Tor zur Freiheit

Der 31. Oktober sollte gesetzlicher Feiertag werden
Auch die katholische Kirche sollte sich für den Reformationstag als gesetzlichen Feiertag einsetzen. Den sie hat von den Anstößen der Reformation profitiert.

Der Reformationstag könnte in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein bald gesetzlicher Feiertag werden. Er ist es schon in fünf ostdeutschen Bundesländern. Und in Berlin wird darüber diskutiert. Die Regierungen der norddeutschen Länder sind sich einig, obwohl sie von unterschiedlichen Parteien getragen werden. Erst recht sollte man erwarten, dass römisch-katholische Amtsträger den Vorstoß unterstützen. Schließlich ist es erst ein halbes Jahr her, dass der 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag im Geist der Ökumene begangen wurde.

Umso mehr erstaunt, dass der Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, den Reformationstag als gesetzlichen Feiertag ablehnt, weil der „auch die Spaltung der Christen markiert“. Dabei hat seine Kirche doch von den Anstößen der Reformation profitiert. Das tut auch der Erzbischof, wenn er eine Messe feiert. Er macht das in der Volkssprache, wie von Luther gefordert und 400 Jahre später vom Zweiten Vatikanum eingeführt. Und er steht hinter dem Altar, der Gemeinde zugewandt, wie von Luther gefordert und 400 Jahre später vom Zweiten Vatikanum eingeführt. Deutsche Katholiken singen im Gottesdienst auch Choräle aus der Reformationszeit oder späteren Epochen evangelischer Kirchenmusik.

Seltsam klingt auch Heßes Einwand, ein „zusätzlicher Feiertag“ müsse „in der Gesamtbevölkerung verankert“ sein. Schließlich zeigen Umfragen, dass eine große Mehrheit der Deutschen Martin Luther als eine wichtige Person der Geschichte bewertet. In Baden-Württemberg sind 35 Prozent der Bevölkerung evangelisch und 38 Prozent römisch-katholisch. Obwohl dort beide Konfessionen also fast gleich stark sind, gibt es keinen einzigen evangelischen Feiertag, aber drei katholisch geprägte Feiertage, Allerheiligen, Dreikönig und das Fronleichnamsfest, das lange eine antiprotestantische Note hatte. Aber glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen neben den römischen Kirchenfahnen die Bettlaken im Wind flatterten, die evangelische Hausfrauen an Fronleichnam gewaschen und demonstrativ aufgehängt hatten. In Hannover durften die Katholiken im vergangenen Jahr ihren Fronleichnamsgottesdienst in der evangelischen Marktkirche fortsetzen, nachdem auf die Prozession ein Wolkenbruch niedergegangen war.

In Schleswig-Holstein, das zum Erzbistum Hamburg gehört, sind 56 Prozent der Bevölkerung evangelisch-lutherisch und 6 Prozent römisch-katholisch. Angesichts dieser Zahlen sollte Erzbischof Heße seine Haltung überdenken und sich an den Protestanten Baden-Württembergs orientieren, die ihren römisch-katholischen Mitchristen weit entgegengekommen sind.

Aber der Reformationstag erinnert nicht nur an ein wichtiges Ereignis der Kirchengeschichte. Der Berliner Profanhistoriker Heinz Schilling stellt fest, dass die Reformation für das Christentum „eine bis heute schmerzende Spaltung“ mit sich gebracht hat. Aber sie habe auch einen „Schub kultureller und gesellschaftlicher Differenzierung“ bewirkt, „aus dem langfristig gesehen die pluralistische Zivilisation der Moderne hervorging“. Mit anderen Worten: Die Reformation hat das Tor zur Freiheit aufgestoßen. Dass es lange Zeit eher von Kirchenfernen durchschritten wurde, als von evangelischen Kirchenleuten, gehört zur Ironie oder Tragik der Geschichte.

Jürgen Wandel

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