„Mehr als Räume“
Die evangelischen Kirchen in Deutschland stehen inmitten einer grundlegenden Transformation. Sinkende Mitgliederzahlen, rückläufige Einnahmen und strukturelle Veränderungen zwingen die evangelischen Landeskirchen zu tiefgreifenden Konsolidierungsmaßnahmen. Daniel Hörsch und Friederike Erichsen-Wendt, zwei Fachleute der EKD für Reformprozesse, skizzieren eine Typologie des kirchlichen Milieus angesichts der aktuellen Wandlungsprozesse.
Besonders sichtbar wird die grundlegende Transformation der evangelischen Kirchen in Deutschland an der Frage nach dem Umgang mit kirchlichen Gebäuden: Kirchen, Gemeindehäuser und kirchlich genutzte Liegenschaften geraten aus finanziellen, demografischen und strategischen Gründen unter Druck[1]. Während die institutionelle Debatte oft unter dem Schlagwort „Immobilienstrategie“ geführt wird, berührt das Thema zugleich das Herz der kirchlichen Präsenz: die Frage nach den Orten des Glaubens, der Begegnung, des kulturellen Gedächtnisses und der sozialen Teilhabe. Es ist mit Händen zu greifen: Hier stehen Entscheidungen an, die von langfristiger Bedeutung sind und auf das Nachhaltigkeitsversprechen von Kirchen einzahlen. Wo werden auch kommende Generationen Orte christlichen Lebens finden?
Kirchengebäude sind mehr als Räume. Sie sind Symbole, Erinnerungsorte, Bühnen existenzieller Übergänge, Resonanzräume für Liturgie, Musik und Stille. Inmitten ihrer baulichen Präsenz artikuliert sich eine kirchliche Öffentlichkeit, die größer ist und weiter reicht als das, was kirchlicherseits gerade „aktuell“ ist. Sie sind häufig auch für diejenigen wichtig, die sich dort nicht regelmäßig sehen lassen. Der Umgang mit kirchlichen Gebäuden verlangt daher nach mehr als betriebswirtschaftlicher Effizienz oder Denkmalpflege. Es bedarf eines möglichst genauen Verständnisses, das die Wahrnehmung, emotionale Bindung, spirituell-religiöse Anschlussfähigkeit und kulturelle Erwartung unterschiedlicher kirchlicher Zielgruppen systematisch einbezieht.
1. Religiös-Verbundene: Die Religiös-Verbundenen stellen denjenigen Teil der Mitgliedschaft dar, der über ein stark ausgeprägtes religiöses Selbstverständnis verfügt. Für sie ist die Kirche vor Ort kein austauschbarer Raum, sondern ein geistlicher Ankerpunkt, ein Ort des Gebets, der Gottesbegegnung, der stillen Präsenz Gottes im Alltag. Ihre Bindung an Kirchenräume ist hoch emotional, tiefreligiös und existenziell verankert. Schließungen dieser Räume führen, selbst bei guten rationalen Argumenten, zu einem Gefühl kirchlich-religiöser Entwurzelung.
Die Kommunikation mit dieser Gruppe sollte liturgisch gut verankert sein. Rituale des Abschieds, der Entwidmung, der Übergabe an eine neue Nutzung sind geistliche Prozesse, die seelsorgliche Begleitung freisetzen. Liturgisch-musikalische Formate, Andachten, Segensfeiern, Abschiedsliturgien und offene Gebetszeiten helfen dieser Personengruppe, den Verlust zu verarbeiten. Sie ist weniger an Partizipationsprozessen und organisationalen Zwängen interessiert, sondern erwartet eine theologisch fundierte und seelsorglich sensible Begleitung.
2. Gesellschaftlich-Verantwortungsbewusste: Diese Anspruchsgruppe orientiert sich stark an gesellschaftsethischen Werten. Kirche wird als zivilgesellschaftliche Akteurin verstanden, als Ort der Mitverantwortung für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl. Für sie sind Kirchengebäude nicht primär religiöse Räume, sondern soziale und kulturelle Gemeingüter – also Orte, die im Grundsatz allen offenstehen, die sie nutzen möchten. Der Begriff der „Kirche als Gemeingut“, wie ihn das Kirchenmanifest stark macht,[2] trifft hier auf hohe Anschlussfähigkeit. Dass Mittel und Wege zu finden sind, um kirchliche Gebäude klimaneutral zu machen, ist für sie selbstverständlich.
Kommunikation mit dieser Gruppe gelingt mit hoher Wahrscheinlichkeit beteiligungsorientiert, diskursiv und gemeinwohlbasiert. Partizipative Transformationsprozesse, Workshops, Quartiersdialoge und sozialraumorientierte Nutzungskonzepte sprechen sie an. Die Einrichtung von lokalen Stiftungslösungen, gemeinschaftlich getragenen Trägerschaftsmodellen oder genossenschaftlichen Nutzungsformen wird von diesen Mitgliedern nicht nur akzeptiert, sondern aktiv unterstützt. Der Kirchenraum wird dabei zum Marktplatz gesellschaftlicher Verantwortung, ein offener Ort für Kultur, Bildung, Dialog und Engagement.
3. Modern-Pragmatische: Die Modern-Pragmatischen verfügen über eine funktional orientierte Sicht auf Religion. Sie sind nicht tief verwurzelt in Liturgie oder Theologie, aber offen für Angebote, die ihnen oder ihren Familien im Alltag nützlich sind. Der Kirchenraum ist für sie relevant, wenn er mit bedeutenden biografischen Stationen (Taufe, Hochzeit, Trauer) oder persönlich passenden Angeboten (zum Beispiel Krabbelgruppen, Musik, Yoga, Beratung) verknüpft ist.
Für diese Zielgruppe ist Kommunikation nur dann relevant, wenn sie einen klaren Nutzen transportiert. Was passiert mit dem Raum? Was bringt mir das? Wo kann ich mit meinen Kindern hingehen? Welche neuen Angebote entstehen? Kommunikation muss serviceorientiert, positiv, klar und handlungsbezogen sein. Auch digitale Kanäle spielen hier eine Rolle, insbesondere Social Media, Webseiten und Apps, die Auskunft über Angebote, Buchungsmöglichkeiten oder Veranstaltungen geben. Beteiligung ist möglich, wenn sie niederschwellig, zeitlich begrenzt und klar strukturiert ist.
4. Ereignisorientiert-Empfindsame: Diese Gruppe ist durch eine starke emotionale Anschlussfähigkeit geprägt. Sie sucht nach Orten des Innehaltens, des Erlebens, der Atmosphäre. Die Kirche wird als Kulisse für besondere Momente wahrgenommen, beispielsweise Weihnachten, Konzerte, Taufen, Trauerfeiern, Stille. Liturgie ist für sie nicht aufgrund des traditionellen Herkommens plausibel, sondern dann, wenn es ihr gelingt, im eigenen Leben anzuklingen.
Kirchenschließungen treffen diese Gruppe dort, wo Symbolik, Ästhetik und Emotionalität wirken. Sie erleben den Raumverlust als Verlust an Atmosphäre. Die Kommunikation mit ihnen muss emotional, erzählend, visuell gestaltet sein: mit Geschichten, Bildern, Musik, kurzen Videos. Digitale Erinnerungsräume, Pop-Up-Andachten oder kreative Segensformate („Blessing-Box“, „Erzähl-Kirche“) können diese Gruppe ansprechen. Partizipation erfolgt durch sinnlich-inszenatorische Formate. Deshalb führen Erlebnisse eher zu Identifikation als Informationsvermittlung.
5. Gesetzt-Zurückhaltende: Diese Mitglieder sind traditionsorientiert, liturgisch konservativ geprägt und legen Wert auf Sicherheit und Beständigkeit. Kirche ist für sie Heimat, Ordnung und kulturelles Gedächtnis. Der Kirchenraum verkörpert all das an Unveränderlichkeit, das ihnen selbst wichtig ist. Kirchenschließungen erzeugen Verunsicherung, Frustration und Rückzug.
Wichtig sind in der Kommunikation mit dieser Gruppe die persönlich gehaltene Ansprache (Brief, Hausbesuch, Gespräch), vertraute Formate (klassische Gemeindeveranstaltung) und eine theologisch vertraute Sprache. Positive Bewertungen von Veränderungen, Aktivismus und ergebnisoffene Diskurse über Umnutzungen führen leicht zu Irritation und Überforderungen. Der Verlust von Gebäuden muss als würdevoller Übergang gestaltet und nicht als notwendiger Fortschritt gepriesen werden. Hilfreich ist, wenn es gelingt, Kontinuitäten zu erzeugen, etwa durch ein gedrucktes Erinnerungsheft oder eine Gedenktafel.
6. Gleichgültig-Distanzierte: Diese Gruppe ist kaum religiös gebunden. Kirche ist für sie kaum relevant, höchst punktuell wird Kirche als kultureller oder sozialer Raum eines Ortes hingenommen. Kirchengebäude wirken für sie im Vorübergehen: als Teil der Umgebung, als Glocke im Alltag, als Turm und Orientierungspunkt in der Ortsmitte.
Kommunikation ist bei ihnen vor allem indirekt und passiv wirksam: durch Plakate, offene Türen, Außenbeleuchtung, Glockengeläut, durch öffentliche Veranstaltungen, die nicht „kirchlich“ wirken. Diese Gruppe reagiert nicht auf theologische oder gemeinwohlorientierte Argumentationen. Und doch sind positive Erinnerungsanker möglich, wenn sie erlebt: Hier ist etwas offen, freundlich, zugänglich, schön.
Fazit: Kirchliche Gebäude kennen viele Geschmäcker
Kirchliche Gebäude werden durch Begegnung, Erzählung, Teilhabe plausibel. Eine mitgliederorientierte Kommunikation kann helfen, einen würdevollen Abschied zu gestalten, neue Nutzung zu ermöglichen, Widerstand konstruktiv aufzunehmen und neue Identifikation mit veränderter Kirchlichkeit zu stiften. Eine dergestalt differenzierte Strategie auszuarbeiten und im Blick zu haben, ist eine wichtige Herausforderung für kleiner werdende kirchliche Organisationen.
Der Kirchenraum ist nicht neutral. Er erlaubt unterschiedliche Zugänge. Darin „gehört“ er nicht einer bestimmten Gruppe, präferiert nicht grundsätzlich eine einzige – im Kontext des christlichen Lebens plausible – Nutzung. Für unterschiedliche „Typen“ von Kirchenmitgliedern bedeutet er etwas anderes. Im organisationalen Wandel heißt das: Wer die Bedeutung eines Kirchengebäudes differenziert kommuniziert, kann es auch differenziert transformieren. Es ist kulturelles Erbe, soziale Infrastruktur, spirituell-religiöse Ressource, öffentlicher Begegnungsort. In all diesen Bereichen verantworten und gestalten Kirchen derzeit grundlegende Transformationen, wenn sie mit der Absicht, sich an Erwartungen und Einstellungen ihrer Mitglieder zur orientieren, über die Zukunft kirchlicher Gebäude entscheiden.
Mit der anspruchsgruppengemäßen Kommunikation sind auch Entscheidungen für Nutzungskonzepte von Räumen verbunden, die die verschiedenen Zugangslogiken von Menschen zu kirchlichem Leben berücksichtigen. Dadurch wird ernstgenommen, wer überhaupt vor Ort wohnt. Gleichzeitig wird die Orts-Logik überschritten: Menschen differenziert anzusprechen, kann nur im Verbund gelingen. Die parochiale Logik der Ortsgemeinde wird überschritten, Kirche wird „post-parochial“.[3] Das bedeutet: Wer immer Kontakt zu kirchlichem Leben hat, entscheidet auch strukturell darüber mit, welche Gestalt Kirche gewinnt.
[1] Auf der Basis der Daten der Sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU6) und einer daran anschließenden Studie zur strategischen Themenkommunikation unter evangelischen Kirchenmitgliedern hat die EKD jüngst in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) eine Mitgliedertypologie entwickelt, die auf strategische Kommunikation zielt. Die Studie ist abrufbar unter: www.ekd.de/kirchenentwicklung sowie mi-di.de/magazin/wie-ticken-evangelische.
[2] Vgl. hierzu das Kirchenmanifest. „Kirchen sind Gemeingüter! Manifest für eine neue Verantwortungsgemeinschaft“, hrsg. von Initiative Kirchenmanifest.de https://www.moderne-regional.de/kirchenmanifest/#manifest
[3] Vgl. hierzu Friederike Erichsen-Wendt, Postparochial Kirche sein. Strategische Perspektiven, in: Georg Hofmeister u.a. (Hgg.), Postparochiale Kirche. Wandel und Vielfalt in postkonfessioneller Perspektive, Baden-Baden 2026 (im Druck).
Friederike Erichsen-Wendt
Dr. Friederike Erichsen-Wendt ist Referentin für Strategische Planung und Wissensmanagement im Kirchenamt
der EKD in Hannover.
Daniel Hörsch
Daniel Hörsch, Sozialwissenschaftlicher Referent Ev. Arbeitsstelle midi (Berlin), Schwerpunktthemen: Kirche in der Pandemie, Wandel der Zugehörigkeiten und Sozialgestalt von Kirche, Kirchenmitgliedschaft, Lebenswelt- und sozialräumliche kirchliche Praxis.