Kreativer Aufbruch

Begegnung von Surrealismus und deutscher Romantik in der Hamburger Kunsthalle
Max Ernst (1891–1976): Der Hausengel (Der Triumph des Surrealismus), 1937.
Foto: Vincent Everarts Photography Brusse/© VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Max Ernst (1891–1976): Der Hausengel (Der Triumph des Surrealismus), 1937.

Mit mehr als 300 Exponaten widmet sich die Hamburger Kunsthalle in einer Ausstellung der Nähe der deutschen Romantik zum internationalen Surrealismus. Bis zum 12. Oktober 2025 sind Werke aus den USA, Mexiko und Europa ausgestellt, die teilweise noch nie öffentlich zugänglich waren. Der evangelische Theologe Robert M. Zoske hat die Schau besucht.

"Morning has broken“ – Es ist ein zartes Lied, das 1971 durch Cat Stevens populär wurde. „Morgenlicht leuchtet“ heißt es in der deutschen Übertragung (durch Jürgen Henkys) im Evangelischen Gesangbuch (EG 455), und weiter: „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang“. Das Lied preist den Zauber, der im morgendlichen Neuanfang steckt, seine Vielfalt, seine Möglichkeiten.

In der Hamburger Kunsthalle kann man gerade zwei sehr unterschiedliche und doch geistesverwandte Morgenbilder betrachten: eines von Philipp Otto Runge (1777–1810) aus dem Jahre 1808 und ein anderes von Max Ernst (1891–1976) von 1965. Runges zartes Gemälde ist voller Gestalten und Pflanzen, die hinauf, die nach oben streben. Ernst beschränkt sich auf zwei aneinander liegende kraftvolle gelbe und orangene Farbflächen. Den kreativen Neubeginn verkörpert bei Runge ein neugeborenes Menschenkind, Ernst symbolisiert durch Kratzungen, mit denen er die Farben öffnet, den Aufbruch.

Die Ausstellung in Hamburg trägt den Titel: „Rendezvous der Träume – Surrealismus und deutsche Romantik“. Die umfangreiche Schau zeigt mit mehr als 300 Exponaten (Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, Fotografien, Filme, Skulpturen, Objekte, Archivalien) bis zum 12. Oktober die Nähe der deutschen Romantik zum internationalen Surrealismus. Anlass ist das hundertste Jubiläum des Surrealistischen Manifests von 1925, in dem die theoretischen Grundlagen dieser Kunst-Bewegung genannt sind. Entscheidend war für die Surrealisten, dass bei der Kreation eines Kunstwerks der unbewusste Gedanken- und Gefühlsstrom nicht durch den Verstand kontrolliert wird. Die Hamburger Kunsthalle hat die Werkschau zusammen mit dem Pariser Centre Pompidou realisiert. „Rendezvous der Träume“ umfasst auf rund 2 000 Quadratmetern drei Ausstellungsbereiche: Traum, Wald, Kosmos. In anderer Form war die Schau zuvor schon in Paris, Brüssel und Madrid zu sehen. Es sind Werke aus den USA, Mexiko und Europa ausgestellt, die teilweise noch nie öffentlich zugänglich waren.

Spuren Gottes

Man kann durch die Präsentation schlendern und still für sich das Lied „Morgenlicht leuchtet“ summen. Dabei wird man überall die Kraft des kreativen Aufbruchs entdecken, die Kraft des neuen Morgens spüren. „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang / Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.“

Ich bleibe im Kuppelsaal der Hamburger Kunsthalle vor einem sehr großen Gemälde stehen. Es misst 4,60 Meter in der Breite und 3,80 Meter in der Höhe. Der katalanische Maler Joan Miró (1893–1983) hat es geschaffen. Die Leinwand wimmelt nur so von Farbflecken und Figuren. Sie scheinen umeinander zu kreisen und miteinander zu spielen. Erstaunt lese ich den Titel: „Frauen, die vom Flug eines Vogels umkreist werden“. Wo sind die Frauen, frage ich mich, wo ist der Vogel? Realistisch abgebildet sind beide nicht. Vielleicht waren es die Stimmungen, die Schwingungen, die von ihnen ausgingen, die der Künstler spürte und dann malte? Auch die Dichterin des Liedes „Morgenlicht leuchtet“, es stammt ursprünglich von der britischen Lyrikerin Eleanor Farjeon, spürte mehr, als zu hören war. Sie vernahm den Gesang einer Amsel – und hörte und fühlte einen Lobgesang Gottes. Profan gesprochen ist ein Amselgesang nur eine Abfolge von Tönen. Profan gesprochen ist die Leinwand Joan Mirós nur voller Farbfiguren. Doch wer hingebungsvoll lauscht und wer fantasievoll schaut, spürt die Schwingungen, die von Bild und Gesang ausgehen. Wer sensibel ist, der und dem kommt Gott als Geheimnis des Lebens nahe. „Morning has broken.“ – „Morgenlicht leuchtet.“ Weiter heißt es im Lied: „Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet. / So lag auf erstem Gras erster Tau. / Dank für die Spuren Gottes im Garten .[…]“ „Spuren Gottes“ – wo kann man die heute sehen? Sieht man nicht überall nur Spuren der Zerstörung, der Gewalt? Sind in der aktuellen Hamburger Schau Spuren Gottes zu finden?

Ich bleibe vor einem Gemälde stehen, das den Titel trägt „Surrealistischer Schrank“. Darauf öffnet sich nicht nur eine Schranktür, sondern zahlreiche Türen, Klappen und Fenster stehen auf. Sie geben alle den Blick frei auf zwei unterschiedliche Landschaften: Im oberen Bereich erstreckt sich eine grüne Ebene, im unteren ist eine karge Gebirgslandschaft zu sehen. Beides erwartet man nicht, wenn man einen hölzernen Kleiderschrank öffnet. Es ist ein überraschender Blick hinter die Fassade des Kleiderschranks. Könnte man wirklich in das Bild hineingehen, so erwartete den Schrankbesucher die frische Luft zweier weiter Ebenen.

Sind hier Spuren Gottes? Nicht direkt, aber symbolisch sind hier schon Zeichen Gottes. Denn der „Surrealistische Schrank“ des französischen Künstlers Marcel Jean (1900–1993) öffnet den Blick hinter die Dinge. Er führt in die Weite. Das macht auch der Glaube. Denn der Glaube hofft hinter den Dingen, den Ereignissen, Lebensrätseln und -schmerzen auf einen tieferen Sinn. Spuren können verwischen, aber sie können auch freigelegt werden: Dank für die Spuren Gottes im Leben. Das Lied „Morgenlicht leuchtet“ begleitet mich weiter auf meinem Gang durch die Hamburger Ausstellung: „Sanft fallen Tropfen, sonnendurchflutet / So lag auf erstem Gras erster Tau / Dank für die Spuren Gottes im Garten / grünende Frische, vollkommnes Blau.“

Gemaltes Paradies

Blau ist die Farbe der Romantik. Sie verkörpert Weite, Sehnsucht und Freiheit. In der aktuellen Präsentation der Hamburger Kunsthalle ist es aber gerade ein surrealistisches Gemälde, welches das Gefühl der Romantik besonders abbildet. „Ciel“, französisch, „Himmel“, deutsch, so heißt das Gemälde des Franzosen André Masson (1896–1987). Es besteht fast nur aus der Farbe ultramarin. Lediglich eine gold-gelbe Mondscheibe und zwei muschelähnliche kleine Figuren aus hellem Sand geben dem Bild Räumlichkeit – sonst taucht der Blick in grenzenloses Blau ein. Ist dies das „vollkommene Blau“, von dem das Lied singt? Wenn Vollkommenheit bedeutet, dass einer Sache nichts fehlt, dass jede Hinzufügung zu viel ist, dann ist hier ein vollkommenes Blau gemalt. Wenn „Blau“ Weite, Sehnsucht und Freiheit bedeutet, dann ist „Ciel“ sogar ein religiöses Bild, denn Glaube sollte nicht Enge, Strenge und Zwang sein, sondern in besonderer Weise Weite eröffnen, Sehnsucht nähren und stillen und Freiheit ermöglichen.

Ich wurde einmal gefragt, ob ich als Christ „streng“ an Gott glauben müsse. „Streng“ sei nicht das richtige Wort, habe ich geantwortet, aber ernsthaft und aufrichtig sollte es schon sein. Der christliche Glaube sollte meines Erachtens eine Suche nach den „Spuren Gottes“ sein, nach dem „vollkommenen Blau“, so, wie es in dem Lied heißt: „Dank für die Spuren Gottes im Garten / grünende Frische vollkommnes Blau.“

Die Dichterin des Liedes „Morgenlicht leuchtet“ spürte hinter dem ersten Tageslicht eine tiefere Quelle: „Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen. / Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht“, schrieb sie.

Metapher des Lichts

Wie kann man sich den „Garten Eden“, den Paradiesgarten Gottes, vorstellen? Kann man ihn malen? Caspar David Friedrich (1774–1840), der Maler der Romantik schlechthin, hat „Eden“, das Paradies, in fast jedem seiner Bilder gemalt – ohne es abzubilden. Besonders deutlich wird das bei seinen berühmten „Rückenbildern“, zum Beispiel dem „Mönch am Meer“ und dem „Wanderer über dem Nebelmeer“ oder der „Frau vor untergehender Sonne“, aber auch bei den Landschafts- und Ruinenbildern ist das der Fall: Man spürt das „Mehr“ hinter dem Abgebildeten. Friedrichs Werke lassen ahnen, dass es mehr als das Sichtbare gibt. Das macht seine Faszination aus. „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön“, dichtete Matthias Claudius. Und weiter: „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn.“ Das Paradies, der Garten Eden, ist das, was hinter dem Sichtbaren liegt. Wir können nur offen für seinen Abglanz sein.

Nach einer guten Stunde des Rundgangs durch die Hamburger Kunsthalle begleiten mich die letzten Zeilen von „Morgenlicht leuchtet“: „Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen! Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht!“ Auch die englische Künstlerin Marion Adnams (1898–1995) arbeitete mit der Metapher des Lichts. In einem ihrer Gemälde (1964) zündet sie neun kleine Öllampen an, die wie Schneckengehäuse geformt sind. Sie stehen in einer weiten Landschaft vor einem großen, zerklüfteten Felsblock. „Eine Kerze des Verstehens in deinem Herzen“ hat sie das Bild genannt, das auch in Hamburg zu sehen ist. 

Vor einigen Jahren bin ich mit anderen in eine große Höhle hinabgestiegen. Es brannte elektrisches Licht, und wir gingen auf breiten Holzbohlen abwärts. Als wir unten angelangt waren, sagte unser Führer, wir sollten sicher stehen, denn er werde gleich das Licht ausschalten und dann würde es „sehr dunkel“ werden. Nach einigen Sekunden betätigte er einen Schalter, und wir standen sofort in einer Finsternis, in der wir nicht einmal die eigene Hand vor Augen sahen. „Keine Angst!“, sagte unser Begleiter, „gleich wird es wieder hell.“ Man hörte das Klicken eines Feuerzeugs und sah, wie die Flamme eine Kerze anzündete. Es war nur eine kleine Flamme, doch als die Kerze in die Höhe gehoben wurde, glitzerten meterweit die Steine in der Höhle. Nur ein einziges Licht verzauberte alles. Wenn Marion Adnams in ihrem Gemälde Kerzen des Herzensverstehens anzündet, so meint sie damit kein rationales Verstehen, sondern ein emotionales. Wie gut tut es, von Herzen verstanden zu werden. Vielleicht sollten wir im Vaterunser die Bitte um das tägliche Brot ergänzen: „Unser tägliches Licht gib uns heute.“ 

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