Auf leo.org ist Yowzers noch nicht zu finden. Ben LaMar Gay überfiel es „als Wort wie als Klang“, sagt er, „während ich über das Überschneiden von Humor und Horror in unserer Gegenwart nachdachte. Yowzers ist tiefer Seufzer, der den Körper leise verlässt, wenn man das Absurde realisiert, aber auch Aufschrei des Staunens, wie viele Geheimnisse geblieben sind, die dabei helfen, auszuhalten und das Absurde zu überschreiten.“ Also ‚Gute Güte!‘ und ‚Krasser Scheiß!‘ in einem. Was Gay mit Geheimnis meint, bleibt seines, doch die zwölf Songs und Stücke lassen es ahnen: Tradition, Wurzeln, spirituelle Offenheit und Neugierde. Kein Schelm, wer an Rudolf Ottos mysterium tremendum et fascinosum denkt. 

Das Album öffnet diese Räume intim und gewandt, ist mit simplen Melodien und Rhythmus-Patterns aber im Ansatz eher einfach. Pfiff und Tiefe erwachsen aus den  Kombinationen und famos präzisen Verschiebungen. Shout & response steht dann neben Free-Eskapaden, Latin-Komplexität und HipHop-Straightness. Die Songs kommen als Ballade oder wildes Ritual daher. Yowzers steckt mitreißend voller Überraschungen. Gay (Komposition, Kornett, Gesang) lebt spürbar seine Einflüsse und kennt ihre Genealogien genau (Folk und Blues des Südens, HipHop und die Freeund Spiritual-Jazz-Traditionen Chicagos. Der Titeltrack ist auch Opener: ein Untergangs- Gospel, während die Apokalypse gerade läuft, mit Gays sonorem, leicht krustigem Bass, Frauenchor, Klavier, seelenvollen Bibellyrics. Geballte Wucht. „For Breezy“ ist ein Funeral für die 2022 verstorbene Jaimie Branch, sehr traurig und ergreifend, „leave some for you“ mit spoken words am Ende ein bittersüßes Liebeslied, das rhythmisch tricky den verhaltenen Beginn wieder
aufnimmt. 

Da ist die Repeat-Taste unvermeidlich, denn dazwischen ist packend eine Menge los. „Damn you cute“ etwa swingt als Sternschnuppenschauer, rollt, purzelt federleicht und hat rhythmisch starke Spannung, auf der das Kornett mit gestopfter Jaimie-Branch-Anmutung sanft-selig surft. Höhepunkt ist „I am (bells)“ – ein Mann allein in sakralem shout & response mit den anderen vom Quartett. Es geht um Identität, ernst, unprätentiös. Verhallt setzt „Spiel mir das Lied vom Tod“-Glockenton ein, wird heuschreckengleich zum Handglockenschwarm, als tickten kirchhofmäßig Uhren, bis die Glocken geloopt werden, Boom-Bap-Drums hämmern, das shout & response erst tribal wird, dann erregt und groovy. Denn die Tuba spielt mitten im kosmischen Erweckungszelt eine Basslinie drauf, die alle Gürtel sprengt.

Ein fantastisches Album mit hohem Suchtfaktor. Ballerlaut im Auto an der Ampel sorgt es mindestens für Erstaunen. Yowzers!

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