Eine blühende, gefährdete Gemeinschaft

Zur gegenwärtigen Lage der Christenheit in China
Ein Gläubiger in der Chong Wen Men Kirche in Peking. Foto: epd?/?Katharina Hesse
Ein Gläubiger in der Chong Wen Men Kirche in Peking. Foto: epd?/?Katharina Hesse
Das Christentum wird von der Mehrheit der Bevölkerung Chinas als Pforte empfunden, durch die westliche Weltanschauung und Lebensweise im Land an Einfluss gewinnen. Zugleich zielt die Politik von Staatspräsident Xi Jinping darauf, das chinesische Volk auf einen parareligiösen Glauben an sich und die allmächtige Partei hin zu prägen. Das erschwert die Lage der Christen im Reich der Mitte, analysiert Isabel Friemann von der „China InfoStelle“ des Zentrums für Mission und Ökumene der Nordkirche.

In der Presse mehren sich Berichte über Schließungen von Kirchen in China, Repressalien gegen Christen werden geschildert, in Fernsehbeiträgen sind gar brennende Gotteshäuser zu sehen. Wer heute die Stadt Shanghai besucht, wird sich dagegen über die 170 offiziellen protestantischen Kirchen wundern, in denen ausländische Besucher warm als Gäste empfangen werden. Und Shanghai ist keine Ausnahme - in allen größeren Städten des Landes gibt es katholische und evangelische Kirchen, die offen zugängliche Gottesdienste und Veranstaltungen abhalten. Wie lässt sich die Situation des Christentums ins China annähernd realistisch beschreiben?

China ist ein sozialistisches Land. Parteimitgliedern ist die Mitgliedschaft in einer religiösen Vereinigung untersagt. Die Verfassung garantiert jedem Bürger Glaubensfreiheit, überwacht durch eine zentrale Religionsbehörde. Fünf Religionen sind offiziell zugelassen, jeweils vertreten durch eine Dachorganisation auf nationaler Ebene, für die Protestanten ist es der so genannte Christenrat. Die zugelassenen fünf Religionen sind Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus.

Die überwiegende Mehrheit der chinesischen Bevölkerung gehört keinem Glauben an, jedenfalls nicht in der Art, dass es eine Rolle für den Alltag spielen würde. KP-Generalsekretär und Staatspräsident Xi Jinping hat jedoch seit seinem Machtantritt in den Jahren 2012 und 2013 Religion als Triebfeder für ethisches Handeln von Individuen und als wichtiges Element im Ausbau diplomatischer Beziehungen mit dem Ausland erkannt, auch um China als modernen und aufgeklärten Staat darstellen zu können.

Xis Politik zielt darauf, erstens: das chinesische Volk auf einen parareligiösen Glauben an sich und die Partei hin zu prägen, zweitens: religiöse Aktivitäten zu dulden, sofern sie unter Kontrolle und Hoheit der Parteilinie stattfinden, und drittens: religiöse Bedürfnisse über ein Angebot von traditioneller Folklore und Brauchtum zu decken, was zugleich eine stärkere Identifizierung mit der eigenen chinesischen Kultur leisten soll. Traditionelle Feiertage, die als Relikte der rückständigen Vergangenheit jahrzehntelang abgeschafft waren, sind wieder in den Kalender aufgenommen worden. Seit 2008 haben Arbeitnehmer drei Tage im Herbst frei, um das Mondfest zu feiern, das Drachenbootfest hat erneut Konjunktur.

Und auch das Christentum blüht: Der christliche Glaube erfährt seit Ende der Kulturrevolution in China konstanten Zuwachs, zum Unbehagen der Behörden. Der Zeitraum von vierzig Jahren seit der Wiedereröffnung der Kirchen wird dennoch gefeiert und in Broschüren und Überblicksfilmen lokal dokumentiert. Die offizielle Zahl protestantischer Christen beläuft sich auf 38 Millionen. Inoffizielle Schätzungen kommen auf weit höhere Zahlen, die sich allerdings nicht belegen lassen, vor allem inklusive der Mitglieder nicht-registrierter Gemeinden, weil es naturgemäß kein Datenmaterial gibt.

Die Vorgängerregierung unter Hu Jintao gab unter der Devise „harmonische Gesellschaft“ den Religionen größeren Handlungsspielraum, lud sie ein, im karitativen Bereich bei der Lösung sozialer Probleme zu helfen. Insbesondere Altersheime, Behindertenhilfen und Projekte zur Armutslinderung auf dem Land waren und sind weiterhin willkommen. Gleichzeitig testeten die Kirchen seit der Jahrtausendwende aus, wie weit sie diesen Spielraum nutzen können - dies geschah vor allem in unabhängig organisierten Gruppierungen, die gemeinhin bei uns als Hauskirchen bezeichnet werden. Es entstanden nicht-registrierte Heime, Schulen und theologische Ausbildungsstätten; unabhängige Kirchen mit hunderten und tausenden Mitgliedern, die eigene Publikationen herausbrachten und sich über Internetplattformen austauschten und organisierten.

Einladung zum Tee

Die Grauzone der offiziell nicht erlaubten, aber geduldeten Aktivitäten wurde größer. Viele Initiativen fanden unter Beobachtung der Religionsbehörden statt. Leitungsfiguren wurden immer wieder zum „Tee trinken“ eingeladen, was vor allem signalisieren sollte, dass sie unter Beobachtung stehen. Lokal kam es auch immer wieder zu vereinzelten Fällen von Verboten und Festnahmen. Eine Kampagne in der Provinz Zhejiang, einer Provinz, die eine außergewöhnlich hohe Dichte an Christen aufweist, darunter sehr viele wohlhabende und entsprechend selbstbewusste Vertreter des Glaubens, führte in den Jahren 2015 bis 2017 zu tausenden Abrissen von Kreuzen und Teilabrissen von kirchlichen Gebäuden.

Die Landschaft der nicht-registrierten Gemeinden ist sehr divers. Es herrscht ein großer Mangel an ausgebildeten Pastoren und Pastorinnen. Mit der Zunahme an Gläubigen im ganzen Land konnte die Ausbildung und Ordination von Personal nicht Schritt halten. In den ersten Jahren und Jahrzehnten des Aufblühens (1980 bis 2000) - dem so genannten Christentumsfieber in China - begannen viele Predigerinnen und Prediger ihren Dienst nach einem Elementarstudium von zwei Jahren oder eigneten sich Basiskenntnisse im Selbststudium an. In den ländlichen Gegenden ist das bis heute der Fall.

Manche Hauskirchen entstanden bewusst aus Misstrauen gegen die Regierung und als Alternative gegen den politisch angepassten Christenrat. Gründer waren nicht selten Personen, die während der Kulturrevolution in Arbeitslagern waren. Andere entstanden in abgelegenen Regionen, wo es keine Kirchen gab oder der Weg zur nächsten Kirche zu beschwerlich wäre.

Seit ein paar Jahren kommen in den Städten immer mehr nicht registrierte Gemeinden von Arbeitsmigranten dazu, die in ihrer eigenen sozialen Gruppe bleiben wollen. Ähnlich verhält es sich mit Intellektuellen-Gemeinden oder Hauskreisen von Rückkehrern aus dem Ausland. Das Bedürfnis, sich mit Gleichgesinnten im Gebet und beim Bibellesen zu treffen und auszutauschen, ist groß. Das chinesische Christentum ist meist geprägt durch eine außerordentliche Glaubenstiefe. Die wöchentliche Teilnahme am Gottesdienst ist ebenso selbstverständlich wie das Bibelstudium und das Mandat zur Evangelisation unter Bekannten und Nachbarn. Viele chinesische Christen sind davon überzeugt, dass niemand zum Heil kommt außer durch den Glauben - im Umkehrschluss alle Ungläubigen der ewigen Verdammnis anheimfallen.

Auch unter den Theologen und Theologinnen, die an offiziellen kirchlichen Hochschulen ausgebildet wurden, gibt es unabhängige Bewegungen. Allein die Gruppe derjenigen, die zu weiterführenden Studien in die USA gingen, bildet dort ein Netzwerk von 200 ehemaligen Absolventen des nationalen theologischen Seminars in Nanjing. In Barcelona, Paris und London gibt es chinesische theologische Seminare, die Nachwuchs für die unabhängigen Kirchen ausbilden. Für viele Neubekehrte ist es zunächst Zufall, auf welchem Weg sie zum Glauben finden. In der Regel sind es persönliches Zeugnis und zwischenmenschliche Begegnung, die ausschlaggebend sind für das Initital-Interesse.

Aus Sicht der jetzigen chinesischen Regierung hat die liberale Religionspolitik ihrer Vorgänger zu Problemen geführt, die nun korrigiert werden müssen. Am 1. Februar 2018 traten neue Vorschriften zur Regelung religiöser Angelegenheiten in Kraft, die sehr detailliert festlegen, was in der religiösen Praxis legal ist und was als illegal bekämpft werden soll. Der bisherige Graubereich trennt sich seither klar in schwarz und weiß. Für das Christentum heißt das, alle nicht-registrierten Kirchen müssen sich registrieren lassen.

Alle Finanzen müssen transparent gehandhabt werden - ein Schutz vor Korruption und Amtsmissbrauch, argumentiert der Gesetzgeber. Spenden und Geldzuwendungen aus dem Ausland sind im Allgemeinen nicht mehr gestattet. Die Unterweisung von Kindern und Jugendlichen untersteht der Hoheit des Staates, religiöse Schulungen dürfen nur für Erwachsene angeboten werden.

Kurz nach dem Inkrafttreten der neuen Vorschriften wurde die Religionsbehörde, die bis dahin eine selbständige Behörde war, in die Einheitsfrontabteilung der allein regierenden KP Chinas eingegliedert und damit stärker der Parteilinie verpflichtet. Im Frühjahr 2018 wurde der Online-Handel mit Bibeln verboten. Sie sind seither nur noch in kirchlichen Verkaufsstellen erhältlich.

Dazu muss man wissen: Das Christentum wird von der Mehrheit der Bevölkerung Chinas nach wie vor als unchinesisch empfunden und als Pforte, durch die westliche Weltanschauung und Lebensweise im Land an Einfluss gewinnt. In dieser Hinsicht gibt es gewisse Parallelen zu unserer Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Präsident Xi Jinping verlangt die „Sinisierung“ aller Religionen im Land; sie sollen ihre chinesischen Merkmale hervorkehren und kultivieren, alles Nicht-Chinesische ablegen. De facto handelt es sich bei der Verordnung vor allem um eine Identifizierung mit der Partei und nationalen Zielsetzungen, dem Aufstellen der Fahne in allen religiösen Stätten, der Übernahme „sozialistischer Tugenden“. Manche übersetzen den Begriff auch ironisch als „Parteiisierung“.

Bei Tagungen und Konferenzen der christlichen Dachverbände und theologischen Fakultäten wird Sinisierung jedoch auch als Notwendigkeit diskutiert, endlich den Beigeschmack des Fremden abzulegen und in der Gesellschaft als chinesische Religion anzukommen. Dazu gehöre stärkeres soziales Engagement, der Erwerb einer allgemein verständlichen Sprache und zum Beispiel bei Predigten Referenztexte aus dem eigenen klassischen Kulturkreis zur Verdeutlichung der Botschaft heranzuziehen. Ein Beispiel: Der „Drache“, der in der chinesischen Tradition als glücksverheißend betrachtet wird, müsse im biblischen Kontext interpretiert werden und dürfe nicht wörtlich als Symbol für den Teufel verstanden werden. Großes Potenzial wird in der Kirchenmusik bei der Komposition eigener Lieder und der Verwendung traditioneller Musikinstrumente gesehen. Auch in Architektur und Kunst könne das Christentum stärker den eigenen kulturellen Hintergrund zum Ausdruck bringen.

Zugleich kommt es weiterhin zu Übergriffen: Aus der Provinz Henan kommen seit Frühjahr 2018 vermehrt Berichte von Attacken auf nicht-registrierte und registrierte Kirchen, Abrisse von Kreuzen und als westlich deklarierte Ornamente wie Skulpturen und Schriftzüge. Mancherorts wurden Kirchen abgerissen, Kinder gewaltsam aus Gottesdiensten und Messen entfernt oder an der Teilnahme gehindert. Das Vorgehen scheint nicht so umfassend und systematisch zu sein wie vormals in der Provinz Zhejiang, allerdings gibt es vereinzelt ähnliche Berichte auch aus anderen Provinzen wie zum Beispiel Shandong, Hebei oder Jiangxi.

Im April 2018 verweigerte die Zion-Kirche in Beijing, mit 1.500 Gläubigen und sechs assoziierten Versammlungsorten eine der großen Hauskirchen, nicht nur die offizielle Registrierung, sondern auch die Installation von Überwachungskameras. Daraufhin wurden ihr Strom und Wasser abgestellt; am 9. September beendeten Sicherheitskräfte den letzten Gottesdienst dort.

Ambivalente Haltung

Ähnliche Maßnahmen gab es gegen Mitglieder der Shouwang Kirche im Universitätsviertel Beijings. Über die Gemeinde wird seit 2011 immer wieder berichtet, als ihr die Nutzung selbst erworbener Räume verwehrt wurde und sie sich daraufhin monatelang in Parks zu Gottesdiensten versammelte, was regelmäßig zu Verhaftungen und Aufnahme von Personalien führte. Am 15. Dezember wurde die größte traditionsreiche Hauskirche in Südchina geschlossen, Material konfisziert, Mitglieder wurden Befragungen unterzogen. Es handelt sich um die Rongguili Kirche in Guangzhou.

Dennoch bleiben die Zahlen beeindruckend: Im November 2018 fand in Beijing die 10. Nationalversammlung chinesischer Protestanten statt, bei der eine neue Leitung ins Amt gesetzt wurde. Unter dem Titel „Zahlen bezeugen die Gnade der Fülle“ wurde die Gesamtanzahl von 60.000 offiziellen Kirchen in China bekannt, die von 14.000 ausgebildeten Pastorinnen und Pastoren sowie 22.000 Predigerinnen und Prediger betreut würden. Die Anzahl theologischer Seminare, die ein Grundstudium von vier Jahren mit Abschluss Bachelor anbieten, stieg auf 22.

Das Christentum ist in China, so ist zusammenzufassen, zu einem Element des öffentlichen Lebens geworden, das nicht mehr wegzudenken ist. Es ist erlaubt und wird unter bestimmten Auflagen von Regierung und Verfassung geschützt. Doch die politische Haltung der Regierung ist ambivalent. Einerseits möchte China als aufgeklärter moderner Staat Religionsfreiheit demonstrieren, andererseits die ideologische Kontrolle behalten. Deshalb sei die Prognose gewagt: Durch die große absolute Zahl an Gläubigen, ihr starkes Sendungsbewusstsein und die internationale chinesische Community wird der Einfluss des chinesischen Christentums auf die Entwicklung der Christenheit weltweit in der Zukunft zunehmen.

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Isabel Friemann

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