Der Sammelband unter dem Titel Solidarität. Intersektionale Dimensionen feministisch-theologischer Ethik, herausgegeben von Tabea Ott, Hannah Bleher, Charlotte Jacobs, Sarah Jäger und Nicole Kunkel beleuchtet viele Facetten des Begriffs „Solidarität“ und bringt ihn ins Gespräch mit christlicher Ethik, den Erkenntnissen der Befreiungstheologien und Schwarzen Theologien durch die Lupe intersektional-feministischer Theoriebildung. Den Autorinnen geht es um eine differenzierte Analyse des Begriffs und um die Frage, auf welche Weise er für theologische Diskurse fruchtbar gemacht werden kann.

Der Fokus auf Intersektionalität erlaubt eine Annäherung an die Komplexitäten und Fallstricke, die Verständnisweisen von „Solidarität“ beinhalten. Dabei vermeiden die Autorinnen eine Tendenz, die sich in akademischen Zusammenhängen (auch) in Deutschland abzeichnet, nämlich die Reduktion der Intersektionalität auf eine Theorie und ein Analyseinstrument. Tabea Ott und Hille Haker betonen, dass Intersektionalität, wurzelnd in der Schwarzen feministischen Wissensproduktion, unauflöslich mit Machtkritik und Befreiung verbunden ist. Ferner geht es nicht um eine Aneinanderreihung statischer Identitätscharakteristika, sondern um ein „doing difference“: „Eine intersektionale Perspektive fragt, wie die Unterschiede und damit Kategorien […] vor dem Hintergrund situationalen Handelns und sozialer Strukturen allererst produziert werden und wie dieses Doing Difference wiederum zur Grundlage von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit wird.“ Auf dieser grundlegenden Folie wird der Begriff „Solidarität“ auf verschiedene Weise entfaltet. Als Appell in Zeiten staatlicher Krisenpolitik (Pandemie, Flut im Ahrtal) und als Buzz-Word für beliebige Hilfeleistungen unterliegt die Anwendung einem asymmetrischen Verständnis: Da ist ein kollektives „Wir“, an das appelliert wird, und da sind die „anderen“, die Hilfe benötigen. Zurecht weist Sarah Jäger darauf hin, dass auch in Kirche und Diakonie Tendenzen der „Veranderung“ existieren, nämlich „des Unterscheidens zwischen denjenigen innerhalb von Kirche und Gemeinde, die helfen können, und denjenigen außerhalb oder am ‚Rande‘, die diese Hilfe und Solidarität benötigen“.

Dabei rekurrieren Kirche und Theologie auf ein Fundament, das Solidarität übersteigt. Lena Anschütz setzt in ihrem Beitrag Solidarität ins Verhältnis zur christlichen Nächstenliebe: Bei beiden geht es um In-Beziehung-Sein, doch während Solidarität ausschließend sein kann, umfasst Nächstenliebe auch die Feindesliebe. Insofern kann Nächstenliebe als kritisches Moment gegenüber exklusiven Solidaritätshaltungen fungieren. Hier hakt Max Tretter mit seinem Beitrag ein: Die Exklusion ist seines Erachtens keinesfalls abzulehnen, ja sogar theologisch legitim. Er hat die Black Lives Matter-Bewegung untersucht, die – anders als viele andere Solidaritätsbewegungen – nicht auf einem geteilten Merkmal oder Erfahrungen beruht, sondern die sich heterogen zusammensetzt, aber einen gemeinsamen „Feind“ hat: Rassismus und Polizeigewalt. Theologisch bezieht sich Tretter auf den Vater der Black Theology, James H. Cone: Dieser bejaht den Ausschluss Weißer aus der Black Power Movement, da diese schnell mit der Versöhnung kommen, aber nicht entschlossen sind, ihre rassistischen Haltungen und Handlungen zu unterlassen. Erst wenn sie dies tun und sich eindeutig an die Seite der Schwarzen Unterdrückten stellen, ist Solidarität möglich.

Eine solche Solidarität nennt Charlotte Jacobs „tiefe Solidarität“: Sie kann sich als Anwaltschaft für Schwache äußern, ist aber grundsätzlich durch Reziprozität und Kooperation gekennzeichnet. Tiefe Solidarität ist nicht asymmetrisch, sondern erinnert an seine Wurzel, das „solidare“, eine gefestigte Beziehung, die von einem konkreten und gegenseitigen Verantwortungsverhältnis getragen und für beide dienlich ist.

Ist diese tiefe Solidarität nur unter Unterdrückten möglich? Liest man die Beiträge, so kann die Beziehung zum Beispiel zwischen People of Color (PoCs) und Weißen nur eine asymmetrische sein: die unterdrückten PoCs auf der einen Seite und die Weißen Unterdrückenden auf der anderen. Weiße können zwar Allys (Verbündete) sein, wenn sie sich Wissen aneignen, Empathie aufbringen und sich mühen, aber die Asymmetrie bleibt – so Analucia Löschcke Centeno in ihrem Beitrag zu Allyship. Auch Tretter spricht von Kosten, die Privilegierte aufbringen müssen, wenn sie sich an die Seite der Nicht-Privilegierten stellen. Kosten, Mühen, Selbstkritik – ein scheinbar freudloses Unterfangen für Privilegierte.

Aber es gibt jenseits dessen eine darunter liegende Dimension, die sich als tiefe Solidarität beschreiben lässt und anschlussfähig ist für Anschütz, Verständnis der Nächstenlieben, da sie einen wichtigen Faktor beinhaltet: die Selbstliebe. Könnten Weiße solidarisch sein aus Selbstliebe? Könnten Weiße rassismuskritisch leben, weil es ihnen selbst dienlich ist? Und könnte diese tiefe Solidarität von so gänzlich unterschiedlich Positionierten eine beglückende Erfahrung für beide darstellen? Der Sammelband ist lesensweit, denn er regt vielerlei Fragen an zu einem Gegenstand, der bislang in theologischen Diskursen nur wenig Aufmerksamkeit erhielt.

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