Schmal hat Charme. Kompakt ist anziehend. Weniger ist mehr. Tiny is appealing. Der Buchmarkt setzt auf die kleine Form. Endlich hat der Essay (frz. wörtlich: Versuch) Konjunktur, 100 Seiten als Höchstgrenze. Reclam verspricht Orientierung auf kleinstem Raum unter der Überschrift: [Was bedeutet das alles?]; Matthes & Seitz favorisiert die Englische Broschur; jüngst hat auch C. H. Beck einen gut hundertseitigen (und in der Tat: prächtigen) und sorgfältig gebundenen Versuch über das Schwebende veröffentlicht: Meteor, verfasst vom Literaturwissenschaftler Joseph Vogl. Zwei dieser Tiny-Bücher, über Simone Weil vom Philosophen Byung Chul Han, und einen Exkurs über Kafka vom Literaturwissenschaftler von Joseph Vogl, will ich ins Gespräch bringen und vernetzen unter dem Titel: Ontologie des Schrumpfens. Unter diesem Rubrum diskutiere ich Anstrengungen, die zunehmende und sich verschnellende Selbstausdehnung Einzelner und der Spezies Mensch überhaupt einzudämmen. Denn: Wir stehen uns inzwischen mit unseren Vorstellungen von persönlicher Freiheit gegenseitig im Wege. Es geht deshalb um gegenläufige Prozesse, die sich in Verben wie: reduzieren, zusammenziehen, verkleinern, entleeren, abnehmen, eindorren, krimpen, verringern etc. ausdrücken.
Akt der Entselbstung
Simone Weil (1909-1943), Philosophin, Sozialrevolutionärin (kurzeitig Teilnehmerin am spanischen Bürgerkrieg), wuchs in einer säkularen jüdischen Familie auf, orientierte sich später an der christlichen Mystik, liebte ihren Platon und war offen für den Buddhismus. Ihre wichtigste, erst posthum zusammengestellte und veröffentliche Schrift, lautet Schwerkraft und Gnade. Dieses anthropologische Gezweit beschreibt einerseits die materiale Existenz des Menschen und deren ‚Gesetze‘ wie Rache, Vergeltung, Selbstbehauptung, Wille zur Macht, und die vertikale Resonanzfähigkeit, Gnade zu empfangen, die durch kontemplative Aufmerksamkeit als eine Form der Entleerung vorbereitet werden kann. Weil spricht von einer „Dekreation“ – ein Begriff, mit dem sie berühmt wurde – einem Prozess des Sich-Entleerens, eines „Verzichts auf sich selbst“, eines „Statusverzichts“, eines Verzichts auf „Selbstausdehnung“, um Hoffnungsräume zu ermöglichen. Sprachlich eng an Heidegger angelehnt, schreibt Weil: „Warten ist handelnde Passivität des Denkens.“ Warten, so Byung Chul Han in seiner beeindruckend einfühlsamen Lektüre, wird zur Demut: „Das Denken ist ein dankendes Empfangen in Demut.“ Das hochkonzentrierte Lesen wurde für Weil zum Akt einer Öffnung zum Anderen, ein Akt der Entselbstung, um sich von Texten verändern zu lassen.
Sog der Derealisierung
Diese Basics über Simone Weil sind in der Philosophie und Theologie seit längerem bekannt. Und jetzt das: Joseph Vogl interpretiert in seinem höchst lesenswerten Exkurs Unfertige Gegend zu Kafka dessen Roman Das Schloss unter den Stichworten „Sog der Derealisierung“, „progressive Entwirklichung“ oder „Entschöpfung“. Hat Weil Kafka gelesen? Das ist nicht bezeugt, aber auch nicht ganz unwahrscheinlich. Spannend ist: Im Vollzug der Lektüre von Das Schloss wird, wie Vogl zeigen kann, der Landvermesser (und vermessen verweist, wie Vogl erinnert, zugleich an die Vermessenheit) und werden wir als Lesende in den Sog der Derealisierung hineingezogen, um uns für neue Möglichkeiten zu öffnen.
Vogl umreißt den „historische(n) und systematische(n) Ort von Kafkas Erzähl- und Schreibweise“ so: „Mit ihrer besonderen Wendung kehrt sich seine Literatur gegen eine Onto-Theologie der Schrift, die im Schreiben ein Analogon zum Schöpfungsakt, eine Emanation oder Manifestation des Geistes, einen Übergang vom Vermögen zu seiner Verwirklichung erkennen mag. (…) Von den frühesten Texten bis zu den späten Schriften ermisst also Kafkas Literatur den Möglichkeitsraum einer imperfekten Welt. Sie hält sich an die Schemen einer ebenso schwebenden wie inkonsistenten Realität, sie betreibt einen Abbau des Werks, sie folgt keinem Schöpfungsprogramm und nicht der Realisierung einer zweiten und fiktiven Welt, sondern verschreibt sich dem Prinzip einer progressiven Entschöpfung.“
Inszenierung des Zimzum
Famos formuliert, aber bei mir melden sich Reserven. Erstens: Kafkas Programm befördert nicht endgültig das Programm einer Onto-Theologie der Schrift aufs Altenteil. Jüngste rezeptionsästhetische und produktionsästhetische Studien haben die Orientierungs- und Verwandlungspotentiale namentlich antiker Mythen und biblischer Narrationen, die immer auch eine Selbstbildhinterfragung und damit Entselbstung des Lesenden mit sich führen und die Selbstausdehnung abschwächen, erkundet. Zweitens überrascht es mich, dass eine naheliegende Deutung völlig übersehen wird: In der Kabbala, namentlich in den Schriften von Isaak Luria (1534-1572) ist Zimzum ein mystischer Begriff, meint: Selbstbeschränkung, Kontraktion oder Zusammenziehung. Er wurde schöpfungstheologisch so gedeutet, dass Gott Platz einräumt, Selbstverzicht übt, sich klein macht, um für die Schöpfung Platz zu machen. Ein freiwilliger Akt der Liebe. Simone Weil, die ihrer jüdischen Tradition erstaunlich kritisch gegenüberstand, und Kafka, inszenieren und wiederholen just dieses Zimzum in ihren Texten, um Platz zu machen für eine andere Welt und ein anderes Weltgefühl. Die Ontologie des Schrumpfens wiederholt auf vertikaler Ebene die Vorbedingung für eine (Neu)-Schöpfung. Onto-Theologie der Schrift? Verfolgung eines Schöpfungsprogramms? Gegen den ersten Eindruck gesagt: Ja. Ganz entschieden: Ja. Ja.
Joseph Vogl: Meteor. Versuch über das Schwebende, München 2025.
Byung Chul Han: Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil, Berlin 2025.
Zur Erinnerung: Der protestantische Theologe Jürgen Moltmann hat u.a. in seiner Schöpfungslehre auf die Idee des Zimzum zurückgegriffen.
Und ein schmaler Aphorismus zum Schluss, der auf eine Konferenz im Harz zurückgeht, gehalten vor dem Panorama ganzer Bergrücken mit toten Fichten.
Stirbt die Fichte, kann man niemanden mehr hinter die Fichte führen.
Klaas Huizing
Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.