Empathie und Konfrontation

Vor fünfzig Jahren wurde der Bürgerrechtler Martin Luther King jr. ermordet
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Der Baptistenpfarrer und US-Bürgerrechtler Martin Luther King jr. gehört zu den beeindruckendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Anlässlich seines gewaltsamen Todes vor einem halben Jahrhundert erinnert Peter Jörgensen an Kings Leben, Werk und Nachwirken. Jörgensen ist Berliner Baptistenpfarrer und seit 2007 Beauftragter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) am Sitz der Bundesregierung.

Als Martin Luther King jr. 1963 seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt, war er 34 Jahre alt – und ein Traum war für ihn bereits in Erfüllung gegangen. Schon als Kind hatte er davon geträumt, ein großer Redner zu werden. Sein sehnlicher Wunsch war, so sprechen zu können, solch ein wortgewaltiger Prediger zu werden, wie jene, zu deren Füßen er von Kindheit an saß. Die Spiritual- und Gospel-Musik und das geistliche Futter seiner baptistischen Umwelt machten seine Seele stark. So wurde er zu einem begabten Sänger und begnadeten Prediger, tief hineingewoben in die afroamerikanische Geschichte. Er war Teil des afroamerikanischen Souls.

Sein Großvater mütterlicherseits war ein afroamerikanischer Baptistenprediger. Kings Vater, der sich nach einem Besuch in Deutschland den Vornamen Martin Luther gab, war ein Baptistenpastor. Und der kleine Martin Luther King träumte schon früh, „such a Baptist preacher“ zu werden. Die schwarze Frömmigkeit war nicht nur sein Zuhause, sie war der wesentliche Teil seiner Identität. Doch wie unterscheidet sich afroamerikanische Spiritualität von weißer Theologie und Frömmigkeit? Sie ist zunächst eine fremde Welt. Die Geschichte der Schwarzen Nordamerikas ist auch eine Geschichte weißer Schuld. Erich Geldbach, baptistischer Theologe und emeritierter Professor für Ökumene und Konfessionskunde an der Universität Bochum, weist auf die Arroganz, den Überlegenheitsdünkel und den Rassenwahn und -hass der Weißen, auf deren Lebensgenuss auf Kosten der Schwarzen hin. Die afroamerikanischen Sklaven hatten darum als erstes und am drängendsten die Grundfrage zu klären, ob Gott ein weißer Rassist ist. Die schwarze Rede von Gott war aus der Existenz und in der geistlichen Klärung der Sklaverei zu entwickeln. Ein Wunder, dass diese Geschundenen sich überhaupt öffneten für die Religion ihrer Peiniger und Unterdrücker. Sie mussten das Christentum verändern, um es annehmen zu können. Afroamerikanisches Christentum, hier der afroamerikanischer Baptismus, ist darum ein „getaufter“ angloamerikanischer Baptismus. Der Rassismus musste hinab ins Wassergrab. Nur das von ihm bereinigte Christentum konnte die versklavten Menschen gewinnen.

Um die Sprachwelt Kings zu verstehen, ist dieser existenzielle Bezugsrahmen, die Sklaverei, maßgeblich. Die theologische Mitte afroamerikanischer Spiritualität wurzelt hier: Gott wird als Retter und Befreier erkannt. Zielpunkt ihrer Hoffnungen ist darum die Befreiung und Errettung aus persönlicher Not und Schuld, weit mehr noch aber aus der konkreten Situation von Unterdrückung und Versklavung. In den Geschichten des Volkes Israel, das Gott aus der Sklaverei heraus führte in das gelobte Land, fand sich das verschleppte afrikanische Volk wieder. „I‘ve been to the mountaintop.“ King hat es gesehen, das gelobte Land der Freiheit.

Jesus, der im Stall zur Welt kam, um die Welt zu retten, der in Liebe lebte und Gewalt ablehnte, in selbstloser Hinwendung zu den Menschen sein Leben gab, Versöhnung stiftete, gewann ihre Herzen. Er befreit die Seelen. Freiheit meint insofern die persönliche Erlösung, sie ist aber zugleich die lebendige geschichtliche Hoffnung auf die Befreiung von aller Ungerechtigkeit. Afroamerikanische Theologie wurzelt darum nicht allein in der Erkenntnis der Rechtfertigung, sie bezieht sich auf und erwartet die Errettung. Sie ist eine Befreiungstheologie.

Martin Luther King jr. ist darum als afroamerikanischer Befreiungstheologe zu verstehen. Der Segregation geschuldet, gediehen mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts selbstständige afroamerikanische Kirchen, in ihnen erwuchs eine profiliert eigenständige Frömmigkeit und Theologie. Da der Bildungsgrad erzwungenermaßen gering war, die Sklavenhalter verboten Lesen und Schreiben, blühte die Erzählkunst, wirkten die mächtigen bildhaften Geschichten aus der Bibel. Der barmherzige Samariter kam so zur Tür herein. Moses saß in schwarzen Gemeinden mit am Tisch, der Herr war mit ihnen wie mit Josua, und sie vertrauten sich Jesus an „Oh, when the saints go marching in“, mit der Bitte mit einziehen zu dürfen in das gelobte Land, das Himmelreich.

In Kings Reden begegnen wir dieser reichen und lebendigen Bildwelt, hier waren seine Gedanken zu Hause. In den Baptistenkirchen kam eine Besonderheit hinzu. Das Wasserritual, die Ganzkörpertaufe mit Untertauchen, bot anschaulich und als ganzheitliche Erfahrung Anknüpfungspunkte an die biblischen Erzählungen. Baby Moses überlebte im Weidenkörbchen und führte später das Volk Gottes aus der Sklaverei durch das rettende Schilfmeer; das gelobte Land lag jenseits des Jordans, und hier wurde auch Jesus getauft: „Down by the Riverside“. Die schwarze Befreiungstheologie ist auch eine Theologie der versöhnten Gemeinschaft. Der Gottesdienst ist darum in erster Linie die geistliche Feier als Geschwisterschaft, das gemeinsame Singen, die lebendige Interaktion bei der Predigt, das miteinander Tanzen und Rufen. Kings Predigten und Reden waren immer so, Interaktion. Die afroamerikanischen Christen klagten und sangen den Blues, sie lobten mit ihren Gospels und Spirituals – hier wurzelt der Soul. Die Gospelsängerin Mahalia Jackson konnte darum bei Martin Luther King jr. im entscheidenden Moment etwas wachrufen, was tief schlummerte, als sie ihm in einer Redepause in Washington zurief „Tell’em about the dream, Martin!“ King ließ sich fallen und vertraute sich dem Augenblick an. Das freie Sprechen, im Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes, war von Kindheit an die Erwartung an alles Predigen. In der Begegnung mit der Gemeinde, im lebendigen Wechsel mit den Impulsen aus der Gemeinde vollzog sich so die geistliche Rede. Als King auf die Sängerin hörte, löste er sich vom Manuskript. „He is off now“, sagte seine Assistentin zu ihrem Kollegen.

King hatte als junger Mann im Social Gospel seine geistlich-theologische Heimat gefunden. Während seines Studiums am Crozer Theological Seminary in Chester kam er 1948 neunzehnjährig mit den Schriften des deutschstämmigen, weißen baptistischen Theologen Walter Rauschenbusch in Berührung. „Seit ich Rauschenbusch gelesen habe, bin ich überzeugt, dass jede Religion, die angeblich um die Seelen der Menschen besorgt ist, sich aber nicht um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse kümmert, die der Seele schaden, geistlich gesehen schon vom Tode gezeichnet ist und nur auf den Tag des Begräbnisses wartet.“ Zuvor hatte er als Student im Morehouse College in seiner Heimatstadt Atlanta/Georgia einen maßgeblichen Impuls durch die Gedanken des frankoamerikanischen Philosophen und Dichters Henry David Thoreau bekommen. Von dessen Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ war er fasziniert. Bei Thoreau kam er zum ersten Mal mit einer Theorie vom gewaltlosen Widerstand in Berührung.

Und bei dem Inder Gandhi fand King die Methode für eine Sozialreform, nach der er so lange suchte, ein ausgereiftes Konzept des gewaltlosen Widerstands. Kings afroamerikanische Befreiungs- und Errettungsfrömmigkeit seiner Kindheit ergänzte er und wandelte sie zum Social Gospel, dem gewaltlosen Kampf gegen Rassismus, für Versöhnung und soziale Gerechtigkeit. Ihn kümmerte nicht nur die Situation in den USA. Er sprach von der gesamten Welt als einem gemeinsamen Haus der Völker. Die weltweite Armut, die Unterdrückten und Benachteiligten in aller Welt standen ihm vor Augen. Seine entschiedene Position gegen den Vietnamkrieg fand er nicht im Pazifismus allein, von dem er überzeugt war, sondern auch in der Solidarität mit den Menschen anderer Völker und Kontinente. Die enge Gemeinschaft der Versöhnten. „Das ist das große, neue Problem der Menschheit. Wir haben ein großes Haus geerbt... in dem wir zusammen leben müssen – Schwarze und Weiße, Morgenländer und Abendländer, Juden und Nichtjuden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus – eine Familie, die ...irgendwie lernen muss, in Frieden miteinander auszukommen.“ So umriss King die neuen Herausforderungen und warb für eine allumfassende, bedingungslose Liebe zu allen Menschen. Er war davon überzeugt, keiner Utopie nachzulaufen. Drängend mahnte er: „Wir stehen vor der Tatsache, dass morgen heute ist. Es gibt so etwas wie ein Zuspätkommen. Wir haben heute noch die Wahl: Gewaltlose Koexistenz oder gewaltsame Vernichtung aller. Dies kann die letzte Chance der Menschheit sein, zwischen dem Chaos und der Gemeinschaft zu wählen.“

Mord in Memphis

Vor nunmehr fünfzig Jahren, am 4. April 1968, wurde Martin Luther King jr. in Memphis/Tennessee erschossen. Und tatsächlich ließ dieser Mord auch die gesamte Bürgerrechtsbewegung in den USA fast ersterben. Zwar wurden einige Erfolge erzielt, überwunden wurde der Rassismus ebenso wenig wie die soziale Ungerechtigkeit. Und das gemeinsamen Haus der Völker, wie ist es darum bestellt? Was ist aus dem gewaltfreien Kampf von Martin Luther King jr. geworden? Wer nimmt heute seine Themen auf? Drei Beispiele: In der Bewegung Black Lives Matter finden sich aktuell die Menschen zusammen, die erneut gegen den Rassismus kämpfen. Sie beziehen sich auf Martin Luther King jr. und die Bürgerrechtsbewegung der Fünfziger- und Sechzigerjahre, sind in unterschiedlichen religiösen Traditionen verwurzelt und marschieren bewusst interreligiös. So nehmen sie die Impulse Kings auf und führen sie weiter. Der Footballstar Colin Kaepernick kniete jüngst als Geste gegen den aktuellen Rassismus zur Hymne nieder, die Gesellschaft steht jedoch zur Hymne auf, nicht aber im übertragenen Sinne – gegen den Rassismus.

Am ersten Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump fand der Women’s March on Washington statt. Auch hier gibt es den bewussten Bezug zu King und der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre. Wie beim berühmten Marsch auf Washington mit der „I have a dream“-Rede sollte entlang der damaligen Route marschiert werden und eine Versammlung am Lincoln Memorial stattfinden. Den Veranstalterinnen ging es um Respekt gegenüber Frauen, um Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit und allgemeine Menschenrechte. Dass den Frauenrechten eine Schlüsselrolle im Kampf für das Globalwohl zukommt, soweit war King damals nicht gekommen. Die Route wurde nicht genehmigt, der Marsch durfte aber am Kapitol beginnen und entlang der National Mall stattfinden. Inzwischen ist der Women’s March eine Bewegung geworden, die sich einerseits weltweit verbreitet – und doch recht zahm und zaghaft wirkt.

Papst Franziskus ist ein argentinischer weißer Theologe aus der Tradition der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Die Akzente, die er setzt, knüpfen hier an: Er gibt den Armen eine Stimme, benennt den Kapitalismus als unerträglich und das globale Wirtschaftssystem als tödlich. In seinen Reden und Schriften gegen Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung argumentiert er wie King: ökumenisch, interreligiös, global – als Mensch unter Menschen. Für diese Art von Nähe zwischen King und ihm gibt es einen Begriff: soul mate.

Drängend wie King argumentieren Papst Franziskus und andere, aktuell zum Beispiel der Club of Rome, für eine globale Bürgerrechtsbewegung. Ernst Ulrich von Weizsäcker, dessen Vater Carl Friedrich bereits für eine Weltinnenpolitik warb, veröffentlichte Anfang 2018 das Buch Wir sind dran. Er wirbt entschlossen für eine neue Aufklärung als eine globale Bewegung. Weizsäcker hält eine weltweite ethisch-geistige Neuorientierung für zwingend notwendig, damit dieser Planet auch weiterhin ein Haus für alle sein kann.

King sah die Krise und wollte das Böse überwinden, wollte konfrontieren, wollte den aktiven Widerstand – und wusste, dass dabei die entschlossene Entscheidung zur Gewaltfreiheit eines erstaunlichen Mutes bedarf. Gegen eine Politik der Gleichgültigkeit setzte er auf Empathie und Konfrontation – um zu versöhnen und zu befreien. Es geht um das Ganze, diese Welt als Gemeinschaft, die Niemanden zurücklässt, um das Globalwohl. „Free at last“!

Peter Jörgensen

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