Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein!

Ein Manifest gegen die Zunahme von Autokratien weltweit
Foto: privat

Nein, Wahlempfehlungen sind keine Aufgabe der Kirche! Und ja, Gelegenheiten für öffentliche Diskurse von Themen, die zentrale Werte des Glaubens berühren, sind es sehr wohl! Das Risiko, damit als Störfall wahrgenommen zu werden, gehört essentiell zum kirchenleitenden Amt, vom Dorf bis zum Kontinent.

Im März 2025 bat mich eine Kollegin um einen Text zur weltweit laufenden und weiterhin drohenden Vermehrung von Autokraten. Nur stumm zuzuschauen, wie vergangen geglaubte Muster von Herrschaft neuerlich Urständ feiern, gehe nicht. Kirchenleitende sollten wissen und fallweise öffentlich disputieren, wo für die Kirche Jesu Christi rote Linien liegen. Herausgekommen ist ein Aufruf, der Text­sorte nach ein Manifest, angeregt von der Barmer Theologischen Erklärung Karl Barths (1934) und dem testamentarischen Text „Dann gibt es nur eins!“ von Wolfgang Borchert (1947).

Das sind anspruchsvolle Vorbilder, gewiss, aber angesichts von Usurpationen und Militarisierungen Beispiele ermutigender Geschichte. Der Aufruf wurde im April in fünf Sprachen gastweise auf der Homepage der Evangelischen Kirche Schweiz (EKS) willkommen geheißen, mit rund vierzig Erstunterzeichnenden, und seither von einer weltweit wachsenden Zahl von Unterstützenden (www.eks-eers.ch/aufruf). Der Prozess soll bis zum Ende des Kirchenjahrs laufen und dann zwischen Gastgeberin und Initiantin ausgewertet werden, womöglich mit Empfehlungen für Kirchenleitende von der lokalen Gemeinde bis zum Weltbund.

Nein, Anprangerungen sind kein Ziel des Aufrufs! Und ja, er hebt unter dem Leitwert Kultur zwei Bereiche, Kommunikation und Politik, strukturell hervor, die zu pflegen und zu verteidigen wären. Der Text nennt daher weder Personen noch Staaten beim Namen. Das macht ihn weltweit anwendbar, egal, ob Lesende in Argentinien wohnen, in der Türkei oder Indien, in Serbien oder den USA, Israel und Ägypten nicht ausgenommen. Er will nicht die Empörungslust mancher Medien nähren, sondern Besorgnis um den Zustand demokratischer Kultur ausdrücken. Er richtet sich an Kirchenleitende in allen Bereichen und bittet sie, wie Bischöfin Mariann Edgar Budde es im Januar 2025 mit ihrer Predigt vor Donald Trump tat, sich dann auch öffentlich zu verhalten, wenn rote Linien in Sichtweite kommen oder überschritten sind.

Als Reformierter, der von seiner Kirche beauftragt war, den Blick für reformierte Identität zu schärfen, beziehe ich mich auf ihre biblisch, nämlich weisheitlich, prophetisch und evangelisch gut begründete Herrschaftskritik, die sich einst negativ gegen Allmachtsansprüche im kirchlichen, politischen oder wirtschaftlichen Bereich gerichtet hatte: ein historisch durchaus wirksames „Nein! Nein!“ Die so zugleich aber positiv zum Aufbau regelorientierter Kulturen in Kommunikation und Politik beigetragen hatte: ein kulturell nachhaltiges „Ja! Ja!“ Nicht ohne Sackgassen und Auslassungen, nicht schuldlos und sündenfrei, aber schließlich doch mit einer gewachsenen und stets verbesserbaren Kultur der Partizipation von unten nach oben. Das war demokratiefähig und zukunftsweisend, ein wesentlicher Beitrag zur Stadt auf dem Berg, deren Licht nicht verborgen bleibt. Nicht in der alten Welt, auch nicht in der neuen.

Nicht selten hatte ich früher Mühe, die Vorstellung von Gottes Allmacht zu erläutern, doch mittlerweile liefern Autokraten weltweit und täglich Anschauungsmaterial dafür, wie gut es wäre, die abgründige Qualität der Allmacht bei einem Einzigen zu wissen (soli Deo gloria!), statt sie in Gestalt von Autokraten in allen Größen und Lagern wie giftige Pilze hervorsprießen zu sehen. Sie beanspruchen zunehmend erste und letzte Definitionsmacht, mittlerweile sogar gegenüber geografischen Gegebenheiten, intellektuellen Eliten oder heiligen Schriften. Das prophetische Wächteramt aller Christinnen und Christen ist gefragt, der status confessionis gegeben, spiritueller Mut gefordert. Was tun? Einzelne können den Text unterschreiben, Leitende mögen rote Linien erkennen und benennen, Kirchen öffentlich Gesicht zeigen, um „Nein!“ und „Ja!“ zu sagen.

Wir Initianten haben Freunde, die uns zu verstehen geben, sie könnten jetzt leider nicht unterschreiben, weil sie demnächst in dieses oder jenes Land fahren wollen. Die Flüge seien bereits gebucht, doch nun hätten sie Sorge, nicht eingelassen zu werden. Was könnte aktueller demonstrieren, wohin wir bereits geraten sind und was uns sonst noch erwarten wird! Nachrichten von Freundinnen aus betroffenen Regionen erreichen uns, die sich freuen, dass aus der stillen Schweiz eine Initiative kommt, die sie sich in ihrem Land schon nicht mehr leisten könnten. Auf welchen Kairos wollte man da noch hoffen, gemeinsam, und zwar international und interreligiös, „Ja!“ zu sagen zu einer regelbasierten Kultur von Kommunikation und Politik, und „Ja!“ zur Kultur der Versöhnung und des Respekts. 

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