Die Digitalisierung schreitet voran. Ob das zu schnell oder zu zurückhaltend geschieht, ist eine Frage der Perspektive. Zu stoppen ist sie offenbar nicht, aber kritisieren darf man sie durchaus – man muss es sogar, meint der an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste lehrende Philosoph Daniel Martin Feige. Mit Kant bedeutet Kritik für ihn eine Aufklärung darüber, was eine Sache ihrer Eigenart nach ist und welche Grenzen ihr gesetzt sind. Feige bettet dies in seinem Buch ein in eine übergreifende Kritik der Gesellschaft und der „instrumentellen Vernunft“, denn mehr noch als auf Kant oder andere klassische Denker rekurriert der Autor auf die kritische Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos.

Wer sich ein eigenes Bild davon machen will, was durch die neue Datentechnik und so genannte künstliche Intelligenz alles anders wird und wieso sie (mindestens) einen Epochenschritt markiert, bekommt hier einen kulturkritischen Standpunkt geboten. Dieser unterscheidet sich von der breit geschichtlich begründeten, gleichfalls warnenden Perspektive des Historikers und Sachbuchbestseller-Autors Yuval Noah Harari in dessen Werk Nexus genauso wie etwa von dem vergleichbar gut verständlichen, wie Feiges Buch im Meiner-Verlag erschienenen „philosophischen Gespräch“ mit dem Titel Was ist, was kann, was soll KI?. Die Unterschiede betreffen nicht zuletzt die Komplexität der dargestellten Gedanken, die bei Feige recht hoch liegt. Als jeweilige Ergänzungen lassen sich die drei Titel dennoch verstehen.

Feige bietet eine gründliche und systematische Darstellung; der Umfang ist überschaubar, was durch eine dichte Form gelingt, die beträchtliche Denkarbeit zur Voraussetzung hat und dem Leser Konzentration abverlangt. Indem die digitalen Techniken alles Mögliche in berechenbare Daten übersetzen, installieren sie neue Herrschaftsformen in unserem Zusammenleben, so Feige. Digitalisierung sei „die Datifizierung unserer Wirklichkeit“ und Ausdruck einer Radikalisierung der instrumentellen Vernunft; deren Wertmaßstab heißt Zweckrationalität und begreift die Welt der Dinge als bloß zu gebrauchende Mittel.

Wo der herkömmliche Kapitalismus greifbare Waren sieht und schafft, produziert der digitale abstrakte, durch maschinelle Rechenoperationen speicherbare Daten; Marktmacht ist hier wie dort der Zweck des Tuns, dem staatliches Handeln einen Rahmen und Grenzen setzen kann. Überlegungen, ob den auf künstlicher Intelligenz aufbauenden Robotern womöglich ein Bewusstsein oder gar Rechte zugesprochen werden sollten, erteilt Feige eine klare Absage. Für ihn sind solche Gedanken Ausdruck einer kalkulierten Aufwertung der maschinellen Leistung, die dem Wohl der menschlichen Gemeinschaft abträglich sei. Schon die Verwendung des Wortes „Intelligenz“ passe nicht zu den hochdifferenzierten Maschinen, weil sie eine Gemeinsamkeit mit natürlichem Leben suggeriere, die nicht gegeben sei.

Feige lehnt die neue Technologie nicht prinzipiell ab; es geht ihm um sorgfältig zu erwägende Grundsätze im Umgang mit ihr, die das menschliche Wohl im Auge haben und nicht vor allem wirtschaftlichen Nutzen. Angesichts des hauptberuflichen Wirkungsortes Feiges liegt es wohl nahe, dass er eine Bestätigung seiner Anliegen und Mitstreiter in den bildenden Künsten findet. Stellvertretend nennt er Werke von bekannten Kunstschaffenden wie Damien Hirst und Hito Steyerl. Der gedankliche Hintergrund seiner interpretatorischen Ansätze hierzu erinnert ebenfalls an Adorno: Der bescheinigte der Kunst, das „Nicht-Identische“, einen Bereich jenseits von verkürzendem Zweckdenken zu eröffnen. Bedenkenswert ist Feiges Buch auch in diesen Abschnitten.

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