Eröffnete Diskussion

Wertevermittlung im Pluralismus
Welker
Foto: Verlag

Die vorliegende Publikation ist das Ergebnis eines interdisziplinären und internationalen Forschungsprojekts von 150 Wissenschaftlern, die unter der Leitung von Michael Welker (Heidelberg) und John Witte, Jr. (Atlanta) die wichtigen normativen Grundlagen analysiert haben, die – im Guten wie im Schlechten – den moralischen Charakter und die ethische Bildung in Europa, Amerika, Australien, Südafrika und anderen spätmodernen liberalen Gesellschaften prägen. Auf der Grundlage einer sachlich wie fachlich breit angelegten Studie analysiert der Band die sich wandelnden Orte und Rollen dieser normativen Grundlagen sowohl in den traditionellen sozialen Sphären von Familie, Religion, Recht, Politik und Märkten als auch in den neuen sozialen Sphären von Bildung, akademischer Forschung, Gesundheitsversorgung, Medien und Militär. So seien alle diese sozialen Systeme und ihre komplexe Gewaltenteilung für den Aufbau eines guten Lebens und einer guten Gesellschaft heute unverzichtbar. Und keines dieser sozialen Systeme solle die anderen dominieren. Mit ihren jeweiligen Kompetenzen müssen sie zusammenwirken, um das Streben nach Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit, Menschenfreundlichkeit und Frieden zu fördern.

Entsprechend werden im Themenband The Impact of Religion (Leipzig 2020) viele dieser Spannungslagen erhellt. So untersucht er den Einfluss der Religion in spätmodernen pluralistischen Gesellschaften und damit in kapitalistisch bestimmten Demokratien. Diese demokratischen pluralistischen Gesellschaften seien aber „infolge der Imperative der Selbstverwertung des Kapitals bis heute für die Auszehrung ihrer normativen Substanz anfällig geblieben". Dabei gehe es keineswegs um „ein vollmundiges Loblied der in der Regel protestantisch geprägten Religion im Pluralismus“, zugleich geht der Band doch über wichtige Untersuchungen zu kon­struktiven Verhältnissen von Religion, Recht und Politik hinaus.

Mit mehreren – zum Teil auch interreligiösen – Beiträgen versammelt der Band grundsätzlich kritische Stimmen gegenüber dem eigenen Projekt, die Gewaltenteilung der pluralistischen Gesellschaften als eine Chance zur theologischer Aufklärung, aber auch zu individueller Charakterentwicklung, gesellschaftlicher ethischer Bildung und zu fruchtbarer Kommunikation von Werten wahrzunehmen. So werden etwa Bedenken gegenüber einem möglicherweise von normativem Interesse geleiteten Vorhaben geäußert, wie (die) Religion öffentliches Leben beeinflussen könnte.

Daran anschließend gilt etwa auch für den Themenband The Impact of Education (Leipzig 2022), dass einige grundsätzliche Anmerkungen zur Planung und zum Gesamtkonzept der Studienreihe angebracht erscheinen. Denn aufgrund seiner Konzentration auf pluralistische und damit demokratische Gesellschaften sei auch dieser Band stark von christlichen Traditionen geprägt. „Die daran beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler … beleuchten den pädagogischen, moralischen und politischen Einfluss von Bildungsprozessen in verschiedenen Altersstufen und in ihren Breitenwirkungen. Sie reflektieren aber auch Probleme einzelner Autorinnen und Autoren mit pluralistischen und sozial pluralen Verhältnissen sowie mit Grenzen der Möglichkeiten von Charakterbildung und Wertevermittlung in den verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten.“

Das wiederum wirft weiterführende Fragen auf den Plan: Welche Rahmenbedingungen fördern und welche blockieren Bildungsprozesse und beeinflussen das Verstehen des öffentlichen Guten? Handelt es sich um einen ebenso vielfältigen wie vielschichtigen Prozess, der die Suche nach Werten und nach Sinn als eine wesentliche menschliche Eigenschaft versteht, die die individuelle Entwicklung eines jeden Menschen in der Gesellschaft zu erfassen und zu würdigen versuchen sollte? Wo und mit wem und in welchen Kreisen wird Verantwortung gesucht und gefunden, um gesellschaftliche Fertigkeiten und Tugenden zu entwickeln und zu stärken?

Die Grundintention war wohl nicht zuletzt auch ihre Zielsetzung, wie eine abschließende Bilanzierung des Projekts von Seiten der mitwirkenden Autorinnen und Autoren deutlich macht: So warnt beispielsweise Michael Welkers Heidelberger Kollege Philipp Stoellger vor einem latenten „Willen zur Macht“ im gesamten Impact-Projekt und empfiehlt demgegenüber ein christlich-religiöses Ethos der Passion und der Passivität. Dem können sich allerdings andere Diskussionsbeiträge nicht anschließen, erkennen sie doch keineswegs nur im Christentum ein starkes „Ethos des Bemühens um den Schutz der Schwachen und Benachteiligten“ und insofern gerade ein Ethos der nachhaltigen Entwicklung und Verbesserung von Formen der Gerechtigkeit und Freiheit in Verbindung mit Religion und Religiosität. Damit ist mit Blick auf ein breiteres internationales Lesepublikum nun eine weitergehende Diskussionsrunde eröffnet.

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Foto: privat

André Ritter

Dr. André Ritter war bis zu seinem Ruhestand Direktor des Europäischen Instituts für interkulturelle und interreligiöse Forschung.

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