Allein der Titel Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus lässt die ganze Tragik des Buches der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux durchscheinen. Die Literaturnobelpreisträgerin, deren Werk zumeist autobiografisch geprägt ist, widmet sich in ihrem jüngst erschienenen Buch der Demenzerkrankung ihrer Mutter.
Es ist keine klassische Demenz-Geschichte, vielmehr eine Chronik der Ereignisse, kurz gesagt: des Verfalls. Oder wie Ernaux formuliert: „Man könnte sagen, dass mich das Tagebuch der Besuche bei meiner Mutter zu ihrem Tod führte.“ Die Französin hat ihre Notizen über die letzten Monate und Tage im Leben ihrer Mutter von Dezember 1983 bis zum 28. April 1986 veröffentlicht – nach mehr als zehn Jahren; die deutsche Erstausgabe liegt jetzt nach fast vierzig Jahren vor, übersetzt von Sonja Finck.
Sie gebe die Notizen genauso wieder, wie sie sie geschrieben habe, heißt es im Vorwort der Ausgabe ein Jahrzehnt später. Und das macht die Erschütterung beim Lesen aus. Nüchtern, präzise, ohne jegliche Sentimentalität dokumentiert Ernaux den Verlauf dieser zerstörerischen Krankheit und gleichzeitig das ins Ungleichgewicht geratene Verhältnis der beiden Frauen, von dem sie schreibt: „Nie wird mir eine Frau näher sein, so nah, als wäre sie in mir.“
Wie nebenbei wird eben auch Ernaux´ Empfinden zu ihrem schleichenden Abschied von der Mutter erzählt: das furchtbar schlechte Gewissen, sie nicht mit nach Hause nehmen zu können, die mal leise, mal laut geweinten Tränen, nicht nur bei ihrem Anblick, oder der Rollentausch zwischen Mutter und Tochter. Und die Jahre ihrer Kindheit und Jugend klingen an, wenn sie mit dem Ende der Mutter konfrontiert wird, diese sich in den Zeiten verirrt, in den Nebel der Erkrankung taucht. Ausflüge, Chansons, Sätze von früher vermischen sich mit der trostlosen Atmosphäre des Heute, mit mit Kölnischwasser übertünchtem Urin-Geruch, einer Gier beim Essen und dem oftmals leeren Blick. Das alles in einer erschreckenden Detailliertheit, die es nach der Lektüre nicht mehr zulässt, die Augen vor Alter und der Diagnose Alzheimer in unserer immer älter werdenden Gesellschaft zu verschließen. Auch wenn Ernaux in diesem kurzen Band ihren sonst so erprobten soziologischen Blick ausklammert und persönlich schreibt, Gefühle wie Schmerz, Ekel, Sorge und Liebe dominieren. Denn Annie Ernaux’ Mutter verliert die Kontrolle über ihren Körper, liegt fixiert in einem Sessel und ist auf Hilfe angewiesen wie in Kinderzeiten die Tochter.
Die nahezu unerträgliche emotionale Wucht des Textes trifft die Leserin aus beiden Perspektiven: Da ist zum einen die Frage, wie mit dem eigenen Alter und Krankheit umgehen, aber auch die, die Gedanken an Abschied und Verlust der Eltern oder geliebter Menschen aufwerfen. Genauso wie bei Annie Ernaux, die schreibt: „Ich habe Angst, dass sie stirbt. Sie ist mir verrückt lieber als tot.“
Kathrin Jütte
Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.