Mit Palästina 1936 hat der US-amerikanische Journalist und Historiker Oren Kessler einen wichtigen Mosaikstein im Gesamttableau des Nahostkonflikts vorgelegt. Denn über den Großen Aufstand der arabischen Bevölkerung gegen die britische Mandatsmacht und die jüdische Einwanderung gibt es bisher nur wenig zu lesen. Dabei kann das, was zwischen 1936 und 1939 im damaligen Palästina passierte, als konstituierend für den gesamten Nahostkonflikt gelesen werden.
Bereits in den 1920er-Jahren war das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern im britischen Mandatsgebiet angespannt. Die zionistische Idee von einer jüdischen Heimstatt in Palästina hatte in der Diaspora viele Ausreisewillige gefunden, die sich gerne auf den Weg ins Heilige Land machten. Und mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933 suchten immer mehr Jüdinnen und Juden Schutz vor Verfolgung in Palästina. Je stärker die jüdische Bevölkerung wuchs, desto beunruhigter wurde die arabische Seite. Die Spannungen entluden sich in Gewalt.
Die britische Mandatsverwaltung zeigte sich überfordert. Während des Ersten Weltkriegs hatte sie sich selbst in eine Zwickmühle gebracht. 1916 hatte sie den Arabern für ihre Unterstützung im Kampf gegen das Osmanische Reich die Unabhängigkeit versprochen und sich 1917 in der Balfour-Erklärung hinter das zionistische Ansinnen eines eigenen Staates in Palästina gestellt.
Das Fass zum Überlaufen brachte im April 1936 der Mord an zwei Juden in Nablus. Ein Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, Rache und Vergeltung zwischen Juden und Arabern begann. Und die Briten taten das, was sie in ihren Kolonien schon früher bei Aufständen getan hatten: Sie reagierten mit massiver militärischer Gewalt. Nach drei Jahren waren 500 Jüdinnen und Juden getötet worden, 250 Briten und 5.000 bis 8.000 Araberinnen und Araber,
Man könnte dies als ein besonders blutiges Kapitel in der Historie des Heiligen Landes bezeichnen. Oren Kessler macht in dem Aufstand aber fatale Grundmuster aus, die sich bis heute durch den Nahostkonflikt ziehen. Wie damals sind es auch heute immer wieder die zum Kompromiss Unfähigen auf beiden Seiten, welche den Lauf der Dinge bestimmen. Gut herausgearbeitet ist zum Beispiel die zweifelhafte Rolle, welche der Jerusalemer Großmufti Hadschi Amin al-Husseini spielte. Man könnte sich im Nachhinein die Haare raufen, dass die Briten ausgerechnet diesen als Judenhasser bekannten Hardliner auf Lebenszeit als Großmufti von Jerusalem ernannten und nicht jemanden vom Schlag eines Musa Alami, einem hochgebildeten arabischen Palästinenser, der immer wieder nach Lösungen suchte, die für alle Beteiligten akzeptabel waren.
Genauso könnte man aber auch verzweifeln angesichts der Tatsache, dass die Briten als Reaktion auf den Aufstand 1939 in Palästina einen Einwanderungsstopp von Jüdinnen und Juden verhängten – ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo die jüdische Gemeinschaft in Europa dringender denn je einen sicheren Hafen gebraucht hätte.
Für die arabische Bevölkerung selbst war der Aufstand ein Desaster. Mit ihrem sechsmonatigen Generalstreik hatten sie ihre eigene Wirtschaft massiv geschädigt, während die zionistische Seite, so Kessler, aus dem Aufstand die Lehre zog, dass ein eigener Staat nur mit massiver militärischer Macht geschützt werden kann.
Erzähltechnisch hat Oren Kessler einen guten Weg gefunden, wie er seine Leserschaft durch das Gewirr an Perspektiven, Interessen und Entscheidungen führt. Er folgt einzelnen Protagonisten auf jüdischer, arabischer und britischer Seite durch die entscheidenden Jahre. Gleichzeitig hält er sich streng an historische Quellen und verzichtet auf Interpretationen. So ermöglicht er, die verschiedenen Perspektiven unvoreingenommen wahrzunehmen.
Katja Dorothea Buck
Katja Dorothea Buck ist Religionswissenschaftlerin und Politologin und arbeitet seit vielen Jahren zu religiösen Minderheiten und Religionsfreiheit im Nahen Osten.