Schwindende Teilnahme

EKD-Studie: Religiosität spielt im Alltag von Jugendlichen nur noch eine untergeordnete Rolle
Diskussion über den Glauben. Foto: epd/ Norbert Neetz
Diskussion über den Glauben. Foto: epd/ Norbert Neetz
"Ermutigung und Zugehörigkeit - der Glaube junger Menschen" hieß das Schwerpunktthema, über das 120 EKD-Synodale in Würzburg diskutierten.

Es ist ein großes und gleichzeitig kompliziertes Thema, das sich die EKD-Synodalen für ihre Tagung vorgenommen haben: Sie wollen in Würzburg über den Glauben junger Menschen sprechen. Damit können sie es keinem so richtig recht machen. Die einen empören sich, es werde über sie geredet, so, als gehörten sie nicht zur Kirche. Andere kritisieren, dieses Thema werde schon seit Jahrzehnten diskutiert, bringe nichts Neues hervor und eigne sich letztlich für die Kirchengemeinden.

Da tut wissenschaftliche Expertise Not. Sie liefert eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. 1.000 Menschen haben Institutsleiter Gerhard Wegner und sein Team online für die eigens für die Synodaltagung erarbeitete Studie befragt.

Das Ergebnis ist niederschmetternd: Zwar gehören derzeit noch 61 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 26 Jahren einer der großen Kirchen an, doch nur noch 19 Prozent von ihnen bezeichnen sich als religiös. „Diese jungen Menschen führen ein eigenständiges, glückliches Leben, ohne uns als Kirche“, sagte Gerhard Wegner vor der Synode. Der Bezug zur Kirche nehme dramatisch ab. Die Frage, was das eigene Leben bestimmt, beantwortet die Mehrheit der jungen Menschen zwischen 18 und 26 Jahren mit „ich“ selbst. Zudem zeige sich in der hohen Selbstbestimmtheit der Trend zur „Ich-Gesellschaft“. Wegner ging in Würzburg so weit, von einer „postchristlichen Generation“ zu sprechen und warnte gleichzeitig: „Wenn das so weitergeht, verschwindet die Religion aus der Öffentlichkeit.“

Tags zuvor hatten bereits sieben junge Menschen aus Würzburg und Umgebung vor der Synode über ihren Glauben und über ihre Sicht auf die evangelische Kirche geredet. Sie sprachen ohne Umschweife viel Klartext: von langweiligen Gottesdiensten am Sonntagmorgen, drögen Liedern aus dem Gesangbuch, von einer Kirchensprache, von zu wenig Lebensfreude, schrecklichen Hierarchien und Autoritäten, die mit Titeln einschüchtern wollen. Und die Diskussion kreiste viel um das Thema, ob man als Christ überhaupt die Kirche brauche, um seinen Glauben zu leben. Dabei waren die sieben jungen Menschen keine Kirchen- oder Glaubensfernen.

Sicher, neu ist das alles nicht. Gleichwohl mutet es ein wenig trotzig an, wenn Jacqueline Barraud-Volk, Vorsitzende des Vorbereitungsausschusses, in ihrer Einbringung zum Schwerpunktthema darauf hinweist, dass 2.000 Jahre Kirchengeschichte gezeigt hätten, dass die Botschaft, der Glaube, der leise wirke, nicht aus der Welt zu schaffen sei.

Doch was passiert, wenn kaum noch jemand die biblischen Geschichten weitererzählen oder die Lieder singen kann? Was passiert, wenn die Fähigkeit, das Christliche zu dechiffrieren, in einer Gesellschaft abhandenkommt? „Unsere Kirche muss sich wirklich ändern.“ Synodenpräses Irmgard Schwaetzer will junge Leute besser beteiligen, so dass diese mitentscheiden können. Ob aber mehr Sitze in Gremien helfen oder eine Quote für Menschen unter 30?

Die Synodalen, die im Durchschnitt 41 Jahre alt sind, fassten den Beschluss zu prüfen, wie junge Menschen in Zukunft in Gremien besser beteiligt werden können. Eventuell auch, wie neben Wahlen und Berufungen „über einen gesonderten Zugang die Mitgliedschaft in den Synoden einschließlich des Stimmrechts“ eröffnet werden kann. Bemerkenswert die theologische Wertung, die Institutsleiter Gerhard Wegner aus der vorgelegten Studie zog. Zum einen passe die neue „Ich-Orientierung“ der jungen Menschen mit dem Christentum zusammen. „Schließlich schenkt uns Gott unsere Identität“, sagte Wegner: „Wir müssen stärker von unserem Glauben Zeugnis ablegen, davon, was es für ein Abenteuer ist, an Gott zu glauben und das mit Inszenierung, Events und Gruppenerlebnissen.“

Konsequenzen ziehen aus dem deprimierenden Trend wollten auch die EKD-Synodalen mit ihrem Beschluss: „Weiter sehen - Evangelische Kirche verändert sich.“ Darin ist niedergelegt, dass Ehren- und Hauptamtliche in ihrer Fähigkeit über den Glauben zu sprechen, fortgebildet werden sollen, eine weitere Öffnung der Kirchenmusik hinsichtlich der Popularmusik und dass neue Formen des freiwilligen Engagements entwickelt werden sollen.

So weit, so gut. Freilich ist die Weitergabe des Evangeliums eine gemeinsame Aufgabe, der sich alle in analoger und digitaler Weise stellen müssen. Und die Beteiligung von jungen Erwachsenen ist ein zwingend notwendiges Korrektiv. Doch ungeachtet dessen muss die Grundsatzfrage beantwortet werden, wie die Potenziale der Kirche im 21. Jahrhundert sichtbar gemacht werden können, so dass Kirche und Glaube eben nicht von gestern sind.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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