Katholische Bischöfin
In ihrer Doktorarbeit zeigt Ruth Nientiedt, wie die alt-katholische Kirche Deutschlands und ihre europäischen Schwesterkirchen einander zwischen 1945 und 1989 inspirierten. Das führte dazu, dass ab 1996 Priesterinnen geweiht wurden. Und in Wien amtiert seit 2023 eine alt-katholische Bischöfin.
An der Universität Mainz habe ich Geschichte und katholische Theologie studiert und mit dem Magister Artium abgeschlossen. Anlass meiner Doktorarbeit war die Ausschreibung eines Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Dabei ging es um Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung Europa. Als möglicher Untersuchungsgegenstand wurden auch die alt-katholischen Kirchen genannt, für die ich mich schon länger interessierte. Die Alt-Katholiken wurden für mich ein „Fenster“, um auf das Zusammenwachsen Europas zwischen 1945 und 1989 zu schauen. Meine Arbeit für den Erwerb eines Dr. phil. trägt den Titel „Gelebtes Europa. Die Altkatholiken in Deutschland und ihre innereuropäischen Beziehungen zwischen 1945 und 1989“. Schwerpunkte meiner Forschung waren die Beziehungen in die Tschechoslowakei und die Frauen- und die Jugendarbeit. Ausgewertet habe ich dafür die Archive der alt-katholischen Kirche Deutschlands in Bonn und ihrer tschechischen Schwesterkirche in Prag.
Die alt-katholischen Kirchen Deutschlands, der Habsburgermonarchie und der Schweiz entstanden durch die Ablehnung des Ersten Vatikanischen Konzils. Dieses hatte 1870 dogmatisch definiert, dass der Papst unfehlbar ist, wenn er Lehrentscheidungen ex cathedra trifft, und dass er in der römisch-katholischen Kirche wie ein absoluter Monarch herrschen darf (Jurisdiktionsprimat). Geistliche und Laien, die die Konzilsbeschlüsse als unzulässige Neuerung ablehnten, wurden aus der römisch-katholischen Kirche hinausgedrängt und gründeten eigene Kirchen. „Alt-katholisch“ meinte also zunächst den katholischen Glauben, wie er vor 1870 gelebt worden war. Hinzu kamen Reformanliegen, die sich an der „Alten Kirche“ des ersten Jahrtausends orientierten. Beispiele hierfür sind das Streben nach der Einheit der Kirchen sowie Kleriker und Laien umfassende synodale Strukturen. Der Papst war damals nur primus inter pares. Die Schweizer Alt-Katholiken bevorzugten die Bezeichnung „christkatholisch“, um zu betonen, dass Christus der Herr der Kirche ist und nicht der Papst.
1889/90 schlossen sich die alt-katholischen Kirchen mit der niederländischen Kirche von Utrecht zur „Utrechter Union“ zusammen. Die Kirche von Utrecht war bereits im 18. Jahrhundert unabhängig geworden. Das zentrale Organ der Union ist die Internationale Bischofskonferenz. Im 20. Jahrhundert traten dann unter anderem kroatische Alt-Katholiken und die Polnisch-Katholische Kirche der Union bei.
Meine Untersuchung beginnt 1945. Trotz der Nähe der alt-katholischen Kirche Deutschlands zum Nationalsozialismus wurde sie innerhalb der Utrechter Union bald auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens miteinbezogen. Die Voraussetzung dafür war ein halbherziges „Schuldbekenntnis“ des deutschen Bischofs Erwin Kreuzer (1878–1953). Dieses kam jedoch nur auf Drängen des Erzbischofs von Utrecht Andreas Rinkel und des Schweizer Bischofs Adolf Küry zustande. Kreuzer hatte sich bereits zu Beginn der Weimarer Republik in der antirepublikanischen und antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei betätigt und war dem völkischen „Deutschbund“ beigetreten.
1948 tagte im niederländischen Hilversum der erste Internationale Altkatholikenkongress nach dem Zweiten Weltkrieg, zu dem Geistliche und Laien, Theologen und Nichttheologen zusammenkamen. Mehrere Redner distanzierten sich hier von den Positionen der deutschen Kirche, zum Beispiel vom Konzept eines „unpolitischen Katholizismus“. Damit wollten sich die deutschen Alt-Katholiken ursprünglich von der römisch-katholischen Kirche und ihrer Unterstützung der Zentrumspartei absetzen. Aber letztlich beförderte es eine positive Haltung zum Nationalsozialismus. Weihbischof Otto Steinwachs (1882–1977), der den kranken Bischof Kreuzer vertrat, beklagte in Hilversum die Luftangriffe der Alliierten. Dabei stand gerade den Niederländern die Zerstörung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe am 14. Mai 1940 vor Augen (von den anderen Verbrechen der deutschen Besatzer ganz zu schweigen). Die Vernichtung der europäischen Juden wurde weder von deutscher noch von anderer Seite im offiziellen Programm thematisiert – obwohl spätestens mit den zehn Thesen von Seelisberg von 1947 die Verantwortung der Kirchen für den Antisemitismus offenkundig war.
Trotz der Unterschiede zwischen und innerhalb der einzelnen Ortskirchen war vielen Alt-Katholiken bewusst, wie nötig der Austausch mit den Schwesterkirchen ist. Ein Grund dafür war schon die Tatsache, dass sie in jedem Land eine kleine Minderheit bilden. Den internationalen Austausch beförderten zudem die Frauen- und Jugendverbände, die Kirchengemeinschaft mit den Anglikanern, andere ökumenische Dialoge und Diskussionen über die Funktionsweisen der Utrechter Union selbst oder die Rolle der Frauen in der Pastoral. Für Jugendliche waren auch Skifreizeiten in den Alpen und Segeln auf dem Ijsselmeer wichtig. Die Geschichte der alt-katholischen Kirchen kann nur unter Einbezug der internationalen Vernetzung verstanden werden. So ist es eine Ironie der Geschichte, dass der vermeintliche Alleingang der deutschen Kirche, der 1996 zur ersten Weihe von Priesterinnen in der Utrechter Union führte, ohne den internationalen und ökumenischen Austausch vorher nicht denkbar gewesen wäre. Dennoch war der Austausch zwischen den Kirchen der Utrechter Union unterschiedlich intensiv. So setzten sich tschechische Alt-Katholiken sehr viel stärker für internationale Kontakte ein als umgekehrt – und das nicht nur wegen des Kalten Krieges. Bedeutsam sind hier auch die Kontakte zu den vertriebenen sudetendeutschen Alt-Katholiken in der Bundesrepublik und der DDR, lange vor 1989.
Mein Wunsch ist, dass die Geschichtswissenschaft weiterhin Religion und Religiosität als Motivation von Menschen ernstnimmt. Umgekehrt können die Theologien von anderen Disziplinen lernen, um beispielsweise kritisch zu hinterfragen, was Kirchengemeinschaft in der Praxis bedeutet.
Meine Doktorarbeit habe ich im vergangenen Jahr beendet, und veröffentlicht wird sie voraussichtlich 2026. Seit fünf Jahren bin ich Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alt-Katholischen Seminar der Universität Bonn und seit einem Jahr alt-katholisch. An der alt-katholischen Kirche schätze ich die Synodalität. Das heißt: Anders als in der römisch-katholischen Kirche ist das oberste Organ des Bistums eine Synode aus Geistlichen und Laien. Der Bischof oder die Bischöfin wird von der Synode gewählt und leitet die Kirche zusammen mit der Synodalvertretung.
Aufgezeichnet von Jürgen Wandel
Ruth Nientiedt
Dr. Ruth Nientiedt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alt-Katholischen Seminar der Universität Bonn.
Jürgen Wandel
Jürgen Wandel ist Pfarrer, Journalist und ständiger Mitarbeiter der "zeitzeichen".