Jerusalem am Neckar

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Wandel.

Zwei Schwestern

3. Advent, 16. Dezember

Wiederum heißt es (in Psalm 117,1): „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!“ (Römer 15,10)

Wenn man jüngere Leute nach ihrer Religion oder Konfession fragt, antworten manche mit einem Augenzwinkern: „Ich bin Heide.“ Damit wollen sie ausdrücken, keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft anzugehören. Und manche wollen so auch schockieren und provozieren, wenn sie einen Christen vor sich haben oder gar einen Pfarrer. Der Begriff „Heide“ hat schließlich einen negativen Klang.

In der Lutherbibel sind mit „Heiden“ die Nichtjuden gemeint, die „Völker“, hebräisch: gojim, im Unterschied zu dem „Volk“, das sich Gott unter den Völkern erwählt hat. Zu ihm gehörte Jesus. Jude war er nach traditioneller jüdischer Auffassung schon allein wegen seiner Abstammung, als Sohn einer jüdischen Mutter. Aber auch das, was Jesus gelehrt hat, weist ihn als Juden aus. Den Schriftgelehrten, der nach dem „höchsten Gebot“ fragt, verweist er auf die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe, die bei Mose stehen. Als Jesus stirbt, betet er den 22. Psalm, so wie das fromme Juden im Angesicht des Todes tun. Und auch die jüdischen Speisevorschriften dürfte Jesus eingehalten haben. Jedenfalls ist undenkbar, dass er jemals Schweinefleisch gegessen hat.

Bei Christen ist das seit Paulus anders. Der Völkerapostel hat Jesus Christus als Wort des jüdischen Gottes interpretiert, das sich auch an Nichtjuden richtet. Diese müssen nicht zum Judentum übertreten, sondern können sich gemeinsam mit den Juden über das freuen, was der Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs wirkt.

Natürlich bestehen Unterschiede zwischen den beiden Schwesterreligionen - im Verständnis Gottes, des Menschen, und dessen, was man tun und lassen soll. Aber darin unterscheiden sich auch die verschiedenen Richtungen in Christentum und Judentum.

Kirchenleute haben lange eine Überlegenheit des Christentums behauptet und Diskriminierung und Verfolgung der Juden theologisch verbrämt. Umso erstaunlicher klingt angesichts dieser Geschichte die Erklärung „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun. Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“, die vor drei Jahren 51 orthodoxe Rabbiner aus der ganzen Welt unterzeichnet haben. Für sie ist „das Christentum weder ein Zufall noch ein Irrtum, sondern göttlich gewollt und ein Geschenk an die Völker“. Schon der Frankfurter Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888), der Begründer der „Neorthodoxie“, hatte hervorgehoben, dass Christen „die jüdische Bibel des Alten Testamentes als Buch göttlicher Offenbarung“ akzeptieren und an den Gott glauben, „wie ihn die Bibel verkündet“. Und diese Aussage haben die 51 Rabbiner 2015 bekräftigt.

Hinterm Tunnel

Christvesper, 24. Dezember

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)

Weihnachten ist populär, volkstümlicher als Ostern. Das hängt auch mit der Jahreszeit zusammen, in der das Fest gefeiert wird. Lichter in Ladenfens-tern und an Straßengirlanden erhellen die Winterabende. Und die Kerzen der Adventskränze und Christbäume verbreiten in Wohnungen und Kirchen ein warmes Licht. Wer das betrachtet, versteht die Bedeutung des Christfestes, selbst wenn er darüber wenig gelesen oder gehört hat. Helligkeit und Dunkelheit, Finsternis und Licht sind Bilder, die auch in der Alltagssprache gebraucht und ohne große Erklärungen verstanden werden. Wer geboren wird, „erblickt das Licht der Welt“. Wer etwas versteht, dem „geht ein Licht auf“. Und wer „Licht am Ende des Tunnels“ sieht, erwartet das baldige Ende einer schweren Zeit.

An Weihnachten werden wieder frohgestimmte Zeitgenossen in die Kirchen strömen. Und man sollte ihnen die Stimmung nicht vermiesen. Aber einige Gottesdienstbesucher dürften sich als „Volk“ empfinden, „das im Finstern wandelt“. Manche trauern um Menschen, mit denen sie früher, vielleicht noch im vergangenen Jahr, Weihnachten gefeiert haben. Jetzt liegen die auf dem Friedhof. Oder sie haben die Beziehung wegen eines Streites abgebrochen.

Im vergangenen Jahr zogen am Horizont dunkle Wolken auf. Hitzewellen, Starkregen und Stürme ließen die Klimakatastrophe ahnen. In und außerhalb des Internets macht sich der Hass auf Juden und Andersdenkende breit. Und der Blick in die Zukunft verdüstert sich, wenn man zum Beispiel in die usa schaut, deren Präsident wie gedruckt lügt, Unanständigkeit hoffähig macht und die Klimakatastrophe beschleunigt.

Menschen, gerade Christen, müssen diese und andere Entwicklungen bekämpfen und beseitigen. Aber sie können die große Aufgabe nur im Vertrauen darauf anpacken, dass die Mächte der Finsternis nicht das letzte Wort behalten. An Weihnachten - und an Ostern - leuchtet das „große Licht“ auf, das nach Jesaja am Ende alles überstrahlt. Und es erinnert daran: Christen sind „das Licht der Welt“, wenn sie ihren Glauben ernstnehmen und umsetzen.

Praktischer Glaube

Silvester, 31. Dezember

Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. (Jesaja 51,4)

Ein konservativer CSU-Politiker hat vor einiger Zeit einmal römisch-katholische Pfarrer ermahnt: „Ich erwarte von euch, dass ihr mir sagt, wie ich die ewige Seligkeit erlangen kann. Ob wir eine dritte Startbahn bauen sollen, braucht ihr mir nicht zu sagen!“

Das ist richtig und falsch zugleich. Geistliche haben wie andere Bürger das Recht, eine dritte Startbahn für den Münchner Flughafen oder das Wahnsinnsprojekt Stuttgart 21 abzulehnen und dies auch zu sagen. Aber es sollte bei einer öffentlichen Diskussion geschehen und im persönlichen Gespräch, auf der Kanzel oder am Ambo dagegen nur ausnahmsweise. Denn eine Predigt ist ein Monolog. Der Hörer, der anderer Meinung ist, kann, selbst wenn er gute Gegenargumente hat, nur zähneknirschend schweigen oder demonstrativ aufstehen und die Kirche verlassen.

Andererseits geht es beim christlichen Glauben nicht einfach darum, wie der Einzelne „die ewige Seligkeit erlangen kann“. Der Gott, den Jesus verkündigt hat, will vielmehr, dass Christen umsetzen, worum sie im Vaterunser bitten: „Dein Wille werde auf Erden getan, wie im Himmel“. Und Gott will, dass diejenigen, die an ihn glauben, nach Gerechtigkeit streben. Wie eine heutige Gesellschaft, zum Beispiel die deutsche, gerechter gestaltet werden kann, lässt sich aber nicht einfach der Bibel entnehmen oder dem Naturrecht. Darüber muss vielmehr immer wieder nachgedacht und diskutiert werden. Und Theologinnen und Theologen sollten dabei ihre Sicht genauso einbringen wie Vertreter anderer Fachgebiete und Berufe.

Ferne Nächste

Epiphanias, 6. Januar

Die Weisen ging in das Haus und sahen das Kindlein ., fielen nieder und beteten es an und.schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. (Matthäus 2,11)

In diesen Tagen ziehen rund 300?000 katholische Kinder und Jugendliche als Heilige Drei Könige durch Deutschlands Straßen. Sie klingeln an den Türen, singen Lieder und bitten um eine Spende für behinderte Kinder in Peru. Und mit Kreide schreiben sie über Hauseingänge einen Segenswunsch fürs neue Jahr: 20 c+b+m 19. Das heißt: Christus Mansionem Benedicat, Christus segne dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus. Volkstümlich steht die Abkürzung auch für Caspar, Melchior und Balthasar.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird wieder Sternsinger empfangen und sich mit ihnen ablichten lassen. Dass sie Geld für Kinder in Übersee sammeln, illustriert in zweifacher Weise die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland: Wie diese beschenken die Sternsinger Jesus. Denn der hat nach der Überlieferung des Matthäusevangeliums gesagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Und das Engagement der Sternsinger zeigt auch: Für Christen ist der Nächste nicht nur der Nachbar von gegenüber, sondern auch der Mitmensch jenseits der Grenzen des eigenen Landes. Und das ist ja auch die Pointe des heutigen Predigttextes: Er deutet an, wie sich das Christentum von einer jüdischen Sekte zu einer Weltreligion entwickelt.

Pleiße und Pregel

Sonntag nach Epiphanias, 13. Januar

Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter. (Josua 3,10)

Dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem, wünschen wir Heil!“ Mit diesen Worten schloss Rabbiner Joseph Maier seine Predigt, als am 3. Mai 1861 die Synagoge der württembergischen Haupt- und Residenzstadt eingeweiht wurde. Und viele deutsche Juden, auch Theologen, haben ähnlich gedacht. Sie waren an Rhein und Neckar, Pleiße und Pregel daheim, nicht am Jordan. Erst die Verfolgung und Ermordung der Juden in der Nazizeit führte vor siebzig Jahren zur Gründung des Staates Israel. Wer in ihr die Erfüllung von Gottes Verheißung sieht, muss logischerweise auch das Verbrechen, das dazu geführt hat, als Willen Gottes interpretieren.

Für Christen hat die alttestamentliche Landverheißung nur eine eschatologische Bedeutung. Trotzdem gibt es zwei theologische Gründe für ihre Solidarität mit Israel:

1. Das Evangelium hat eine „Affinität zur Demokratie“ (Karl Barth). Und Israel ist - trotz vieler Mängel - die einzige Demokratie im Nahen Osten. Umso mehr erschreckt, wenn dort Nationalisten die Oberhand gewinnen. Denn Nationalisten bringen immer auch Unheil über die eigene Nation.

2. Für Christen ist es, wie für andere Menschen, selbstverständlich, sich an die Seite eines Landes zu stellen, dessen Existenz von seinen Nachbarn bedroht wird - unabhängig davon, ob es zu ihm einen religiösen Bezug gibt.

Und noch wichtiger als die kritische Solidarität mit Israel ist, dass deutsche Christen Angriffe auf deutsche Juden und Israelis, die in Deutschland leben, als Angriffe auf sich empfinden und abwehren oder - am besten - v erhindern.

Jürgen Wandel

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