Geistesschärfe

Beiträge zur Eschatologie

Angesichts der Klimakrise und apokalyptischer Weltuntergangsparolen ist der Band Schon jetzt – und dann erst recht von erstaunlicher Aktualität. Als Walter Mostert seine Eschatologie-Vorlesung in Zürich hielt, hatte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) 1983 den Konziliaren Prozess zu „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ beschlossen. Von ihm enthält der Band ein unveröffentlichtes Manuskript der Vorlesung „Eschatologie“ (1989/90) sowie einen Vortrag zum „Leben und Überleben als Thema der Eschatologie“, der die praktische Relevanz der akademischen Ausführungen aufzeigt. Von Eberhard Jüngel bietet er teils unveröffentlichte Thesen einer Vorlesung zur „Eschatologie“ (1982), Beiträge zu „Gericht und Gnade“, zum „Tod“ und zur „Hoffnung auf das ewige Leben“ sowie Predigten. Vorlesungen und Beiträge ergänzen sich gegenseitig, nähern sie sich doch von zwei Seiten derselben Sache.

Zur „Bewahrung der Schöpfung“ bekräftigt Walter Mostert deren unbestreitbare Notwendigkeit, wirft zugleich aber „die große Frage“ der „Machbarkeit“ auf. Spätestens seit der Aufklärung habe sich einerseits die Vernunft als Herrschaftsinstrument über Leben, Natur und Geschichte etabliert, andererseits der Idealismus die Beherrschung der Natur durch den Geist zur Herstellung einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden verfolgt. Geradezu prophetisch klingt seine Analyse angesichts der gegenwärtigen Polarisierungen: Diese „hemmungslose Unterwerfung der Natur unter die Interessen des Subjekts“ kann man „in den meisten alternativen Gegenentwürfen unschwer wiedererkennen“. Dazu gehört „das allgegenwärtige Phänomen der Ummünzung von Wahrheit in Meinung“, das die Wahrheit des Glaubens – statt sie als Phänomen des Hörens wahrzunehmen – „fundamentalistisch“ missversteht „als Ideologie, die es durchzusetzen gilt“. Dabei „geht es um die Machtfrage“, das „heute bedrohlichste Problem der Gefährdung der Schöpfung, nämlich [die] Gewalt“. „Solange wir der Selbstgerechtigkeit der Profiteure […] nichts anderes entgegensetzen als die Selbstgerechtigkeit derer, die es besser oder anders wissen, solange ist unser Beitrag gleich Null … weil unser Demonstrieren für die Bewahrung der Schöpfung die Gerechtigkeit und den Frieden gar nicht fördert“. „Das Aufstellen absoluter und globaler Ziele“ ist bei vielen „zum Selbstzweck geworden, dient der moralischen Selbstbestätigung und ist selbst schon ein Moment der Umweltzerstörung“.

Demgegenüber lehrt „die Bewahrung der Schöpfung“ als „ein altes Thema christlicher Dogmatik“: „a) Subjekt der Bewahrung der Schöpfung ist Gott, nicht der Mensch. b) Die conservatio mundi durch Gott ist deshalb nötig, um die Welt und alle Geschöpfe gegen das Wüten des Menschen zu bewahren“. Daher besteht die Aufgabe der Kirche in einer „Theologie als Lobpreis Gottes“, indem die Gläubigen einstimmen „in die Freude an der Bewahrung der Schöpfung durch Gott“, „die Gott als Bewahrer der Schöpfung wie des eigenen Lebens anerkennt“ und die es erlaubt, „schon jetzt aus der Fülle der Nähe Gottes zu leben“ und „in Freiheit auf viel schöpfungsbedrohenden Konsum zu verzichten“.

Mosterts Ideologiekritik führt Jüngel theologisch-selbstkritisch weiter, indem er Kants „tiefgreifende Wandlung“ der eschatologischen Erwartung „zur Lehre vom moralischen Endzweck des Menschen“ im Neuprotestantismus problematisiert und an die Wiederentdeckung der Reichgottesverkündigung Jesu durch die Religionsgeschichtliche Schule und Karl Barth erinnert. Dabei ist „das spannungsvolle Verhältnis von Schon Jetzt und Noch Nicht nicht von der Defizienzerfahrung gegenwärtigen Mangels her, sondern von der Verheißung zukünftiger Vollendung her“ zu begreifen. Hermeneutisch müssen alle eschatologischen Aussagen „die Struktur pneumatologischer Relationsaussagen haben“ und sind wie Jesu Gleichnisse „eigentliche Rede“. Ewiges Leben ist „ein von Liebe erfülltes Leben […] aus Gott – in Gott – zu Gott“.

Was hier Jüngelsche Geistesschärfe thesenartig herausarbeitet, veranschaulichen seine Vorträge mit Sprachwitz, Anekdoten und Wortspielen, die „Gottes Gnade ins Recht setzen“. „Das Feuer des Gerichts ist das Feuer der göttlichen Liebe“. „Wer dahin unterwegs ist,“ wird „im Lichte des Jüngsten Tages etwas von den ursprünglichen Farben der Schöpfung“ und so „mitten in unserem irdischen Leben eine Fülle von ganz und gar weltlichen Gleichnissen für das ewige Leben […] entdecken“. In ihrem Vorwort haben die Herausgeber die wesentlichen Einsichten beider Autoren treffend zusammengefasst.

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Foto: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Ulrich Heckel

Dr. Ulrich Heckel ist Oberkirchenrat und Leiter des Dezernats Theologie, Gemeinde und weltweite Kirche der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen.

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