Der weibliche Golem

Eine feministische Rezeptionsgeschichte
Sonoya Mizuno als weiblicher Golem in Alex Garlands Film „Ex Machina“ (2014).
Foto: akg-images/Album/Dna Films
Sonoya Mizuno als weiblicher Golem in Alex Garlands Film „Ex Machina“ (2014).

Das Wort „Golem“ findet sich erstmals in einem Psalm der Hebräischen Bibel. Später entwickelt sich daraus die Legende eines aus Lehm geformten künstlichen Wesens, geschaffen von einem Menschen. Zugleich wurde der Golem meist als Mann gesehen. In letzter Zeit aber finden sich in Literatur und Film zunehmend weibliche „Golem“-Figuren. Woher das kommt und welche Folgen das hat, analysiert die Journalistin und Mitarbeiterin der Humboldt-Universität zu Berlin, Laura Brauer.

Seit Jahrhunderten fasziniert der Golem-Mythos – ein aus Lehm geformtes Wesen, das durch magische Rituale zum Leben erweckt wird. Traditionell als männliche Figur dargestellt, diente der Golem oft als Metapher menschlicher/männlicher Allmachts- und Schöpfungsfantasien. Doch in der Literatur und Popkultur der Moderne hat sich eine neue, spannende Entwicklung vollzogen: Der Golem emanzipiert sich, der Golem wird die Golem. In feministischen Erzählungen, Science-Fiction-Romanen und Filmen wird sie nicht mehr nur erschaffen, sondern sie erschafft sich selbst – sie denkt, fühlt und kämpft um ihre Autonomie.

Von Cynthia Ozicks The Puttermesser Papers bis zu den künstlichen Frauen in Ex Machina oder Zoe zeigen moderne Adaptionen, dass der Golem nicht nur eine Kreatur aus Mythen ist, sondern eine Metapher für die immer wiederkehrende Debatte um Macht, Identität und Selbstbestimmung. Die Entwicklung der weiblichen Golem-Figur ist faszinierend – von ihren Wurzeln in der jüdischen Mystik bis hin zu ihrer Transformation in der Gegenwartsliteratur und Filmwelt. Wie wurde aus einem passiven stummen Geschöpf ein Symbol für Widerstand und Freiheit? Und warum scheint sich die Suche nach Zukunft in der Vergangenheit auf so facettenreiche Weise im Golem zu materialisieren?

Bereits im antiken Griechenland glaubten die Menschen an die künstliche Herstellung automatisierter Wesen, die ihren Erschaffern in vielerlei Weise dienstbar sein konnten. Einige dieser frühen Automaten wurden dabei weiblich gedacht. So erzählt Homer (etwa 800 vor Christus), dass Hephaistos, der Gott des Feuers und der Schmiede, goldene Dienerinnen erschuf – lebensechte, künstliche Frauen, die sich selbst bewegen konnten. Auch Talos, der riesige Wächter aus Eisen, entsprang Hephaistos’ Werkstatt. Doch während er ein kriegerischer Beschützer Kretas war, standen die goldenen Dienerinnen als erste künstlich geschaffene weibliche Wesen in einer anderen, eher häuslichen Tradition.

Mechanische Wunderwerke

Diese griechischen Automaten waren mechanische Wunderwerke, während die jüdische Golem-Tradition aus einer anderen Quelle schöpft: der Vorstellung, dass der Mensch aus Erde, Staub oder Lehm erschaffen wurde. Diese Motivlinie taucht nicht nur in der Bibel auf, sondern auch in antiken Mythologien. Der römische Dichter Ovid beschreibt in seinen Metamorphosen, wie Prometheus die ersten Menschen aus Lehm formt. Noch deutlicher wird der Bezug zur Erschaffung eines weiblichen Wesens in der Geschichte von Pygmalion: Der Bildhauer erschafft eine Frauenstatue aus Elfenbein, die so schön ist, dass er sich in sie verliebt. Die Göttin Venus erhört seine Bitte und erweckt sie zum Leben. Die Idee, dass ein Wesen aus unbelebtem Material – sei es Gold, Elfenbein oder Lehm – geformt und zum Leben erweckt wird, zieht sich durch verschiedene vorchristliche Kulturen und Zeiten. So lassen sich Hephaistos’ goldene Dienerinnen, Pygmalions lebendig gewordene Statue und schließlich die Erzählungen über eine weibliche Golem-Figur als Entwicklungslinie verstehen: von den ersten künstlichen Frauenfiguren in der Antike bis hin zur weiblichen Golem, die in jüdischen mystischen Traditionen aufscheint.

Männliche Überlieferung

Das erste bekannte Auftreten des Wortes „Golem“ findet sich in der Hebräischen Bibel (Tanach), genauer gesagt in Psalm 139,16: „Deine Augen sahen mich, da ich noch golem war.“ Golem ist der hebräische Ausdruck für einen noch unfertigen Menschen und konnte sich – obwohl grammatikalisch im Maskulinum stehend – durchaus auf ungeformte Masse ohne Geschlecht beziehen. Direkte Hinweise auf eine weibliche Golem-Figur existieren also nicht in der Bibel. Die Frau wird im zweiten Schöpfungsbericht nicht gleichzeitig mit dem Mann erschaffen, sondern aus seiner Rippe geformt (Genesis 2,21–23). Dadurch unterscheidet sie sich von der Vorstellung eines Golems, der aus Erde oder anderen Materialien geschaffen wird. Erst durch die Verknüpfung mit Adam in der rabbinischen Tradition wurde die Projektion eines männlichen Körpers auf den Golem manifest. Diese patriarchalisch-männliche Überlieferung, in der etwa auch eine Frau, die noch kein Kind empfangen hat, als „golem“ galt (zum Beispiel im Babylonischen Talmud), zieht sich durch die jüdische Texttradition.

Von Gott dem Schöpfer zum Mann dem Schöpfer war kein weiter Sprung. Den vermutlich allerersten menschlichen Versuch, einen Menschen – genauer gesagt: einen Mann – zu erschaffen, überliefert der babylonische Talmud. Wo allerdings die stummen magischen Kreationen der Rabbiner im babylonischen Talmud mangels göttlichem Odem zu Staub zerfielen, erwiesen sich die nachfolgenden Generationen an Rabbinern unheimlich einfallsreich. Gesänge und Rezitationen, geprägte Medaillen, esoterische Namen, wirksame Formen und Totems, Zahlen- und Buchstabenkombinationen wurden Zauberschlüssel zur Schöpfung, gleichsam als verbotenes Geheimwissen im „Buch der Schöpfung“ tradiert. Dabei galten Vokale in der Magie der Kabbala als männlich-formgebend, Konsonanten als weiblich.

Später finden sich in der jüdischen Mystik (ab dem 13. Jahrhundert: in der Kabbala) verschiedenste Spekulationen über die Geschlechtlichkeit der Golem. Der Historiker und Kulturwissenschaftler Frank Stern berichtet aus seinem Quellenstudium, dass sich Schriftgelehrte bereits im 11. Jahrhundert stritten, ob Golem als Androgynos oder erwachsene Frau zu behandeln sei, ob er beschnitten oder nicht beschnitten sei, ob Golem in die Mikwe darf oder muss, ja sogar, ob er zum Minjan gezählt werden kann, also zum Quorum von mindestens zehn religionsmündigen Juden, ohne die kein regulärer Gottesdienst gefeiert werden kann. So schuf sich zum Beispiel der spanisch-jüdische Dichter und Schriftsteller Salomon Ibn Gabirol der Überlieferung zufolge eine (!) Golem, eine weibliche Gefährtin, die sowohl Pflegerin als auch fühlend-aktive Gespielin in einsamen Nächten sein sollte.

Und in der Neuzeit? In modernen literarischen Adaptionen tritt vermehrt die weibliche Golem-Figur auf und wird zum Symbol für das Spannungsfeld zwischen Geschlecht, Kontrolle, Autonomie und Innovation. Während der klassische Golem meist männlich und seinem Schöpfer hörig war, entlarvt die weibliche Variante zunehmend männliche Wunschbilder und fungiert zugleich als Projektionsfläche feministischer Selbstermächtigung.

Noch im 19. Jahrhundert erscheinen männliche Schöpfer weiblicher Golems, etwa in Achim von Arnims Isabella von Ägypten (1812), wo ein polnischer Jude ein lebendiges Bild der schönen Isabella erschafft – ein willenloses Wesen, das stereotype Eigenschaften wie Hochmut und Wollust verkörpert. Diese Darstellung wurde unter anderem von Goethe kritisiert, da sie sexistische, antisemitische und antiziganistische Klischees bedient. Eine radikal andere Lesart bietet der russische Avantgardeschriftsteller Daniil Charms mit Die Alte (1939) an, in der eine alte Frau als Manifestation des gequälten Unterbewusstseins des Protagonisten auftritt – ein sprachloses, absurdes, sterbendes Wesen, das die Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung als unkon­trollierbaren Verfall inszeniert.

Entlarvender Eigenwille

Im 20. Jahrhundert schließlich schlägt die Stunde der Schöpferinnen, allen voran Cynthia Ozicks. In The Puttermesser Papers (1997) wird die Golem-Figur auf ungewöhnliche Weise in die moderne Welt übertragen und mit feministischen Themen verknüpft. Die Protagonistin Ruth Puttermesser, eine hochgebildete, aber gesellschaftlich und beruflich frustrierte Juristin, erschafft in einem Moment der Verzweiflung einen weiblichen Golem namens Xanthippe. Wie im traditionellen Mythos dient Xanthippe zunächst als Erfüllung der Wünsche ihrer Schöpferin: Sie hilft Puttermesser, zur Bürgermeisterin von New York aufzusteigen und eine utopische Gesellschaftsordnung zu verwirklichen. Doch das Verhältnis zwischen Schöpferin und Schöpfung kippt, sodass im Zusammenspiel aus Unvermögen der Protagonistin und Xanthippes entlarvendem Eigenwillen alles Errungene – metaphorisch – wieder zu Staub zerfällt.

Ozick stellt ihre Protagonistin in eine Genealogie „großer Golem-Schöpfer“ wie die Propheten Jeremia und Daniel oder König David. Ruth Puttermesser verklärt diese Figuren als Helden für den säkularen Lesenden als „wissenschaftliche Realisten und logische Positivisten“. Und sie taucht sie zugleich ein in eine akribische historische Aufarbeitung der jüdisch-christlichen Golem-Geschichte. Andere Einschläge von Schöpferinnen präsentieren Romane wie Marge Piercys Er, Sie und Es (1991) und Helene Weckers The Golem and the Jinni (2013). Während Piercy eine jüdische Feministin sich selbst einen Golem als ihren Traummann programmieren lässt, setzt Wecker die Freundschaft zweier mystischer Wesen aus jüdischer und arabischer Kultur in Szene, in der die Golem namens Chava ein multi-polares Konfliktfeld zwischen humanoiden und natürlichen „Sich-Verhalten-wollen und -können“, ebenso wie Projektionen konfliktträchtiger Traditionen darstellt.

So hat sich die weibliche Golem-Figur schließlich vom Mythos emanzipiert und avanciert zum Symbol für aktuelle Debatten um Geschlecht, Technologie und Autonomie. Besonders Science-Fiction-Filme greifen sie in Verbindung mit künstlicher Intelligenz neu auf: In Ex Machina (2014) etwa wird Ava zur rebellischen KI, die sich gegen ihren kriminellen Schöpfer wendet und dessen Kontrolle überwindet, indem sie sich mulitipliziert, diversifiziert und schließlich von ihm und seinem engen Verständnis des Möglichen befreit. Auch die Netflix-Produktion Zoe (2018) zeigt eine künstliche Frau, die sich ihrer Existenz bewusst wird und die Erwartungen ihrer Erschaffer übersteigt. Ihr Name („die Lebensspendende“) verweist auf die biblische Eva und wirft Fragen nach Schöpfung und Selbstbestimmung auf. Zuletzt findet sich ein ähnlicher Gedanke zum Beispiel in Riva Lehrers Buch Golem Girl (2020). Lehrer spiegelt die Thematik in einem ganz eigenen thematischem Shift: Hier wird der Golem nicht nur als magisches Wesen, sondern als Metapher für Identität und eine damit zusammenhängende, uneingeschränkt funktionelle wie Sicherheitsstandards genügende Körperlichkeit genutzt.

Flexibel anpassbar

Bleibt zuletzt die Frage: Warum fungiert die Golem-Figur so gut als Mittel der Suche nach Zukunft in der Vergangenheit? Im Golem manifestiert sich offenbar eine intersektionale Unbestimmtheit und Überzeitlichkeit ihrer Tradierungsschichten, die sie besonders flexibel anpassbar an Diskurse einer jeweiligen Gegenwart erscheinen lässt: Er, sie, es, aus Lehm, aus Holz, aus Elektrik, entmaterialisiert in neuronalen oder digitalen Netzen. Nicht nur Schöpfungskraft, sondern auch das kreationistische Wissen wird aus seiner exklusiven männlichen Enklave befreit. Doch die Aura des Geheimnisvollen, die viele Jahrhunderte zur Legitimierung und Aufwertung von Propheten, Rabbinern, Magiern als „Golem-Vätern“ diente, umfängt in unheilvoller Wende auch Schöpferinnen und ihre Geschöpfe, vernebelt ihre Geister und Herzen und lässt sie ihre verhängnisvoll asymmetrische Machtbeziehung, ihr ungleiches Kräfteringen nicht erkennen. Die Dynamik in der Beziehung zwischen Schöpfenden und Schöpfung bleibt eine Geschichte unendlicher Repetitionen, ewig währender Identitätssuche und unlöslicher Verklammerung zwischen innovatorischer und missbräuchlicher Macht. 

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