenfalls vor zwei Jahren eine Erklärung zur Schuld an queeren Menschen formuliert, und im Kirchenkreis Berlin Süd-Ost gibt es seit kurzem eine Projektstelle für Queere Arbeit. Die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat seit 2023 eine Orientierungshilfe für die Trauung queerer Menschen. Der Dachverband der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD) verpflichtet sich laut neuem Selbstverständnis ausdrücklich zu Queerfreundlichkeit. Die Nordkirche hat im Juni 2024 einen „Regenbogenmonat“ ausgerufen und Anfang 2025 eine nicht binäre Pfarrperson für queersensible Bildungsarbeit eingestellt. Um nur einige Beispiele zu nennen.
Mit Verspätung
Es wird zuweilen darüber gewitzelt, dass die evangelische Kirche gesellschaftliche Entwicklungen gerne mit zehn Jahren Verspätung nachvollzieht, und da ist was dran: Von der Gleichberechtigung von Frauen über die Abschaffung des Zölibats für Pfarrerinnen bis zur Anerkennung homosexueller Beziehungen zeigt sich ein ähnliches Muster. Und auch jetzt kommt das ungefähr hin. Viele Unternehmen und säkulare Organisationen haben in den 2010er Jahren das Thema Queerness entdeckt und zum Beispiel CSD-Paraden als gute Gelegenheiten für liberale Selbstdarstellung genutzt. Offizielle Kirchenwagen hingegen sind beim Christopher Street Day erst seit wenigen Jahren am Start. Dafür nun aber umso enthusiastischer: Dieses Jahr waren meine Social Media Accounts ein endloser Strom von Pfarrer*innen und anderen kirchenleitenden Personen in Glitzerklamotten, die vielfältige Geschlechtsidentitäten feierten und die entsprechenden Fotos stolz bei Instagram posteten.
Man kann sich über die notorische Zeitgeist-Nachzügelei der evangelischen Kirche natürlich lustig machen. Doch gerade heute könnte sich herausstellen, wie gut das ist. Oder was für ein Glück. Denn durch ihre notorische habituelle Verzögerung kommt die Kirche gerade jetzt auf dem Zenit queerfreundlichen Bewusstseins an, also zu einer Zeit, in der so viele andere ihre Fähnlein schon wieder in eine andere Richtung drehen.
"Vibe shift"
Nachdem autoritäre Machthaber wie Putin und Erdogan schon lange das Queere und Bunte als Feindbild entdeckt haben, stehen nun - inspiriert von Donald Trumps zweiter Amtszeit - auch in westlichen Demokratien die Zeichen konservativ-bürgerlicher Milieus auf „anti woke“. Und dazu gehört auch die Ablehnung von allem, was nach trans, queer, nicht binär und so weiter aussieht. Von einem „vibe shift“, einem Stimmungsumschwung ist die Rede. Tatsächlich hatten die CSDs in vielen Städten, darunter Berlin, Köln und Hamburg dieses Jahr mit deutlich gesunkenen Sponsoren-Einnahmen zu kämpfen. Viele Firmen scheinen erstmal abzuwarten, ob Queersein in Zukunft überhaupt noch „cool“ ist, oder ob man nicht lieber zu Werbezwecken einen Tradwife-Kanal gründen sollte.
Womöglich ist es tatsächlich ein Segen, dass wesentliche inhaltliche Pfadentscheidungen - wie die, ob man pro oder contra geschlechtliche Vielfalt ist - bei Kirchens etwas länger dauern als anderswo. Positionen werden hier nicht von oben dekretiert oder im Angesicht von Hypes und kurzfristigen Moden übers Bein gebrochen, sondern erstmal in Ruhe diskutiert, abgewogen und durchgekaut.
Aber dafür haben sie dann auch länger Bestand. Hoffentlich.
Antje Schrupp
Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Frankfurt/Main.