Interdisziplinär

Sammelband zur Inklusion
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Der vorliegende Band ist ein gelungenes Beispiel für die aktuelle Fortführung der theologischen Diskussion über Inklusion.

Die theoretischen Denkwege des Bandes, der 16 Aufsätze umfasst, kreisen um die Begriffe Anerkennung, Heterogenität und Verletzlichkeit. Die Ethikprofessorin Sigrid Graumann plädiert für eine multiperspektivische Bearbeitung des Inklusionsthemas, die im Begriff der Anerkennung verbunden sind. Bernhard Grümme, Religionspädagoge in Bochum, skizziert das Konzept einer aufgeklärten Heterogenität, das Dialogprozesse auf der Grundlage der Vorgängigkeit des Anderen ermöglicht. Das Thema Verletzlichkeit zieht sich als roter Faden durch verschiedene Beiträge. Es wird von der Systematikerin Heike Springhart theoretisch eingeführt. Andrea Bieler, Theologieprofessorin in Basel, bezieht den Begriff der Verletzlichkeit „auf den Umgang mit Ambivalenz und dem Potenzial, das in der Begegnung mit Begrenzungen für alle Menschen liegt“.

Der hermeneutische Umgang mit Ambivalenz bildet die Hintergrundfolie für vier biblisch-theologische Beiträge. An ihnen zeigt sich erneut, dass in den zurückliegenden Jahren an die Stelle generalistischer Einschätzungen die differenzierte und nuancierte Analyse konkreter Textgruppen getreten ist. Michaela Geiger stellt die Erzählfigur Mefiboschets, des gelähmten Enkel Sauls, in den Mittelpunkt. Angesichts der Spannung zwischen seiner Behinderung und seiner königlichen Herkunft sieht sie die Leserinnen und Leser zur Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen und einer Sensibilität für Gerechtigkeit provoziert. Claudia Janssen, Professorin für Feministische Theologie, thematisiert die Ambivalenz der Heilungen im Matthäusevangelium, in denen abweichende Körper qua Wunderheilung „normalisiert“ werden. Die Auslegung dieser Heilungserzählungen kann für sie nur im Kontext einer partizipatorischen Christologie und Care-Praxis erfolgen.

Mehrere Beiträge loten die Ressourcen eines weiten, auf Differenz und Vielfalt fokussierten Inklusionsbegriffs aus. So bezieht der Praktische Theologe Matthias Stracke-Bartholmai die Perspektive der Queer-Theologie ein und erschließt die Kategorie der Unterbrechung als Ressource für eine inklusive Liturgie. Markus Schäfer, Landeskirchenrat aus Düsseldorf, fragt vor dem Hintergrund von Flucht und Migration nach den Möglichkeiten einer interkulturellen Öffnung von Kirchengemeinden. In der interkulturellen Perspektive ergeben sich, wie Matthias Börner zeigt, überraschende Wahrnehmungsunterschiede zwischen kollektivistisch und individualrechtlich geprägten Kulturen.

Die Praxisperspektiven des Bandes, der aus einer Studienwoche an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel entstanden ist, beziehen sich auf didaktische, liturgische, diakonische und ästhetische Aspekte. Bernhard Grümme entwickelt Bausteine für eine heterogenitätsfähige Religionsdidaktik. Anforderungen an eine inklusive gottesdienstliche Feier erläutert Frank Peters, Landespfarrer für Gottesdienstarbeit in Wuppertal. Andrea Bieler erschließt am Beispiel zweier Tanzprojekte das sinnerschließende, kreative Potenzial des gemeinsamen Erlebens von Verletzlichkeit. Beate Hofmann schließlich reflektiert die Konsequenzen des Inklusionsparadigmas für die professionelle diakonische Praxis.

Der vorliegende Band ist ein gelungenes Beispiel für die aktuelle Fortführung der theologischen Diskussion über Inklusion. Er erschließt die Ressourcen eines weiten, interdisziplinären und interkulturellen Inklusionsbegriffs, vertieft die hermeneutische Diskussion und bietet weiterführende Praxisanregungen. Er wird seinem Anspruch, unabgeschlossene Denkwege weiterzuverfolgen, gerecht und ist zugleich eine Motivation, sich selbst auf den Weg zu machen.

Ulf Liedke

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