Um es vorwegzunehmen: Der Haupttitel dieses Buches Ökumenische Spiritualität ist auf den ersten Blick irreführend. Hier geht es nicht, wie etwa zu erwarten wäre, um die Frage nach den Elementen einer Spiritualität, die sich als ökumenisch bezeichnen ließe. Es geht auch nicht um Voraussetzungen für eine Spiritualität, die speziell offen wäre für ökumenische Beziehungen. Und es geht auch nicht um Fragen des gemeinsamen Betens von Christinnen und Christen verschiedener konfessioneller Herkunft. Die vorliegende Dokumentation eines Symposiums aus dem Jahr 2022 nimmt Fragen zum Thema Spiritualität aus verschiedenen, großenteils konfessionellen Perspektiven unter die Lupe. Das Buch hat daher auf weite Strecken einen konfessionskundlichen Charakter.
Die in drei Kapiteln behandelten Fragebereiche spiegeln sich in den Stichworten des Untertitels. Im ersten Bereich „Theologie der Spiritualität“ wird zunächst in zwei Beiträgen die Beziehung zwischen Spiritualität und Mystik geklärt. Danach wird die theologische Idee der Theosis, also der Vergöttlichung, in orthodoxer und in lutherischer Sicht dargelegt. Es folgen ein „phänomenologischer Einblick in die Spiritualität der deutschen Pfingstbewegung“ sowie Überlegungen zu einer „Ökologischen Spiritualität“.
Kapitel zwei beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Spiritualität, auch spirituelle Kompetenz, didaktisch vermittelt werden kann. Dazu finden sich drei orthodoxe Beiträge, ein römisch-katholischer, ein methodistischer sowie ein in evangelisch-katholischer Co-Autorschaft verfasster Beitrag. Das dritte Kapitel präsentiert in vier Artikeln Suchbewegungen zur Frage nach Spiritualität und Digitalität. Die Fragen, die der Titel des Buches aufwirft, werden schließlich ansatzweise in einem zusammenfassenden Beitrag reflektiert.
Da es wie allgemein bei Sammelbänden auch hier vor allem aus Platzgründen schwierig ist, allen darin versammelten Beiträgen gerecht zu werden, soll nur auf einige aus Ökumene-interessierter Sicht bemerkenswerte Punkte eingegangen werden. Dazu gehört im ersten Kapitel der Beitrag des evangelischen Theologen und Herausgeber des Bandes, Peter Zimmerling, der die im evangelischen Bereich im Allgemeinen eher als problematisch angesehene Idee der Theosis bei Luther aufspürt und zeigt, wie sie aus lutherischer Sicht in den ökumenischen Dialog mit der Orthodoxie einzubringen ist.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass auch die pfingstlich-charismatische Spiritualität in den Blick genommen wird, da weltweit gesehen diese Frömmigkeitsformen sich am schnellsten verbreiten, aber im deutschsprachigen Raum in ökumenischen Reflexionen meist am Rande stehen oder ganz ausgeblendet sind. Das zweite Kapitel bietet wichtige Einblicke in die orthodoxe Theologie und Spiritualität und ihre Besonderheiten, die vor allem im evangelischen Bereich oft mit Vorurteilen behaftet sind.
Hervorzuheben ist auch die Tatsache, dass die Bedeutung von Spiritualität im Bereich der Gesundheitsberufe diskutiert wird, was in deren Ausbildungsgängen noch viel zu wenig berücksichtigt wird. Insbesondere bemerkenswert ist das gesamte dritte Kapitel. Dass hier Neuland betreten wird, zeigt sich zum Beispiel in diametral unterschiedlichen Einschätzungen einer Trennlinie zwischen analog und digital gelebter Spiritualität. Schließlich wird hier auch eine Theologie des digitalen Gebets vorgelegt sowie über die Wirkung einer digitalen Beichte nachgedacht.
Damit ist dieser Band nicht nur ökumenisch in seiner Autorenschaft, sondern nimmt die Ökumene im wörtlichen Sinne der gesamten Welt, das heißt auch vor allem der modernen Welt und ihrer Voraussetzungen in den Blick. Er liefert zahlreiche und wichtige Impulse für weiteres Nachdenken über Spiritualität in ökumenischer Gemeinschaft.
Dagmar Heller
Dr. Dagmar Heller ist Leiterin des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim.