Geradezu kultisch

Spain: Mandala Brush
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Bei Spain schlägt der Falter stets in Zeitlupe.

Wenn in China der Falter mit dem Flügel schlägt, fallen hier die Äpfel vom Baum. Das ist zwar eher Meta-Physik als Verbindung von Ursache und Wirkung, aber die Aussage dahinter verfängt: All is one, alles ist eins - das ist auch die Botschaft von Mandalas, weshalb welche zu zeichnen beruhigt. Nur trifft, was fällt, den Einzelnen und fügt Schmerzen zu. Die lindert der Glaube an Zusammenhang, ans Große und Ganze eher nicht. Aber man kann ihnen Form geben, sie gestalten und verdichten, Schönheit, Größe daraus keltern - das ist der Ansatz der US-Band Spain um den Bassisten und Sänger Josh Haden. Auch mit dem Album Mandala Brush bringen sie es darin zu berührender Meisterschaft. Und dass sie seit Bandgründung 1993 durchlaufend als Geheimtipp gelten, aber nie darüber hinauskamen, sei hier bloß erwähnt: Das Leben währt einen Flügelschlag, und gerecht ist es schon mal gar nicht!

Bei Spain schlägt der Falter stets in Zeitlupe. Sie machen Country-, Folk- und Americana-basierten Slowcore, Free Jazz-Ausflüge inklusive. Up tempo-Stücke sind selten. Spain kosten aus. Sie lassen die Dinge sich entwickeln: Wörter, Silben, Lautmalerei, rhythmische Strukturen, Klangfarben und Melodien. Zugleich filigran und in der weiten Fläche, aber dem Augenblick verhaftet, was besondere Intensität entstehen lässt.

Eingespielt haben sie die elf Songs im Studio live und ohne Clicktrack, um die Atmosphäre der Konzerte auch auf Platte zu bannen. Man spürt es. Auf ihrer Europa-Tour im Herbst hatten sie Mandala Brush im Gepäck - mit Auftakt im wunderbaren Dortmunder Jazzclub domicil: Mal singt Josh Haden, mal ist es mehr ein Erzählen. Mit dem Mund stets sehr dicht am Mikrophon scheint er zu nuscheln, ist aber ganz klar, so eindringlich wie der Leiter eines Rituals. Der Bass gibt die Richtung vor.

Zu den Weiten der Songs steht der 50-Jährige mit dem Rücken zum Publikum. Die Drums murmeln, lodern, zerfasern, marschieren, auf Tour gespielt vom Dänen Jakob Høyer. Kenny Lyon an der Gitarre tänzelt, feuert Riffs, kommentiert, ist ein lächelnder Irrwisch mit angenehmer Eleganz, während Haden-Schwester Petra an der Violine zirzt, knarzt oder die Melodieführung übernimmt. Und wenn sie im Backing singt, geht die Sonne auf - ob im hymnischen, an The Band gemahnenden Laurel, Clementine, oder in fiebrig famosen Improvisationen wie God Is Love, das es in der Albumversion auf eine ganze Viertelstunde bringt. Und Silke neben mir sagt, das ist wie Zuhause-Sein. Bei Spain ist das ein endlos langer Falter-Augenblick, dicht, inspiriert und schön, geradezu kultisch. Der Sound ist unglaublich. Sie kosten aus, wie gesagt. Eben „Indie Pop Slowcore Americana Free Jazz“ - Spain. Toll.

Udo Feist

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