Im Gärungsprozess
Die Spiritualität der evangelikalen Bewegung unterscheidet sich immer noch sehr von der religiösen Praxis in den Landeskirchen, meint der Leipziger Praktische Theologe Peter Zimmerling. So ist bei Evangelikalen der besondere Gehorsam zur Bibel entscheidend. Häufig lasse evangelikale Frömmigkeit aber auch echte Lebendigkeit vermissen, und ein befreiender Glaube wird durch Selbstkontrolle und Selbstvorwürfe ersetzt.
Evangelikale Spiritualität hat ihre Wurzeln im älteren Pietismus des 18. Jahrhunderts und der Erweckungs-, der Heiligungs- und der Gemeinschaftsbewegung des 19. Jahrhunderts. Viele pietistische Führer hatten sich im „Dritten Reich“ blamiert, da sie die antichristliche Ausrichtung der nationalsozialistischen Ideologie nicht durchschauten. Daher ist der Pietismus in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kaum an die Öffentlichkeit getreten.
Erst durch Kontakte mit der amerikanischen evangelikalen Bewegung kam es zu einem inneren und äußeren Neuaufbruch. Die Integration in die weltweite evangelikale Bewegung begann durch den Beitritt der Deutschen Evangelischen Allianz 1968 zur World Evangelical Fellowship (WEF). Einen weiteren Meilenstein stellte die von Billy Graham 1974 initiierte Lausanner Bewegung dar. In ihrem Gefolge übernahmen die deutschen pietistischen Bewegungen „evangelikal“ als Selbstbezeichnung. Eine Schlüsselrolle bei der Durchsetzung der Namensänderung kam dem „Informationsdienst der Evangelischen Allianz“ (idea) zu. Der neue Name erlaubte einen Neuanfang – und damit einen Schnitt gegenüber der Vergangenheit im Nationalsozialismus. In der Folgezeit kam es zu einem rasanten Aufbau eigener kirchlicher Parallelstrukturen. Vor allem wurde die evangelikale Bewegung durch die Auseinandersetzung mit der in ihren Augen zu stark politisierten und säkularisierten Kirche zunehmend als eigenständige Größe in Kirche und Gesellschaft öffentlich wahrgenommen.
Intensive spirituelle Praxis
Evangelikale Spiritualität zeichnet sich durch eine bewusste Erfahrung des Christwerdens aus. Es genügt nicht, als Säugling getauft worden zu sein. Notwendig ist ein persönlicher Glaube, der vielen evangelikalen Christen durch eine sogenannte Bekehrung zuteil geworden ist. Wichtig ist weiter, dass der Glaube das alltägliche Leben prägt. Bonhoefferisch gesprochen, geht es um ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi, das sich durch das Halten der Gebote Gottes auszeichnet. Bis vor wenigen Jahren gehörte zu einer evangelikalen Lebensführung auch die Ablehnung der sogenannten Mitteldinge wie Rauchen, Alkohol, Tanz et cetera.
Evangelikale Spiritualität beinhaltet, für die Geltung der Zehn Gebote im gesellschaftlichen Miteinander einzutreten. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist eine intensive spirituelle Praxis: Gebet (persönlich und in Form von Gebetsgemeinschaften), geistliche Schriftlesung (als individuelle Stille Zeit und gemeinsame Bibelarbeit), Inanspruchnahme von Seelsorge. Inzwischen sind weitere Formen der Spiritualität dazugekommen, die ursprünglich im Katholizismus beheimatet waren (Exerzitien, Fasten, Pilgern et cetera).
Betont wird auch die Wichtigkeit des Gemeinschaftsaspekts, was sich vor allem in der Teilnahme an Hauskreisen neben dem Besuch des Sonntagsgottesdienstes zeigt. Zu evangelikaler Spiritualität gehören essenziell persönliche Evangelisation und Mission. Daher besitzen Gespräche über den Glauben (das Zeugnisgeben), die Evangelisation beziehungsweise Mission durch Traktatverbreitung und Internetangebote, durch den Evangeliumsrundfunk in Wetzlar und BibelTV, und die Unterstützung von evangelikalen Missionsgesellschaften eine herausragende Bedeutung.
Das theologische Fundament der evangelikalen Spiritualität bilden gemeinsame Überzeugungen, wobei gerade an dieser Stelle in den vergangenen Jahren eine zunehmende Pluralisierung zu beobachten ist. Die theologischen Grundüberzeugungen wurden in der Auseinandersetzung mit der Theologie Rudolf Bultmanns formuliert mit dem Ziel, unverzichtbare Inhalte des Glaubens zu schützen. Sie stimmen weithin mit den „fundamentals“ des US-amerikanischen Fundamentalismus vom Ende des 19. Jahrhunderts überein: 1. die Ablehnung von Sachkritik an der Bibel, 2. die Betonung der Gottheit Jesu Christi und der Jungfrauengeburt, 3. sein stellvertretendes Sühneopfer, 4. die leibliche Auferstehung, 5. die Wiederkunft Jesu Christi.
Evangelikal geprägte Spiritualität neigt dazu, Gott als Polizisten in uns zu verstehen. Sie unterscheidet sich darin vom Gottesverständnis des Neuen Testaments, wie es Jesus Christus gelehrt und seinen Zeitgenossen vor Augen gestellt hat. Gerade im Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lukas 15) zeigt Jesus, dass Gott nicht mit einem himmlischen Polizisten, auch mit keinem Patriarchen zu verwechseln ist. Im Gegenteil: Der Vater im Gleichnis entlässt seinen Sohn ohne Drohgebärden und Gegenrede in die Freiheit. Er reist ihm auch nicht nach. Bei der Rückkehr des Sohnes setzt er den verlorenen Sohn ohne Vorleistungen wieder in seine Sohnesrechte ein.
Das Gottesbild evangelikal geprägter Gruppen wirkt sich in deren Leitungsstrukturen aus. Viele Gruppen und Gemeinden werden von einem Über-Vater (gelegentlich auch einer Über-Mutter) geleitet, deren Meinung für die Gemeinschaft verbindlich ist. Im Gegensatz dazu gehört zum Evangelisch-Sein die Entwicklung einer eigenständigen Spiritualität, was zur Verwirklichung des von den Reformatoren geforderten mündigen Christseins beitragen würde: „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder … Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus“ (Matthäus 23,8.10).
Das Gottesbild evangelikaler Gruppen hat noch weitere Konsequenzen für die Spiritualität. Die Liebe Gottes wird häufig mehr theoretisch geglaubt und verkündigt als im Alltag erfahren. Ursache dafür ist ein mangelhaftes Verständnis der Rechtfertigungslehre und ein daraus folgender theologisch fragwürdiger Heiligungsbegriff. Viele evangelikale Gruppen kennzeichnet ein Hang zum Perfektionismus. Dadurch, dass eine bestimmte Form der Spiritualität mit der Folge einer gesetzlichen Alltagsgestaltung in das Zentrum des Glaubens rückt, bekommt der Glaube leicht ideologische Züge. Er lässt echte Lebendigkeit vermissen, die aus der Freude der Hingabe des Lebens an Gott kommt. Ein befreiender Glaube wird ersetzt durch Selbstkontrolle und durch soziale Kontrolle der Mitglieder untereinander. Folge der Selbstkontrolle sind ständige Selbstvorwürfe. Sie prägen ein Lebensgefühl, das kaum zulässt, auch die täglichen Freuden wahrzunehmen und dafür dankbar zu sein.
Dogmatisches Gesetzbuch
Viele evangelikale Gruppen neigen zu der Ansicht, dass die göttliche Wahrheit allein von der eigenen Gemeinschaft erkannt wird. Die Identität wird durch Abgrenzung vom theologischen Gegner gewonnen. Dies verleiht der Gruppe zwar eine äußere Sicherheit, macht jedoch den Dialog mit anderen Überzeugungen schwierig. Dadurch ist es kaum möglich, Wahrheitsmomente in der Ansicht des Gegners anzuerkennen. Viele evangelikale Gruppen sind auch intern geprägt von fortdauernden Streitereien und Spaltungen. Sehr schnell wird ein mit der Auffassung der eigenen Gruppe oder Gemeinde nicht Konformer ausgeschlossen und der Kontakt abgebrochen. Andersdenkende in den eigenen Reihen fühlen sich dadurch bei jeder Meinungsverschiedenheit existenziell bedroht. Die eigene Erkenntnis absolut zu setzen, verhindert die Entwicklung einer positiven Streitkultur. Notwendig wäre das Einüben von Toleranz, die nicht mit Indifferenz zu verwechseln ist. Toleranz beinhaltet ein aktives Aushalten der Erkenntnis des Gegenübers in dem Wissen, dass die eigene Erkenntnis immer Stückwerk bleibt.
Seit der Vorherrschaft der historisch-kritischen Methode in der Exegese hat die theologische Wissenschaft in den Gemeinden viel Vertrauen eingebüßt. Dies gilt gerade im Hinblick auf evangelikale Gruppen. Diese gehen davon aus, dass die wissenschaftliche Theologie dem Auftrag, die christliche Botschaft in die jeweilige Zeit hinein auszulegen, um Menschen den Weg zum Glauben zu bahnen, nicht gerecht wird, sondern im Gegenteil glaubenzersetzend wirkt. Die Stellung zur historisch-kritischen Auslegungsmethode ist für viele zum Schibboleth (Erkennungsmerkmal) des Glaubens überhaupt geworden. Weite Teile des Evangelikalismus betonen im Gegensatz zur historisch-kritischen Auslegung, dass die Bibel zumindest in theologischer Hinsicht irrtumslos ist. Es besteht eine Tendenz, alle biblischen Texte als gleich gewichtig anzusehen. Darum wird eine unterschiedliche Gewichtung der biblischen Aussagen abgelehnt.
Ein zum Fundamentalismus neigendes evangelikales Schriftverständnis hat weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit der Bibel im Alltag. Sie wird leicht zu einem dogmatischen Lehrbuch und zu einem ethischen Gesetzesbuch. Sie ist jedoch weder das eine noch das andere, sondern ein Buch der Geschichte Gottes mit dem Menschen. Ihr Ziel ist, dass der Leser und die Leserin selbst Teil dieser Geschichte werden. Jeder Leser soll in den Linien der Heiligen Schrift denken und leben lernen. Das hat nichts mit fragloser Akzeptanz dogmatischer Richtigkeiten oder der Unterwerfung unter einen ethischen Normenkatalog zu tun. Im Gegenteil geht es darum, im Gespräch mit der Bibel den Willen Gottes für die Lebensgestaltung im individuellen und gesellschaftlichen Bereich immer wieder neu zu erkennen und praktisch umzusetzen.
Heiß temperiert
Viele evangelikale Gruppen sind geprägt von fortdauernden Streitereien und Spaltungen. Trotz dieser Gefährdungen besteht das Verdienst evangelikaler Spiritualität darin, im Namen der Autorität der Schrift gegen ihre Domestizierung durch die historische Kritik zu protestieren. Die Bibel muss mit ihrer eigenen Stimme zu Wort kommen dürfen. Problematisch wird ein evangelikales Bibelverständnis, wenn es auf rationale Art zu beweisen sucht, dass die Schrift Gottes Wort ist. An die Stelle des Vertrauens auf die aktuelle Wirkmächtigkeit des Geistes Gottes durch die Schrift tritt dann in der evangelikalen Spiritualität – paradoxerweise in Analogie zur historisch-kritischen Auslegungsweise – die Vernunft als Verbürgungsinstanz für die Gültigkeit von Schriftaussagen. Der
rationale Beweis hebt – hier wie dort – die Angewiesenheit auf den Glauben auf.
Evangelikale Spiritualität fordert als heiß temperierte Frömmigkeit die traditionelle landeskirchliche Spiritualität heraus. Evangelikale Gruppen betonen, dass christlicher Glaube zunächst und vor allem mit Gott und der Beziehung zwischen Gott und Mensch zu tun hat. Tatsächlich betrifft der christliche Glaube den Menschen in der Mitte seines Lebens, wie Dietrich Bonhoeffer in „Widerstand und Ergebung“ geschrieben hat, und nicht bloß in Grenzsituationen. Der Glaube ist nicht billig zu haben. Die Unbedingtheit von Gottes Anspruch an den Menschen steht quer zu allen Versuchen, die Großkirchen zu modernen Dienstleistungsbetrieben umzufunktionieren. Eine positive Herausforderung evangelikaler Spiritualität stellt auch die Zentralstellung Jesu Christi für den Glauben dar. Es wird damit unmöglich, das unterscheidend Christliche gegenüber anderen Religionen zu verschweigen – weder den fernöstlichen Religionen noch dem Islam und in modifizierter Form auch nicht dem Judentum gegenüber.
Viele Menschen haben heute kaum Zugang zu den Dimensionen von Geist und Seele, die doch unverzichtbar zum Menschsein gehören und dieses erst zur Erfüllung bringen. „Die Lebenswelt des postmodernen Menschen ist weitgespannt, wenn man sie am Verbrauch von Raum, Zeit und materiellen Gütern misst. Aber sie ist eine enge Welt, misst man sie an den Bedürfnissen von Geist und Seele“ (Hansjörg Hemminger). Nur eine Minderheit der Bürgerinnen und Bürger westlicher Nationen ist noch in den Räumen des Geistes und der Seele zu Hause und bereit, Zeit und Kraft für diese Bereiche des Menschseins zu investieren. Die Sehnsucht nach ständig neuen äußeren Erlebnissen lässt den weiten Raum übersehen, den gerade die Gottesbeziehung dem Geist und der Seele eröffnen kann. Das Ergebnis ist eine öffentliche Realitätsschrumpfung. Evangelikale Spiritualität versucht, durch die Betonung des persönlichen Glaubens an Gott dieser Realitätsschrumpfung Einhalt zu gebieten.
Evangelikale Spiritualität wehrt sich überdies gegen die Privatisierung der Religion. Privatisierte Religion ist immer bereits relativierte Religion. Sie ist auf dem Weg zur Beliebigkeit. Der Kampf evangelikal geprägter Gruppen für die Geltung christlicher Grundwerte in der Gesellschaft ist nicht an sich verkehrt. Christsein schließt das Engagement für die Geltung von Gottes Geboten ein. Evangelikale Spiritualität scheint sich derzeit weltweit, auch in Deutschland, in einem Gärungsprozess zu befinden. Nicht mehr das konservative Bewahren steht im Vordergrund. Jüngere evangelikale Theologen wollen zwar den zentralen Glaubensaussagen des Apostolikums treu bleiben. Zu Recht treten sie aber gleichzeitig für größere intellektuelle Klarheit, kulturelle Relevanz und ökumenische Offenheit evangelikaler Spiritualität ein. Die Schrift soll zwar norma normans von Theologie und Spiritualität bleiben. Gleichzeitig wird jedoch stärker die Bedeutung des Geistes Gottes für Glauben und Lehre entdeckt. Mit der Wiederentdeckung des Heiligen Geistes hängt eine zunehmende Bejahung der unterschiedlichen Ausprägungen evangelikaler Spiritualität zusammen.
Peter Zimmerling
Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.