Die Farbe Blau

Die Romantik und das Veilchen im Verborgenen
Foto: pixelio

Die Deutschen und die Romantik, das ist eine ganz spezielle Verbindung. Sie war heftig und kurz und hielt gerade mal sechzig Jahre bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Eine Verbindung, die ein wenig aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint, denn geblieben ist allenfalls das Adjektiv „romantisch“. Das ist für die meisten ein süßlicher Geigenschmelz, ein zartes Klaviergeklimper, gern verbunden mit dem Blick auf einen blutroten Sonnenauf- oder untergang am Meer und am Ende immer wieder das Dinner mit Rotwein und roten Rosen.

Rot? Die Farbe der Romantik ist blau. Die blaue Blume, die Rarität, die zum ersten Mal in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen auftaucht und die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren schlechthin verkörpert, über die Joseph von Eichendorff dichtete: „Ich suche die blaue Blume, ich suche und finde sie nie. Mir träumt, dass in der Blume mein gutes Glück mir blüh“, sie macht das Urwesen der Romantik aus, nämlich den Traum vom Unerreichbaren im Sinnbild der Rarität, einer blauen Blume, die sich damals allenfalls versteckt als kleines Veilchen im Verborgenen, als Enzian in der Bergwelt fand. Die blaue Stunde, jene Zeit, in der der Tag von der Nacht abgelöst wird, ist eine romantische, der Engel erscheint im blauen Licht, das blaue Meer und der blaue Himmel symbolisieren die Ferne.

Die Suche nach dem Glück, dem unbekannten Wunderbaren, das Fernweh und die Hingabe an die Natur sind die Gedanken der Frühromantik, bildlich meisterhaft umgesetzt von Caspar David Friedrich. Der Rügener Kreidefelsen und ein wenig Schauer auf Burgruinen und Klostermauern, Melancholie ist der Begleiter seiner Kunst. Wildromantisch und ursprünglich wie jahrhundertealte Märchen und Mythen, aufgeschrieben von den Gebrüdern Grimm und damit am Ursprung des Wortes: in lingua romana oder altfranzösisch: ramanz oder roman, was nichts anderes bedeutet als volkstümlich, in der Sprache des Volkes. Ist zu Beginn die Poesie ihre Sprache, hält nun die Prosa in Form des Romans Einzug, der von der Liebe erzählt. Wie in den Märchen geht es um die uneigennützige Liebe, die alle irdischen Hindernisse überwindet und wenn nicht im Hier und Jetzt, so im Jenseits Erfüllung findet und somit unerreichbar bleibt. Eine Liebe, im Grunde genommen nur möglich zwischen Eltern und Kindern, die Idee der Liebe über den Tod hinaus, wiederentdeckt bei Shakespeares Romeo und Julia oder mit Goethes jungem Werther idealisiert.

Mit dem Einzug des Realismus verliert der romantische Roman, fast immer ein Drama, an Bedeutung, während das romantische Gedicht und Lied fortlebt. Gefragt sind nun der Schauerroman und sein deutscher Meister E.T. A. Hoffmann mit dem gruseligen Sandmann. In Amerika mischt Edgar Allan Poe Schauer, Morbidität, ferne Liebe und Tod zu einer Kunstform, die dem Ursprung der Romantik, nämlich dem Volkstümlichen, ganz entgegensteht. Und plötzlich kennzeichnen Weltschmerz, Leid und Tod die Romantik, nun nicht mehr blau, sondern schwarz hält sie unter dem Begriff gothic novel in der englischsprachigen Literatur Einzug und liefert den Nährboden für das neue Genre Horror.

Und nun ist auch er tot, der Romantiker, eine verschrobene Figur. Den letzten Stoß verpasste ihm die Achtundsechziger-Generation, indem sie ihn der Lächerlichkeit preisgab. Sex and the City, nun wird handfest nach der irdischen Liebe gesucht, zwar träumt man noch vom Dinner im Kerzenschein, doch die Verführung findet im Fahrstuhl statt. Das radikale Ausleben der Liebe ist das Ende jeder Romantik. Und am Ende steht weniger das Glück, sondern das Erwachen mit einem Feeling Blue, einem Gefühl, altmodisch wie die Romantik und plötzlich wieder blau.

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre. 416 Seiten, Euro 10,95. Das 2007 erstmals erschienene Werk ist seit 2013 auch als Taschenbuch erhältlich.

Angelika Hornig

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