Mitten im kalten Winter

Weihnachtsgedichte in Zeiten des nahen Kriegs und der drohenden Armut
Skeptische Hirten in einer Krippenlandschaft
Foto: pixelio/Dieter Schütz
Skeptische Hirten in einer Krippenlandschaft

Die Bilder zerstörter Häuser mitten in Großstädten wie Kiew und Charkiw sind in dieser Advents- und Weihnachtszeit allgegenwärtig. Immer wieder schlagen russische Raketen ein und treffen nicht nur die Versorgungsanlagen der Ukraine, sondern Wohnhäuser, Krankenhäuser und Schulen. Lichter am Himmel sind keine Hoffnungszeichen, sondern Boten der Zerstörung. Wir sehen Frauen, die verzweifelt vor dem Schutt ihrer Häuser stehen. Kinder werden im Bombenalarm geboren, frierende Menschen in U-Bahnhöfen. Und wenn die russische Armee abgezogen ist, kommen schlimme Gräueltaten ans Licht.

Dieses Weihnachten mitten im Krieg, wovon die Großeltern als einem fernen Ereignis erzählten, es ist uns nahegerückt, wenn auch noch 2000 km entfernt. Kein Engelsgesang auf den Feldern von Bethlehem, sondern das Heulen von Raketen, der Lärm von Explosionen, das Schreien der Verletzten und die Stoßgebete der Bedrohten und Leidenden. Wir kennen die Weihnachtsgeschichte gut. Kann sie helfen diese Bedrohung zu bestehen? Kann sie noch trösten? Den ernsten Hintergrund der Geburt des göttlichen Kindes in Bethlehem können vielleicht die Dichter am ehesten in Worte fassen, vor allzu rührseliger Andacht warnen, aber zugleich ein wenig Hoffnung geben.

Die Hirtenstrophe Peter Huchels

„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde, die hüteten des nachts ihre Herde.“ Die Hirten sind die ersten Empfänger der frohen Botschaft von der Geburt des Heilands. Ihnen sagt der Engel des Herrn: „Fürchtet Euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren in der Stadt Davids.“ Dass die gesellschaftlich wenig Respektierten erwählt sind als Empfänger der Botschaft ist den Dichtern besonders aufgefallen. Etwa Matthias Claudius in seiner Weihnachts-Kantilene, einer Mischung aus erweitertem Bibeltext und Weihnachtschorälen. Darin heißt es: „Vor Gott geht’s göttlich her/Und nicht nach Stand und Würden/Herodes läßt er leer/Mit seinem ganzen Heer;/Und Hirten auf dem Felde bei den Hürden/Erwählte er.“

In der Hirtenstrophe des Lyrikers Peter Huchel (1903-1981) wird das soziale Elend der Hirten aber zur Anklage. Sie gehen nachts gen Bethlehem und suchen den schiefen Stall, finden ihn im Schneetreiben mit Mutter und Kind, sehen den Ochsen, der die Krippe warm bläst und den Esel, der das Krippenstreu weich rupft. So stehen sie vor dem Kind „scheu und stummen Munds/Die Hirten Kind sind hier/Und beteten und wünschten Gerät und Pflug und Stier.“ Doch das Kind sieht sie nicht, es schreit und schläft ein. Als sie sich aufmachen wollen feldeinwärts zu ziehen, sagt der Mann (Josef), dass „diese Welt nun besser wird für Zimmermann und Knecht und Hirt, das wisse er genau.“ Doch die Hirten hören es ungläubig. „Viel Jammer trug die Welt/es schneite stark. Und ohne Stern/ging es durch Busch und Feld.“ Und dann die skeptische Schlussstrophe, in der die Hirten die Verheißung einer gerechten Welt mit einem Fragezeichen versehen:

 

Gras, Vogel, Lamm und Netz und Hecht

Gott gab es uns zu Lehn,

Die Erde aufgeteilt gerecht,

wir hätten‘s gern gesehn.

 

Gottes Option für die Armen wird durch den pastoralen Konjunktiv in Frage gestellt. Im Gegensatz zu der optimistisch hoffnungsfrohen Sicht Josefs nehmen die Hirten eine realistische Perspektive ein. Das Gedicht schwankt zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Für einen Augenblick liegt nach der Engelsverkündigung die Welt im messianischen Licht da mit dem „Fürchtet euch nicht“. Aber die Armut der Geburt im zugigen  Stall trägt hier nicht nur die Verheißung der Umkehrung, Sie weist auch auf  die Unaufbrechbarkeit der Leidenssituationen hin. Die Armen ahnen schon, dass es auch mit diesem Kind nicht grundstürzend besser wird in ihrer Welt. Man ist als Leser versucht, Huchels Hirten Recht zu geben. Und möchte doch von der Hoffnung, dass es besser wird, nicht lassen. Deswegen bewegt uns die Weihnachtsbotschaft ja immer wieder.

Die Christgeburt bei Bertolt Brecht

Auf vielen Bildern zur Geburt Christi in Bethlehem ist ein Stall zu sehen, der baufällig ist. Das Dach ist kaputt, es zieht an allen Ecken und Enden. Doch um Maria mit dem Kind in der Krippe leuchtet es warm und Engel umkreisen das Geschehen der Heiligen Nacht. Einerseits wird damit gezeigt, Gott wird in eine arme Welt hineingeboren, er „wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.“ (Nikolaus Herman, EG 27) Spirituell umschrieben findet ein Tausch statt. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein.“ Andererseits:  Es gibt mit dieser Geburt Hoffnung auch auf eine materiell bessere Welt.

Nirgends sind Armut und Kälte so sehr dominierendes Thema´wie in den Weihnachtsgedichten Bertolt Brechts. Das hat damit zu tun, dass Brecht die Kälte als soziale Signatur des Weltzustands sieht.

 

Auf die Erde voller kaltem Wind

Kamt ihr alle als ein nacktes Kind

Frierend lagt ihr alle ohne Hab

Als ein Weib euch eine Windel gab.

 

So beginnt das dreistrophige Gedicht mit dem sarkastischen Titel  Von der Freundlichkeit der Welt  aus Bertolt BrechtsHauspostille“. Dem im christlichen Kulturkreis Aufgewachsenen ist sofort klar, dass Brecht hier auf die Geburt Jesu anspielt, wie Lukas sie schildert. „Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Die Geburt in einer kalten Welt ist allgemeines Menschenschicksal, aber ohne den Glanz, der dann den erwarteten Erlöser umleuchtet, ohne Engelsgesang und lobende Hirten. 

Brecht schreibt gegen die Bibel an, schreibt sie um. Geburt ist Ausstoßung aus der Wärme des Mutterleibs in die Kälte der Welt. Von seinen drei Weihnachtsgedichten heißt das erste Maria:

 

Die Nacht ihrer ersten Geburt war

kalt gewesen. In spätern Jahren aber

Vergaß sie gänzlich

Den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen

Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu.

Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham nicht, allein zu sein

Die dem Armen eigen ist.

 

Was Lukas und Matthäus erzählen, ist in den Augen Brechts die Umdeutung einer ganz normalen ärmlichen Geburt. So wird aus dem Alleinsein das Fest mit allen, aus den Hirten werden Könige, der kalte Wind wird zum Engelsgesang. Das zugige Loch im Dach ist vor allem dazu da, den Stern hinein sehen zu lassen. Und dann die wunderbare Erklärung, wie es zu dieser Umdeutung kam.

Alles dies

kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war

Gesang liebte

Arme zu sich lud

Und die Gewohnheit hatte unter Königen zu leben

Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

 

Das „Gesicht ihres Sohnes“ meint nicht sein Antlitz, sondern das, was er sah. Jesus, der, von der Vision eines gütigen Gottes durchdrungen, alles umkehrt, die Armen seligpreist, sich und uns zu Königen erklärt und einen Stern sieht zur Nachtzeit. Rückwarts strahlt dieses Leben Jesu in die arme Geburtsszene und verwandelt sie zu dem Geschehen, das wir alle Jahre wieder feiern.

Die gute Nacht 

Brechts Weihnachtsgedichte, die die Armut der Christusgeburt zum Thema haben, sind bis heute sowohl in befreiungstheologischen wie in bürgerlichen Kreisen gut zitierbar. Eines heißt Die gute Nacht und handelt wieder von der Verwandlung des Schrecklichen und Wüsten in etwas Gutes.

 

Der Tag, vor dem der große Christ

Zur Welt geboren worden ist

War hart und wüst und ohne Vernunft.

Seine Eltern, ohne Unterkunft

Fürchteten sich vor seiner Geburt

Die gegen Abend erwartet wurd.

 

Hier wird die Weihnachtsgeschichte lapidar materialistisch nacherzählt. Zwar fällt die Geburt in die kalte Zeit, aber, das ist für Brecht wichtig, der Stall war warm und mit Moos zwischen seinen Latten.

So wurde es doch noch eine gute Nacht.

Auch war das Heu wärmer, als sie gedacht.

Ochs und Esel waren dabei,

Damit alles in der Ordnung sei.

 

Im Mythos darf nichts von dem fehlen, was dazugehört. Und dann erfindet Brecht einen Hausknecht, der heimlich einen Fisch bringt, „denn es mußte bei der Geburt des großen Christ alles heimlich gehen und mit List“. Wer denkt da nicht an das Fischsymbol, das die ersten Christen als Erkennungszeichen im römischen Reich benutzten. Der Fisch schmeckt ausgezeichnet, Maria lacht ihren Mann wegen seiner Besorgnis aus.

Denn am Abend legte sich sogar der Wind

und wart nicht mehr so kalt, wie die Winde sonst sind.

Aber bei Nacht war er fast wie Föhn

und der Stall war warm und das Kind war sehr schön.

 

Drei Mal wird der wärmende Wind erwähnt, quasi eine natürliche Zentralheizung. Man denkt unfreiwillig an die zugesagte Heizkostenpauschale. Zum Schluss kommt sogar ein freundlich ironischer Heine-Ton hinein.

Und es fehlte schon fast gar nichts mehr,

Da kamen auch noch die Dreikönig daher!

Maria und Joséf waren zufrieden sehr.

Sie legten sich sehr zufrieden zum Ruhn,

Mehr konnte die Welt für den Christ nicht tun.

 

Das uns geläufige Weihnachtsbild ist komplett. Alle handelnden Personen sind versammelt plus Hausknecht und Fisch: Jetzt muss der Christus selber sehen, wie er zurecht kommt auf der Welt als Erlöser und Retter, der er werden soll.

Brechts Weihnachtslegende

Ein drittes Weihnachtsgedicht ist aus der Perspektive der armen Leute geschrieben, das ist keine Erfindung Brechts, das tun manche Weihnachtslieder, etwa die Gesänge der Bergbauern. Es heißt Weihnachtslegende und ist ein Bittlied, das bitter endet. Wieder ist es die Kälte, die die Armut so schrecklich macht. Die in der bitter kalten Stube sitzen, bitten erst den Herrn Jesus herein, dann den fallenden Schnee, dann das um das Haus tappende Tier und schließlich den Wind mit einer merkwürdig-verzweifelten Abwandlung des Tischgebets „Komm, Herr Jesus“:

 

Wir tun ins Feuer die Röck hinein

Dann wird’s uns allen wärmer sein

Dann glüht uns das Gebälk schier

Erst in der Früh erfrieren wir.

Lieber Wind, sei unser Gast

Weil du auch keine Heimat hast.

 

Es ist die Hoffnung, durch Akzeptierung des Unheils es doch noch wenden zu können. Alles das, was sonst in Weihnachtslegenden erzählt wird, etwa in  Selma Lagerlöfs Die heilige Nacht , wo  die Natur mit dem Wärme suchenden Josef ist, die Tiere sich nicht regen, der Stock nicht schlägt, das Feuer nicht in der Hand  brennt, das erfüllt sich nicht. Die Armen verfeuern ihre Kleidung und werden doch erfrieren. Der erhoffte Umschlag der Dinge findet nicht statt.

Damit wären wir wieder bei dem Kriegsgeschehen in der Ukraine, wo die Raketen weiter auf Kiew zufliegen, Elektrizitätswerke zerstört werden, Menschen sterben und vorerst Weihnachten als Fest des Friedens eine - Legende ist.

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Foto: privat

Hans-Jürgen Benedict

Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich  der Literaturtheologie.


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