Neue Perspektiven

Der Reichstag zu Worms

Kaum eine Szene hat sich so ins kulturelle Gedächtnis gebrannt wie diese: Ein Mönch steht aufrecht vor dem Kaiser und weigert sich, das zu tun, was von ihm verlangt wird; er pocht auf sein Gewissen, widersteht trotzig den versammelten Großen des Reichs und sagt (angeblich) eine der berühmtesten Satzfolgen der Weltgeschichte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen!“ Dieses Bild vom unerschrockenen Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms steht dafür, dass Gewissensfreiheit ein hohes, vielleicht sogar das höchste Gut ist, und es steht ebenso dafür, dass es im Ringen um die Wahrheit keine faulen Kompromisse geben darf. Dieses Ereignis hat sich 2021 zum 500. Mal gejährt. Grund genug, seiner zu gedenken und vor allem danach zu fragen, wie sich Fakten und sich verselbstständigende Erzählungen zueinander verhalten.

Genau dies tut der vorliegende Band in eindrücklicher Weise, indem er einen deutlichen Akzent auf die Rezeption legt. In einem ersten Teil werden Historie und Theologie in drei Beiträgen so aufgeblättert, dass die Bedeutung des Auftrittes Luthers vor dem Reichstag herausgestrichen wird, ohne in die Fallen der alten Meistererzählungen oder die der Glorifizierung des 19. Jahrhunderts zu tappen. Der zweite Teil widmet sich mit doppelt so vielen Beiträgen der Rezeption über die Jahrhunderte hinweg.

Der Frankfurter Theologieprofessor Markus Wriedt zeichnet Luthers Auftritt in Worms in die Geschichte der Reformbewegungen des 16. Jahrhunderts ein und verdeutlicht, dass Luthers akademisches Interesse, in Worms einen Streit um die Schriftauslegung zu führen, in der Rezeption vernachlässigt wurde. Albrecht Beutel nimmt eine Spur, die Wriedt gelegt hat, auf und erläutert den Gewissensbegriff jenseits neuzeitlicher Verschiebungen im Kontext Luthers eigener Aussagen und seines Freiheitsverständnisses. Minutiös untersucht Armin Kohnle, wie man nach Luthers Widerrufsweigerung versucht hat, einen endgültigen Bruch zu verhindern. Den zweiten Teil des Bandes leitet Hellmut Zschoch mit einem Beitrag zur Aufnahme des Ereignisses in der zeitgenössischen Publizistik ein und konstatiert: „[D]er Bedeutungsgehalt von ‚Luther in Worms‘ als einer emblematischen Reformationsszene [wurde] schon in den Publikationen festgezurrt, die 1521 unmittelbar an das Ereignis selbst anschlossen“.

Der ikonografischen Rezeption widmet sich Albrecht Geck, und es ist erfreulich, dass er dabei auch filmische Umsetzungen nicht auslässt und zum Schluss danach fragt, für welche Herausforderungen heute, 500 Jahre später, das Ereignis von 1521 in Anschlag gebracht werden könnte und wie man sich daraufhin gegenwärtig und zukünftig der Person Luthers sowie einem Ereignis wie dem Wormser Reichstag künstlerisch nähern kann. Auf das 19. Jahrhundert und verschiedene Lutherspiele dieser Zeit richtet sich der Blick von Gabriele Stöber, während Wolf-Friedrich Schäufele der Frage nachgeht, wie sich Luthers Freiheitsbegriff durch die Rezeption im Protestantismus der Neuzeit gewandelt hat und was eine Kirche, die sich dezidiert als „Kirche der Freiheit“ versteht, bieten muss.

Dass es auch einen Beitrag zum Thema „Luther und die Juden“ gibt, ist in diesem Band weit mehr als ein Feigenblatt von political correctness: Die Tatsache, dass Luther in Worms von zwei Juden aufgesucht worden sein soll, die mit ihm über die Auslegung des Alten Testaments diskutieren wollten, ist ein guter Anlass, dieses Thema anzugehen – aber interessanterweise und ausgesprochen bereichernd einmal von der anderen Seite aus, nämlich unter der Fragestellung: Wie haben Juden im Lauf der Jahrhunderte Luther gesehen? Werner Zager schließlich untersucht, wie in den vergangenen Jahrhunderten Jubiläen des Wormser Reichstags gefeiert wurden. Auch dies ist eine außerordentliche Bereicherung, hat sich die bisherige Forschung zu Reformationsjubiläen doch weitgehend an Feiern zum 31. Oktober orientiert. Abgerundet wird der Band schließlich durch ein Personenregister.

Alles in allem ist der Band schon deswegen empfehlenswert, weil er durchaus neue Perspektiven auf ein scheinbar schon gut erforschtes Thema bietet. Durch den Fokus auf die Rezeption verdeutlicht er, wie und warum bestimmte Luthermythen sich im Laufe der Zeit verselbstständigt haben und was das weniger über Luther und den Wormser Reichstag selbst als über Mensch und Gesellschaft der Zeit aussagt, in der solche Rezeption stattgefunden hat. Ein gut lesbares Buch, das in ein zweifellos bedeutendes Ereignis nicht nur der Kirchengeschichte wertvolle Einblicke liefert und Lust macht, sich mit sehr grundständigen Fragen wie denen nach Gewissen und Freiheit neu zu beschäftigen.

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