Unerbittliche Bestrahlung

Kommt der neue Mobilfunkstandard trotz Krebswarnungen von Experten?

Neue Aufregung an der Mobilfunkfront! Bisher hatte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC bei der Weltgesundheitsorganisation die Strahlung in Gruppe 2B ihrer Skala eingestuft, nämlich als „möglicherweise krebserregend“. Jetzt aber mehren sich Expertenstimmen, die eine Höherstufung auf „wahrscheinlich krebserregend“ (2A) fordern. Kein Geringerer als Professor James Lin zählt dazu, bis 2016 Mitglied der Internationalen Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (ICNIRP), die Grenzwert-Richtlinien festlegt. Sein Votum gibt das Fazit einer Tagung wieder, auf das sich eine unabhängige Expertenkommission zur Überprüfung der im Frühjahr 2018 veröffentlichten NTP-Studie - der größten ihrer Art weltweit - geeinigt hatte.

Die Resultate jener regierungsamtlichen Studie werden von industrienaher Seite freilich gern heruntergespielt. So verkündet die ICNIRP, die Hinweise auf ein Krebsrisiko durch Mobilfunkstrahlung in der NTP-Studie seien „nicht überzeugend“ und sollten gar nicht zur Anpassung des neuen Mobilfunkstandards 5G herangezogen werden. Aber eine europäische Sichtung der so teuren Studie aus den USA durch eine unabhängige Arbeitsgruppe um den schwedischen Onkologen Lennart Hardell kam sogar zu dem Resultat: Gemäß der IARC-Präambel „sollte hochfrequente elektromagnetische Strahlung als ein Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft werden: Die Einwirkung ist für den Menschen karzinogen.“

Selbst in den USA votiert für diese höchste Warnstufe 1 eine US-amerikanische Zusammenschau verschiedener Studien unter dem Titel „Cancer epidemiology update“. Verharmlosungen der Funkstrahlung verlieren mithin an Boden. Doch man will ja demnächst rund um die Welt 5G installieren, um die Digitalisierung auf erhöhtem Niveau vorantreiben zu können. Dafür kam inzwischen von Android Authority, also nicht eben unabhängiger Seite, die beruhigende Auskunft, es gebe keinen Grund zur Annahme erhöhter Risiken durch 5G. Die Angst vor Krebsgefahr sei „wohl unbegründet“, hieß es demgemäß in einem deutschsprachigen Pressebeitrag. Das Wörtchen „wohl“ verriet hier allerdings viel - nämlich das Eingeständnis: Mit einer nicht gänzlich abzuleugnenden Wahrscheinlichkeit gibt es diese Krebsgefahr eben doch! Wer nur ein wenig recherchiert, weiß schließlich um die kritischen Expertenmeinungen in den usa und Europa.

Vor diesem Hintergrund ist es aber ungeheuerlich, dass sich in Deutschland die Regierung und besonders auch die Telekom eifrigst darum bemühen, diese umstrittene Strahlung möglichst flächendeckend präsent zu machen und die Bevölkerung fast überall mit ihr zu „versorgen“. Im Endeffekt sollen auch jene Menschen unerbittlich bestrahlt werden, die sich dagegen entschieden verwahren, weil sie das Risiko kennen oder gar als Elektrosensible schmerzlich darunter leiden.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund weiß: „Die Anzahl von Sende-Empfangseinheiten wird signifikant steigen (.). Es ist nicht zu vermuten, dass ein erneuter scheinbar unkontrollierbarer Wildwuchs der Standorte von Mobilfunkanlagen als alternativlose Voraussetzungen einer prosperierenden Gemeindeentwicklung von der Bevölkerung ohne weiteres akzeptiert würde.“ Deshalb will man „die Mobilfunkvereinbarung rechtssicher“ fortschreiben. Die Bevölkerung als ganze hat es dann hinzunehmen, wenn bald ein auf teils ungewohnt hohen Frequenzen intensiviert gepulster Funk von Straßenlaternen, Hausecken, Stromverteiler- und Kabel-Abzweigerkästen oder Telefonmasten aus gesendet wird.

Auch der Internationale 5G-Appell dürfte ignoriert werden: Er wurde der UNO, der WHO und der EU vorgelegt mit der Warnung, dass durch den 5G-Rollout ein planetarischer Notstand drohe. Hans-Ulrich Jakob, Präsident der Schweizer Organisation Gigaherz, erklärt in einer „Dringenden Warnung vor 5G“ auf der Basis von Unterlagen der Firmen Ericsson und Swisscom: „100mal mehr Daten in 100mal höherer Geschwindigkeit wird versprochen. Wir haben immer gerätselt, wie das wohl gehen soll. Jetzt wissen wir es. Anstatt einer Strahlenkeule pro Senderichtung sollen es jetzt 64 sein. Je acht nebeneinander und je acht übereinander.“ Hinzu kommen zusätzlich „Rundstrahler mit insgesamt 250 Strahlenkeulen.“

Erstaunlich, wie wenig diese sich im Vorfeld der 5G-Frequenzenversteigerung zuspitzende Problematik offenbar Kirchenleitungen interessiert! Zwar weiß der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: „Fortschrittseuphorie nennt in aller Regel nicht den Preis, den andere zu zahlen haben.“ Aber wo bleibt der kirchliche Protest gegen die ökologischen und mitmenschlichen Zumutungen der immer technokratischer werdenden Digitalisierung und des geplanten 5G-Rollouts?

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Dr. Werner Thiede ist außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Von ihm ist zum Thema im Pad-Verlag eine aktuelle Broschüre erschienen.

Werner Thiede

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