Zurück ins Klassenzimmer

Geflüchtete Lehrkräfte und ihr Neustart an deutschen Schulen
„In meiner Klasse lernen die Kinder, dass Vielfalt wertvoll ist“, sagt Yara Arslan.
Foto: Andreas Boueke
„In meiner Klasse lernen die Kinder, dass Vielfalt wertvoll ist“, sagt Yara Arslan.

In Syrien haben sie Kinder und Jugendliche unterrichtet. Dann warf der Krieg ihr Leben aus der Bahn. Mohammad Nazir und Yara Arslan mussten ihre Heimat verlassen. Doch in Deutschland gelang es ihnen, ihren Traum zu verwirklichen. Sie fanden dank eines Programms der Universität Bielefeld einen Weg zurück ins Klassenzimmer. Der Journalist Andreas Boueke hat sie getroffen.

Studierende aus aller Welt sitzen an langen Tischreihen, löffeln deutschen Eintopf, diskutieren über Klausurergebnisse oder tauschen sich über Partypläne aus. In der Mensa der Universität Bielefeld lachen junge Menschen, Tablette klappern, Smartphones klingeln. Da fällt eine Gruppe arabischer Frauen kaum auf. „Ich freue mich so sehr, dass ich noch einmal studieren darf“, sagt Meyda Ibrahim. Die 36-Jährige hat vor 18 Jahren in Damaskus ihr Englischstudium begonnen und nach dem Abschluss als Lehrerin in Syrien gearbeitet.

Die Frauen sind Teilnehmerinnen an dem Programm Lehrkräfte Plus der Universität Bielefeld, das im Jahr 2017 als eines der ersten Angebote seiner Art gestartet ist. Die Initiative entstand vor dem Hintergrund des starken Zuzugs Geflüchteter ab 2015. Ziel war es, Lehrerinnen und Lehrern, die in ihren Herkunftsländern bereits unterrichtet hatten, einen beruflichen Neustart an deutschen Schulen zu ermöglichen.

Mittlerweile richtet sich das Qualifizierungsprojekt nicht mehr nur an Menschen mit Fluchterfahrung, sondern ist offen für alle international ausgebildeten Lehrkräfte. Sie absolvieren ein Jahr lang Kurse in Deutsch, Pädagogik und interkulturellem Lernen. Anschließend folgt ein umfangreiches Schulpraktikum sowie Beratung zu ihren beruflichen Perspektiven und Unterstützung bei Bewerbungen an Schulen. Die Projektkoordinatorin Kristina Purrmann erklärt: „Wir versuchen, Brücken zu bauen für Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund, die viel Berufserfahrung mitbringen. Sie möchten im deutschen Bildungssystem tätig werden. Das ist ein großer Schritt, denn die Situation hier unterscheidet sich deutlich von der in den Schulen ihrer Herkunftsländer.“

Andere Lernkultur

Viele der Teilnehmenden sind an einen sehr lehrkraftzentrierten Unterricht gewohnt. Während Meyda Ibrahim ihren Nachtisch umrührt, erzählt sie: „Meine Arabischlehrerin in Syrien war streng. Während der Schulstunde dürften wir kein einziges Wort sagen.“ Eine kurdische Kommilitonin hat Ähnliches erlebt: „Wenn der Lehrer sprach, war es verboten, sich zu melden.“

In Deutschland erleben die Frauen eine völlig andere Lernkultur. Die Klassen sind lebhafter, der Unterricht ist offener, und viele Kinder treten selbstbewusst auf. Lehrkräfte sollen ihren Unterricht flexibel gestalten, erläutert Kristina Purrmann: „Da ist Kreativität gefragt. Für viele ist es eine große Umstellung, von einer eher autoritären zu einer moderierenden Rolle zu wechseln.“

Dem Sportlehrer Mohammad Nazir ist der Weg zurück in den Lehrberuf gelungen. Vor zehn Jahren floh er aus Syrien, nachdem er im Krieg viele Freunde verloren hatte. „Sie sind tot, weil sie sich gegen das Assad-Regime aufgelehnt haben. Während meiner Zeit an der Universität habe ich oft Leichen auf den Straßen gesehen.“ Nach seinem Studium hat er in Syrien drei Jahre lang als Sportlehrer gearbeitet. Die Bedingungen waren schwierig. Schon sein Schulweg war gefährlich. „Ich bin oft an Soldaten vorbeigekommen“, erinnert er sich. „Einmal haben sie mich angehalten, kontrolliert und zum Dienst in der Armee eingezogen. Schon zu Beginn der militärischen Grundausbildung war mir klar, dass ich da falsch war. Ich würde nie eine Waffe gegen mein eigenes Volk richten.“

Der sportliche Mann floh zu Fuß bis zur türkischen Grenze. Von Izmir aus wagte er die Überfahrt übers Meer. In Deutschland angekommen, schlief er drei Monate lang auf einer Matratze in einer Sporthalle, ohne zu ahnen, dass er Jahre später über Lehrkräfte Plus als Lehrer in genau diese Halle zurückkehren würde. „Den Platz, an dem ich damals übernachtet hatte, habe ich jeden Tag im Unterricht gesehen.“

Erfolgreiches Modell

Die Vielfalt in deutschen Klassenzimmern nimmt stetig zu. Laut Statistischem Bundesamt haben 29 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Einwanderungsgeschichte. Demgegenüber ist der Anteil der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund deutlich geringer. Nur elf Prozent haben Eltern, die seit 1950 aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind. Darüber, wie viele Lehrkräfte in Deutschland selbst in einem anderen Land aufgewachsen sind, gibt es keine Angaben.

Seit 2017 sind deutschlandweit ähnliche Programme wie Lehrkräfte Plus entstanden, deren Konzepte sich an dem erfolgreichen Modell orientieren. „Es ist schön zu sehen, dass diese Idee weiter getragen wird“, freut sich Kristina Purrmann. „In den vergangenen Jahren ist jedes Jahr mindestens eine neue Initiative entstanden.“

Während des Programms Lehrkräfte Plus erhalten die Teilnehmenden finanzielle Unterstützung vom Jobcenter. Mohammad Nazir bekam seine Wohnkosten erstattet und ein monatliches Taschengeld von 435 Euro. Damit musste er seine übrigen Lebenshaltungskosten bestreiten. Es war ihm wichtig, so bald wie möglich ein reguläres Gehalt zu verdienen. „Ich wollte kein Geld vom Jobcenter“, sagt der Sportlehrer. „Ich wollte selbst etwas verdienen.“ Vor allem aber wollte er sich seinen Traum erfüllen, wieder als Lehrer zu arbeiten. „Aber als ich im ersten Integrationskurs von meinem Ziel sprach, haben die anderen gelacht und gesagt, das würde ich nie schaffen. Das sei zu schwierig. Trotzdem habe ich an meinem Plan festgehalten – und jetzt arbeite ich als Lehrer.“

Deutschland braucht ausgebildete Lehrkräfte wie Mohammad Nazir. Es gibt Schulen, in denen nur sechzig Prozent der Stellen besetzt sind. Allein im Grundschulbereich fehlen bundesweit 25 000 Lehrkräfte. Die Kultusministerkonferenz geht davon aus, dass der Mangel bis mindestens 2030 anhalten wird. „Es herrscht Lehrkräftemangel“, betont Kristina Purrmann. „Da kann Lehrkräfte Plus sicher einen Beitrag leisten.“

Nachdem Mohammad Nazir das Programm erfolgreich abgeschlossen hatte, konnte er halbtags als Vertretungslehrer arbeiten. „Ich musste viel einspringen, wenn Kollegen krank waren oder auf Fortbildung.“ Währenddessen hat er sich auf fünf Vollzeit-Stellen beworben. „Ich bekam vier Zusagen.“

Die Gartenzäune sind niedrig, die Vorgärten freundlich gestaltet, das meiste Gras ist ordentlich geschnitten. In einem der Häuser dieser Mittelklasse-Nachbarschaft der ostwestfälischen Kleinstadt Löhne lebt die Syrerin Yara Arslan mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. Die friedliche Atmosphäre steht in scharfem Kontrast zu der Realität, die die junge Mutter hinter sich gelassen hat. 2014 verließ sie ihre Heimat, obwohl sie dort ein erfülltes Leben geführt hatte. Sie war Lehrerin an einer Privatschule, unterrichtete Englisch, Mathematik und Arabisch. Mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz erinnert sie sich an eine Zeit, in der Muslime und Christen in Syrien Nachbarinnen, Kollegen und Freundinnen waren. „Doch dann kamen die Bomben. Meine Stadt wurde fast zerstört. Der Islamische Staat übernahm die Kontrolle. Wir hatten Angst. Wir sind Christen“, sagt sie und blickt hinaus in ihren Garten, wo ihr Mann und seine Brüder gerade eine Terrasse anlegen.

Zukunft in Deutschland

Zwar ist die Lage in Syrien nach dem Sturz des Diktators Assad heute stabiler als manche Beobachter erwartet hatten, doch das kann sich schnell ändern. Die neue Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa bemüht sich um den Wiederaufbau, doch auch verschiedene Milizen und internationale Akteure ringen um Einfluss. Minderheiten sind weiterhin gefährdet, insbesondere Christen. „In Syrien fühlen wir uns nicht mehr sicher“, sagt Yara Arslan mit trauriger Stimme. Die Zukunft ihrer Familie sieht sie in Deutschland. „Als ich hierhergekommen bin, wollte ich unbedingt wieder als Lehrerin arbeiten, so wie in meinem Heimatland. Mir war bewusst, dass der Weg lang sein würde.“

Während ihr Mann in einem transnationalen Unternehmen Karriere machte, stellte sich Yara Arslan den Herausforderungen der deutschen Bürokratie. Zertifikate mussten anerkannt und immer neue Bewerbungen verschickt werden. Dann konnte sie an dem Programm Lehrkräfte Plus teilnehmen. „Ein Jahr lang wurden wir qualifiziert. Danach bekam ich eine befristete Stelle.“

Sie kann sich noch gut an ihren ersten Besuch einer deutschen Grundschule erinnern. „Die Klassenräume sind so schön gestaltet, alles ist für die Kinder gemacht, die Stühle, die Tische. In Syrien waren viele Stühle kaputt oder unbequem. Außerdem ist Bildung hier fast kostenlos. In Syrien müssen die Eltern viel selbst bezahlen, auch wenn sie nur wenig haben.“

Als in Minden eine Stelle für herkunftssprachlichen Unterricht ausgeschrieben wurde, bewarb sich Yara Arslan. „Mein Vorteil war die Erfahrung, die ich durch Lehrkräfte Plus sammeln konnte. Deshalb habe ich die Stelle bekommen.“

An die Lernatmosphäre und den Geräuschpegel in der Grundschule musste sich die erfahrene Lehrerin erst gewöhnen. „Hier in Deutschland sind die Kinder in der Schule frei. Sie können offen ihre Meinung sagen. Das ist toll. In Syrien haben viele Angst vor den Lehrern und sagen kaum etwas. In meiner Klasse hier lernen die Kinder, dass Vielfalt wertvoll ist. Sie entdecken neue Sprachen und Traditionen.“

Auf dem Pausenhof mischen sich Kinderstimmen in verschiedenen Sprachen: Russisch, Albanisch, Kurdisch und Farsi sind nur einige davon. Yara Arslan hat Pausenaufsicht. Der kleine Siam aus Marokko freut sich, dass er ein paar Worte auf Arabisch mit ihr wechseln kann. „Frau Arslan ist die beste Lehrerin“, sagt er begeistert in flüssigem Deutsch. „In ihrem Unterricht machen wir viele coole Sachen – Spiele, Musik und alles mit verschiedenen Sprachen. Finde ich richtig gut.“

Auch die stellvertretende Schulleiterin Süreyya Bonitz sieht in der neuen Kollegin einen Gewinn für die Schule. „Bei uns gibt es schon lange viele Kinder mit Fluchterfahrung oder aus Familien, die aus anderen Ländern zugewandert sind. Viele sprechen anfangs kaum Deutsch. Früher hätten wir nie gedacht, dass wir mal Lehrpersonal einstellen können, das selber in einem dieser Länder ausgebildet wurde.“

Großer Gewinn

Süreyya Bonitz ist selbst Tochter türkischer Einwanderer. Sie betont, wie sehr sich Schulpolitik gewandelt hat. Heute ist es erklärtes Ziel, die Kollegien diverser zu gestalten, um der Vielfalt der Schülerschaft gerecht zu werden. Studien zeigen, dass dies nicht nur das Schulklima verbessern kann, sondern auch den Lernerfolg steigert.

Die Integration von Yara Arslan sieht Bonitz als großen Gewinn, nicht nur für die Kinder, sondern auch für das Kollegium. „Sie sensibilisiert uns alle für das Thema Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt.“

Die zehnjährige Isha sieht das genauso: „Es ist spannend, von anderen Kulturen und Religionen zu erfahren und neue Sprachen zu lernen.“

Natürlich vermisst Yara Arslan Syrien, aber eine Rückkehr kommt für sie nicht infrage. „Wir haben hier so viel erreicht. Ich habe meine Kinder in Deutschland zur Welt gebracht. Für sie wünsche ich mir eine gute Zukunft, ohne Krieg und ohne Armut.“ 

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