Mit dem Begriff Knabenchor verbinden die meisten von uns zunächst den Dresdner Kreuzchor und die Leipziger Thomaner, die beide maßgeblich die deutsche Tradition begründet haben und bis heute ein individuelles Klangideal prägen, das neben der berückenden englischen Kathedralmusik durch seine eigene, differenziert kolorierte Strahlkraft zu beeindrucken weiß. Mit ihnen leisten vor allem der Berliner Staats- und Domchor und der Windsbacher Knabenchor fantastisches, weil ihre Leiter, Kai-Uwe Jirka und Ludwig Böhme, unbeirrt den Anschluss an die Chormusik des 21. Jahrhunderts halten und auf höchst innovative Art Tradition und Moderne und damit klassische Bibelkunde und Umgang mit moderner Lyrik, Polyphonie und Pop so miteinander verknüpfen, dass es für alle eine Lust ist – und die Kinder und Jugendlichen bei der Stange hält.
Mit der CD „Tchaka“ singt sich ein Schweizer Knabenchor in den Mittelpunkt, der schon uralt, aber gleichermaßen nah am Puls der Zeit und der Welt ist: die Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn – klingend seit dessen Gründung 742 und seit 2021 unter den Fittichen des Chor-Weltenbummlers Tobias Stückelberger, der seine Chor(leitungs)-Erfahrungen von Norwegen bis Südafrika sammelte und die sphärische Intensität nordeuropäischer Musik ebenso wie die wirbelnde Lebendigkeit südafrikanischer Klänge mit viel Verve zu verbinden, den Solothurner Singknaben ins Herz zu brennen und in den Mund zu legen weiß. Daraus erwächst ein prismatisches Leuchten, das farbenreich aus profunder, volltönend strömender Tiefe der Männerstimmen bis zu himmlisch weichen, klar gefassten Knabenstimmen reicht und dabei eine beeindruckende intonatorische Präzision aufweist.
Auf der CD präsentieren sich die Solothurner Sängerknaben sowohl mit klassischem Repertoire von Mendelssohn Bartholdy, Bruckner und Brahms als auch mit moderner, hauptsächlich nordischer sowie eigens von Tobias Stückelberger (* 1993) dem Chor auf den Leib geschneiderter Chormusik. Da wird spürbar, wie der Chorleiter seinen Chor kennt und weiß, was er ihm zumuten und wie er seine Spiel- und Klangfreude wecken kann – und wie er ihn einbindet in die heimatliche Tradition („Vögel über Solothurn“ als vokalise Introduktion zu „Dr Heimetvogel“) und den Klang der Welt („The code“), das Siegerstück des Eurovision Song Contest 2024 des Schweizers Nemo, das Pop und Oper, Rap und Romantik in einem Song zu vereinen weiß. So energetisch die CD mit „Tchaka“ von Sydney Gauillaume (* 1982) beginnt, das wie ein Wirbelwind durch die haitianische Volksmusik und ihre Rhythmen rauscht, so schwebend endet sie mit dem ungekrönten König der Männerchorliteratur: Franz Schubert und dem „Gesang der Geister über den Wassern“, neben dem „Vermächtnis“ eines der bekenntnishaftesten Gedichte Goethes, in dem die Solothurner, feinfühlig von einem Streichquintett begleitet, noch einmal ihre konzertanten Qualitäten komplex aufblitzen lassen.
Klaus-Martin Bresgott
Klaus-Martin Bresgott ist Germanist, Kunsthistoriker und Musiker. Er lebt und arbeitet in Berlin.