Ein Hort der Liberalität
Erinnerungen sind gnädig, meist bleiben nur die guten. Zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler war bis zum Abitur neun Jahre lang Schüler des „Franziskanergymnasiums Kreuzburg“ im südhessischen Großkrotzenburg. Nun wird nach fast 60 Jahren das Kloster der Franziskaner an der Schule geschlossen, wegen Nachwuchsmangel. Was bedeutet das für die Entwicklung konfessioneller Schulen? Ein melancholischer Essay.
Es gibt unschöne Geschichten: Der Pater, der meinem Mitschüler Börries im Unterricht mit einem Feuerzeug am Nacken ein paar Haare ansenkte, weil er einen Witz machen wollte, und nicht realisierte, dass das echt weh tat. Der Pater, der mich noch am allerletzten Schultag anbrüllte, weil ich beim „Abistreich“ mit Frauenkleidern in seine Physikstunde platzte und allen Mitschülerinnen und Mitschüler einer unteren Klasse zurief, sie sollten sofort auf den Schulhof gehen, wo es jetzt Freibier gebe. Der Pater, damals der Rektor, der mich im Sekretariat antanzen ließ, weil ihn beschimpfende Flugblätter aufgetaucht waren und er von mir als Redakteur unserer Schülerzeitung „Pater Noster“ wissen wollte, wer die wohl geschrieben habe – was ich nicht wusste, aber auch nicht verraten hätte, wenn ich es gewusst hätte, großes journalistisches Ehrenwort!
Das sind Schulgeschichten – und alle Menschen, die jemals ein paar Jahre in einer Schule verbracht haben, also hierzulande fast alle, können komische, traurige und (hoffentlich) schöne Anekdoten erzählen, wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenken. Das ist natürlich, denn unsere alte Schule und die Jahre in ihr sind, weil wir sie in Kindheit und Jugend verbringen, prägend. Ob wir es wollen oder nicht.
Ich habe neun Jahre meines Lebens bis zum Abitur 1986 am Franziskanergymnasium Kreuzburg im südhessischen Großkrotzenburg verbracht. Warum das interessant ist? Weil dies eine besondere Schule war, was man schon bei ihrem komplizierten Namen in einer kleinen Stadt am Main mit einem noch originelleren Namen ahnt. Und weil nun die letzten Ordensbrüder das Kloster neben der Schule aufgeben, nach knapp 60 Jahren. Das ist in den Regionalzeitungen eine große Sache, auch der Hessische Rundfunk berichtet darüber. Die Aufgabe des Klosters müsste eigentlich den Namen der Schule halbieren. Und sie zeigt eine Entwicklung, die, trotz aller Besonderheit, über sich selbst hinausweist.
Abistreich 1986: Der Autor (links) und sein Zwillingsbruder als Dame und Herr. Foto: privat
Dass diese Schule etwas Besonderes ist, liegt auch an ihrer Geschichte, und zwar schon vor ihrer Gründung in Großkrotzenburg – ich neigte übrigens bei meinen Erzählungen über sie gegenüber Fremden im Laufe der Jahre bewusst zur besonderen Betonung des zweiten „R“, um keine billigen Pointen zuzulassen. Das Franziskanergymnasium Kreuzburg mit angeschlossenem Kloster war von Anfang ein gewagtes, fast abenteuerliches Projekt, das seine Wurzeln im „Kulturkampf“ der Kaiserzeit hatte, im richtigen Ende des 19. Jahrhunderts. Katholische Orden galten in der damaligen „Germany-First“-Stimmung als angeblich „ultramontane“, also papsttreue und nicht recht patriotische Kräfte. Sie waren im stark protestantisch geprägten Preußen wenig willkommen. Deshalb gründeten die deutschen Franziskaner (der thüringischen Provinz, so der offizielle Name) 1895 für die Ausbildung des erhofften Nachwuchses ein Internat außerhalb Deutschlands. Das war in den Niederlanden, genauer: in Watersleyde, was nicht zufällig gut erreichbar im deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländereck unweit von Maastricht und Aachen liegt.
Es folgten zwei Weltkriege, eine Diktatur und einiges Hin und Her, bis schließlich die Ordensschule der Franziskaner 1967 nach Großkrotzenburg zog. Warum dorthin? Weil hier schon ein Schulgebäude fast einzugsbereit vorhanden war. Es war das seit 1927 bestehende „Gymnasium Africanum“ der „Weißen Väter“, eines Ordens, der vor allem die Mission in Afrika pflegte. Auch diese weiß gekleideten Patres bildeten am Main ihren Nachwuchs aus. Aber der Komplex wurde für sie bald zu groß, weil immer weniger Knaben ein Leben als Missionar anstrebten. So zogen die Franziskaner mit ihren braunen Kutten ein, manche der heutigen Patres haben die Zeit in den Niederlanden noch erlebt. Aus Watersleyde brachten die Franziskaner unter anderem eine große Sammlung von präparierten Tieren aus aller Welt mit. Es war ein kleines Museum, das noch zu meiner Zeit vor sich hin staubte, viele eklige Insekten beherbergte und muffig roch.
Überhaupt nicht muffig waren dagegen die Ideen der Franziskaner, als sie das Schulgebäude bezogen. Sie waren natürlich geprägt von der gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre, vor allem aber vom gerade zu Ende gegangenen Zweiten Vatikanischen Konzil und seinen Reformen in der katholischen Weltkirche. Die meisten Patres, viele von ihnen in ihren Dreißigern, wollten eine moderne Form des Glaubens fördern, und das bekamen wir Schülerinnen und Schüler ab Mitte der 1970er-Jahre deutlich mit. Die Befreiungstheologie war ein wichtiger Impuls, nicht zuletzt, weil ein paar Patres unserer Schule mit ihrem Ordensbruder und Befreiungstheologen Leonardo Boff studiert hatten und gut bekannt waren. Als Boff 1985 vom damaligen Papst Johannes Paul II. und seinem Exekutor Kardinal Joseph Ratzinger, später als Benedikt XVI. selbst Papst, abgekanzelt wurde, empörte das viele in unserer Schule. Auch der sehr konservative Bischof Johannes Dyba war damals nicht sehr beliebt bei uns, gerade weil das Franziskanergymnasium im Gebiet seines Bistums lag. Ein Running Gag wurde in unserem Jahrgang sein blöder Spruch, mit der er jugendliches Leben runtermachen wollte: „Disco – Stereo – Porno“.
Hort des Linkskatholizismus
Mit nur ein wenig Übertreibung lässt sich sagen, dass mein Gymnasium damals ein kleiner Hort des Linkskatholizismus war, auch wenn der damals in der Weltkirche kaum eine Rolle spielte. Und natürlich hatten die Ordensbrüder unseres Gymnasiums auch innovative Ideen für die Schule selbst. Es sollte eine möglichst enge Zusammenarbeit von Schüler, Eltern und Lehrern geben, etwas hochtrabend als „Schulfamilie“ bezeichnet. Dafür gab es vor allem eine Vielzahl von Wochenendseminaren, organisiert meist vom „Franziskanischen Bildungswerk“ (FBW), das Patres mit Reformeifer gegründet hatten und gleich neben dem Schul- und Klostergebäude lag. Es wurde geprägt durch Pater Udo Schmälzle, der später ein wichtiger Pastoraltheologe in Münster wurde. Meistens war es ziemlich witzig, mit ein paar Lehrern, den Mitschülern und auch ihren Eltern in nahen Seminarhäusern ein Wochenende lang über damals heiße Themen wie „Dritte Welt“, „Befreiungstheologie“ oder „No Future“ zu sprechen. Und gerade, weil die Eltern in der Regel viel konservativer waren als wir und viele unserer „68-er“-Lehrer, war das umso anregender. Einige der schönsten und lehrreichsten Stunden meiner Schulzeit habe ich auf diesen Seminaren erlebt.
Aber natürlich gab es auch Konflikte und Abgründe, Menschlich-Allzumenschliches. Unsere Sexualerziehung war alles in allem ziemlich verkrampft, es dauerte lange, bis wir das hinter uns lassen konnten. Immer wieder diskutierten wir Schülerinnen und Schüler darüber, ob nun der Lehrer oder gar der Pater mit der Lehrerin etwas habe – und selbstverständlich waren wir, unterrichtet im Sinne eines Reformkatholizismus, fast ausnahmslos gegen das unselige Zölibat, das solch vermutete Bande der Liebe für Patres verbot. Fälle sexualisierter Gewalt sind in den rund 60 Jahren der Existenz des Franziskanergymnasiums in Großkrotzenburg nie auf- und höchst wahrscheinlich auch nie vorgefallen, was leider nicht selbstverständlich ist (und auch wenn ich das als eine Gefahr einmal vor Jahren in einem Artikel thematisiert hatte – sorry für diesen Verdacht).
Es herrschte an der Schule zu meiner Zeit im Großen und Ganzen ein Geist der Offenheit und Liberalität. Wenn ich höre, was mir ein alter Mitschüler und Freund erzählt, der nun auch seine Kinder auf das Franziskanergymnasium Kreuzburg geschickt hat, ist das heute noch so. Er ist übrigens evangelisch, und ob evangelisch, katholisch oder konfessionslos, das hat für uns Schülerinnen und Schüler niemals eine Rolle gespielt, und heute, 40 Jahre später, gilt das umso mehr. Es gab zum Unterrichtsbeginn morgens meist ein kleines Gebet oder einen Gedanken zum Tag, das war es schon fast an christlicher Prägung im Alltag. Das bei konfessionellen Schulen übliche Schulgeld war und ist zwar sozial gestaffelt, aber hat sicherlich dazu geführt, dass schon zu meiner Zeit Schülerinnen und Schüler aus richtig armen Familien kaum zu finden waren. Das war und bleibt wohl noch immer ein Manko, ebenso wie der damals nur sehr geringe Prozentsatz von Schülern aus Familien mit Migrationsgeschichte, wobei zu vermuten ist, dass für manche von ihnen auch die christliche Färbung der Schule nicht so verlockend war.
Neugründungswelle der Nullerjahre
Über die Jahrzehnte ist seit meiner Schulzeit der Anteil der Schülerinnen und Schüler in konfessionellen Schulen an der Schülerschaft in Deutschland ziemlich gleichgeblieben, nämlich bei etwa fünf bis sechs Prozent. Es gibt hierzulande rund 900 katholische und über 1.000 evangelische Schulen, mit zusammen etwa 800.000 Schülerinnen und Schülern, grob gerechnet. Während es bei den evangelischen Schulen Anfang der Nullerjahre eine regelrechte Neugründungswelle gab (etwa 40 Prozent der evangelischen Schulen entstanden in diesen Jahren, häufig in Ostdeutschland), gab es bei den katholischen Schulen eher den Trend der Vergrößerung der bestehenden Lehranstalten.
Übrigens ist es erstaunlich schwer, genaue und aktuelle Zahlen in diesem Feld zu recherchieren. Die konfessionellen Schulen evangelischer und katholischer Farbe haben häufig einen ziemlich guten Ruf, was ihr Niveau und die Stimmung in ihren Mauern angeht. Auch deshalb mangelt es meist nicht an Eltern, die ihre Kinder an diesen Schulen anmelden wollen. Das war schon zu meiner Zeit so. Dass katholische Schulen von Ordensleuten stark geprägt werden, ist allerdings heutzutage nur noch selten der Fall. Das Lehrpersonal besteht heute meistens ganz überwiegend nicht mehr aus Mitgliedern von katholischen Orden.
Die Entwicklung der „Kreuzburg“ steht also für einen größeren Trend. Die Zahl der Franziskaner in Deutschland nimmt seit vielen Jahren immer mehr ab, weshalb sich der Orden den Erhalt des Klosters bei der Schule in Großkrotzenburg nicht mehr leisten kann. Seit 2002 ist die „Franziskanergymnasium Kreuzburg gGmbH“ der gesetzliche Träger der Kreuzburg. Alleiniger Gesellschafter dieser gGmbH ist seit 2019 eine Stiftung, die „Franziskus-Stiftung Kreuzburg“. Somit ist sichergestellt, dass das Gymnasium weiter besteht, auch wenn das Kloster im Großkrotzenburger Gebäudekomplex schließen muss. Es gibt rund 100 Lehrerinnen und Lehrer für über 1.200 Schülerinnen und Schüler. Fast keiner der noch im Kloster lebenden Patres unterrichtet noch.
Ein Punkt unter vielen
Die Schule ist, so scheint es, solide aufgestellt, nur die Ordensbrüder werden bald nicht mehr in Großkrotzenburg zu sehen sein. Bezeichnend ist, dass auf der Homepage der Kreuzburg die Verabschiedung der Ordensbrüder nur noch ein Punkt unter vielen ist. Man wird auch ohne sie zurechtkommen. Ob sich der „franziskanische Geist“ der Schule, der zu meiner Zeit noch häufig beschworen wurde, dadurch verflüchtigt, wird man sehen. Die Franziskaner werden jedenfalls in einer Festwoche von der Schule verabschiedet. Sie startet mit einem Festgottesdienst und Festakt am Montag, den 1. September. Dazu wird der relativ junge Fuldaer Bischof Michael Gerber erwartet, der gerade für seine Diözese eine Missbrauchsstudie vorgelegt hat, in der sein Vorgänger Johannes Dyba vor 25 Jahren nicht gut wegkommt, was seine Führungsverantwortung angeht. Das wundert mich nicht.
Sollte es jemals wirklich ein wichtiges Ziel der Schule gewesen sein, Nachwuchs für den Orden zu generieren, so waren die Franziskaner der „Kreuzburg“ in den letzten Jahren nicht besonders erfolgreich – und ich bin nicht sicher, ob das gegen sie spricht. Immerhin haben viele Absolventinnen und Absolventen nach dem Abitur an der „Kreuzburg“ die katholische Kirche in Zeiten des anhaltenden Missbrauchsskandals ein paar Jahre lang von keiner schlechten Seite kennen gelernt. Vor allem aber hat die Mehrheit von ihnen ganz gut ins Leben gefunden, ein paar prominente Personen gibt es auch (siehe dazu den Wikipedia-Eintrag zur Schule).
Der bekannteste Name ist wohl der des Schauspielers Ulrich Tukur, der bürgerlich Ulrich Scheurlen heißt. Er war ab 1967, also ganz am Anfang, an der „Kreuzburg“, nachdem er zuvor aus einem Gymnasium in Aschaffenburg geflogen war. An das Großkrotzenburger Gymnasium hat er gute Erinnerungen, wie er dem Hanauer Anzeiger 2019 erzählte: „Das war für mich die schönste Schulzeit. Es gab mehr Partys als Schüler in den Anfangsjahren.“ Tolle Patres seien es damals gewesen, „wirklich wunderbare Typen, sehr humorvoll und dem Leben zugewandt“.
Ingbert? Singbert!
Erinnerungen sind gnädig, die guten bleiben eher als die schlechten. Ich erinnere mich an den dynamischen Pater Ulrich, der ein großartiger Schulleiter war und den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils lebte, ehe er leider den Orden verließ. Warme Erinnerungen habe ich an den Musiklehrer Bruder Ingbert, der naheliegender Weise Singbert genannt wurde und im Aussehen und ob seiner Gutmütigkeit dem Bild eines Mönchs auf einer Camembert-Schachtel nahekam.
Pater Osmund nahm im Chemieunterricht viel häufiger als nötig die alkoholische Gärung durch, der asketische Pater Paulus schwebte immer etwas über dem Boden, aber war ein hervorragender Philosophielehrer. Am meisten geprägt aber hat mich der im umfassenden Sinne des Wortes geistreiche Pater Hadrian, bei dem ich drei Jahre den Religions-Leistungskurs hatte. Der Unterricht bei ihm war packend, lehrreich und – gar nicht so einfach bei dem Fach – fast in jeder Stunde ungemein witzig.
Meine alte Schule sieht heute, nach umfangreichen Umbauten in den 1990er-Jahren, viel moderner und stabiler aus als zu meiner Zeit. Wir wurden noch jahrelang in „Baracken“ unterrichtet, und das war wörtlich zu nehmen. In der 6. Klasse hatten wir uns ein Spiel ausgedacht, das wir „Startbahnspiel“ nannten, weil uns die damaligen Demonstrationen an der „Startbahn West“ am Frankfurter Flughafen bewegten. Das „Startbahnspiel“ bestand darin, dass in den Pausen eine Gruppe von Schülern, die „Für!“ riefen, gegen eine andere Gruppe, die „Gegen!“ antwortete, in einer Ecke des Klassenraums sprang – bis sich die Barackenwand ein wenig bewegte. Das hat uns besonders viel Spaß gemacht.
„pax et bonum“
Einst hatte das Kloster am Main etwa 30 Brüder, nun sind es nur noch eine Handvoll. Der so sympathische Orden des Heiligen Franziskus aus Assisi scheint in Deutschland, wohl auch in ganz Europa langsam zu sterben, nur im Süden der Welt sieht es noch etwas besser aus. Die konfessionellen Schulen haben in Deutschland trotz fortschreitender Säkularisierung offensichtlich eine Zukunft. Mit der Schließung des Klosters am Franziskanergymnasium endet aber eine fast 60-jährige, ja genau genommen eine 130-jährige Geschichte. Die Brüder werden in fast alle Winde verweht, so ist es geplant, nur Pater Hadrian wird voraussichtlich in einer Seniorenwohnung in Großkrotzenburg bleiben können. Ich hoffe, dass ich ihn dort noch lange besuchen kann, wenn ich in der alten Heimat bin. Ab und zu werde ich ihn, nach immerhin neun Jahren Latein an der Kreuzburg, mit „pax et bonum“ begrüßen. Dann werden wir viel lachen und uns nur die schönen Geschichten erzählen.
Weitere Informationen: https://franziskanergymnasium-kreuzburg.de/cms/
Das Franzsikanerymnasium Kreuzberg, 2025. Foto: Nicole Klein
Philipp Gessler
Philipp Gessler ist Redakteur der "zeitzeichen". Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Ökumene.