Leben mit Widerspruch

Über Weg und Werk eines großen Theologen der Moderne
Oft mit Pfeife: Karl Barth im Alter von 57 Jahren, Foto von 1943. Fotos: KBA
Oft mit Pfeife: Karl Barth im Alter von 57 Jahren, Foto von 1943. Fotos: KBA
Im Leben von Karl Barth spiegelt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts - teilweise in dramatischer Weise. Christiane Tietz, Professorin für Systematische Theologie in Zürich und Herausgeberin von zeitzeichen, zeichnet die wichtigsten Stationen von Barths Lebenslauf nach.

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 in Basel als erstes von fünf Kindern von Anna und Fritz Barth geboren. Sein Vater unterrichtete an der Evangelischen Predigerschule Kirchengeschichte und Neues Testament. Weil Fritz Barth bald an die Universität Bern wechselte, zunächst als Privatdozent, dann als ordentlicher Professor, wuchs Karl Barth in Bern auf. 1904 begann er dort mit dem Theologiestudium. Er besuchte Veranstaltungen bei seinem (gemäßigt) „positiven“ Vater und bei Schülern großer liberaler Theologen.

Prägend wurden seine Studiensemester in Berlin und Marburg. In Berlin begeisterte ihn Adolf von Harnack, weil dieser die Zeitbedingtheit theologischer Texte erforschte, sie damit aber nicht „abmurxte“, sondern inhaltlich erschloss. In Marburg überzeugte ihn Wilhelm Herrmann, der den Glauben als eigenen inneren Eindruck des Christen von Jesu ethischer Persönlichkeit beschrieb. Gleichzeitig arbeitete sich Barth in Schleiermacher, Kant und den Marburger Neukantianismus ein. Nach dem kirchlichen Examen in Bern 1908 kehrte er für ein weiteres Jahr nach Marburg zurück. Ihm war von Martin Rade die Stelle als Redaktionsgehilfe der Christlichen Welt angeboten worden, der damals wichtigsten Zeitschrift des liberalen Protestantismus.

Im Herbst 1909 begann Barth sein Vikariat in der deutschen reformierten Gemeinde in Genf, wo er auf Calvins Kanzel zu predigen hatte. In seinem ersten Konfirmandenkurs lernte er Nelly Hoffmann kennen. Am Ende seiner Genfer Zeit fragte er sie, ob sie seine Frau werden wolle.

Streitbare Stellungnahmen

1911 wechselte Barth in das Pfarramt von Safenwil, eine kleine Arbeiter- und Bauerngemeinde im Aargau. Die schwierigen Arbeitsbedingungen in den örtlichen Textilfabriken erschütterten Barth, so dass er in mehreren streitbaren Stellungnahmen für die Arbeiter Partei ergriff. Mit anderen Religiösen Sozialisten sah er die damalige soziale Bewegung als Umsetzung dessen an, was Jesus gewollt habe. Bald nannte man ihn den „roten Pfarrer“ von Safenwil.

Anregend für Barths weiteren theologischen Weg wurde seine enge Freundschaft mit Eduard Thurneysen, der seit 1913 im nahegelegenen Leutwil als Pfarrer tätig war. Im gleichen Jahr heiratete Barth seine Verlobte Nelly. Nach Barths eigenen Worten war diese Ehe, aus der fünf Kinder hervorgingen, in den ersten Jahren „bei allen Schwierigkeiten eine glückliche Geschichte“.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs und seine Unterstützung durch deutsche Theologen und Intellektuelle waren Auslöser für eine grundlegende Wende in Barths Denken, die für ihn zu einer Distanzierung von der liberalen Theologie und Schleiermacher führte. Barth war entsetzt, „wie jetzt in ganz Deutschland Vaterlandsliebe, Kriegslust und christlicher Glauben in ein hoffnungsloses Durcheinander geraten“. Weil sich viele auf das „überwältigende Erlebnis“ des Krieges beriefen, wurde Barth die Kategorie „Erlebnis“ grundsätzlich problematisch und alle weltlichen Größen „feldgrau“.

Kategorialer Unterschied

Gemeinsam mit Thurneysen suchte Barth nach einem Neuansatz und wandte sich dafür den biblischen Texten zu. Daraus entstand sein Kommentar Der Römerbrief (1919; zweite, völlig neugeschriebene Fassung 1922), in dem Barth in expressionistischem Ton alle Kulturleistungen, einschließlich der Religion, auf der Seite des Menschen platzierte und von ihnen das Reich Gottes kategorial unterschied. Er „schlug gleich bei seinem ersten Erscheinen wie eine Bombe auf dem Spielplatz der Theologen ein“ (Karl Adam). Auch Emil Brunner, Rudolf Bultmann und Friedrich Gogarten dachten damals ähnlich. Die Zeitschrift Zwischen den Zeiten wurde das wichtigste Organ der neuen „Dialektischen Theologie“.

Barth selbst trug der erste Römerbrief 1921 einen Ruf an die Universität Göttingen auf eine Honorarprofessur für Reformierte Theologie ein. Weder promoviert noch habilitiert, fühlte er sich unter den Göttinger Gelehrten wie ein „schweifender Zigeuner, der nur ein paar verlöcherte Kessel sein eigen nennt und dafür gelegentlich ein Haus anzündet“. Aber die intensiven Gespräche mit den Studenten machten ihm Freude. Inhaltlich nutzte Barth seine ersten Universitätsjahre, um sich - eigentlich zum ersten Mal ausführlich - in die reformierte Tradition einzuarbeiten.

1925 berief ihn die Münsteraner theologische Fakultät auf ein persönliches Ordinariat. Die folgenden Jahre waren für Barth schon deshalb einfacher, weil er sich mit den dortigen Kollegen besser verstand. Horizonterweiternd war die Begegnung mit einem lebendigen Katholizismus.

Im Sommer vor seinem Wechsel nach Münster begegnete Barth bei Ferien am Zürichsee der 13 Jahre jüngeren Lernkrankenschwester Charlotte von Kirschbaum. Schnell verliebten sie sich ineinander. Barth erzählte seiner Frau sofort davon. Zunächst war er überzeugt, es bei dem Wissen um die gegenseitige Zuneigung belassen zu können. Doch schon bald hatte er den Eindruck, ohne Charlotte von Kirschbaum nicht mehr leben zu können. Seit 1927 unterstützte sie ihn auf unentbehrliche Weise bei seiner theologischen Arbeit. Ende 1929 zog sie (nach außen sprach man von ihr als seiner „Sekretärin“) in Barths Haushalt ein. Für Barth selbst schien dieser Schritt unausweichlich, weil er weder seine Liebe zu Charlotte von Kirschbaum verleugnen noch sich der Verantwortung für seine Ehefrau entziehen wollte. Die nächsten Jahrzehnte waren bestimmt von dem qualvollen, Nelly Barth zeitweise in die Depression treibenden Versuch der drei, einen für alle erträglichen Weg zu finden. Barth blieb sich zeitlebens bewusst: „Gerade die Tatsache, welche die größte irdische Wohltat ist, die mir in meinem Leben geschenkt wurde, ist zugleich das strengste Urteil wider mein irdisches Leben.“

Zum Sommersemester 1930 wechselte Barth nach Bonn. Die Studenten strömten zu seinen Lehrveranstaltungen. Zwei Jahre später erschien der erste Band seiner Kirchlichen Dogmatik, in der Barth von der Selbstoffenbarung des ganz anderen Gottes in Jesus Christus her die Nähe Gottes zum Menschen entfaltet - letztlich eine Weiterführung der reformatorischen Einsicht, dass der Mensch nicht durch sich selbst über sich selbst hinauskommt, sondern von Gottes bedingungslosem Ja lebt.

(Kirchen-)Politisch wurden die Bonner Jahre die dramatischsten in Barths Leben. Bereits 1931/32 positionierte er sich im Streit um die Berufung von Günther Dehn öffentlich gegen deutschnationale und nationalsozialistische Studenten. Als 1933 das neue Regime die Kirche gleichzuschalten begann, ermahnte Barth mit dem Text Theologische Existenz heute Kirche und Theologie, „auch im totalen Staat keinen Winterschlaf anzutreten“, weil sie seine „naturgemäße Grenze“ seien. Barth schickte den Text Adolf Hitler mit der Bemerkung: „Evangelische Theologie muss auch im neuen Deutschland unerbittlich und unbekümmert ihren eigenen Weg gehen. Ich bitte Sie um Verständnis für diese Notwendigkeit.“ Kritiker warfen Barth vor, er vermische Theologie und Politik - ein Vorwurf, der Barths öffentliche Äußerungen seitdem begleitete, während andere ihm unterstellten, er trenne unerlaubterweise Theologie und Politik.

Barth war der Hauptautor der Barmer Theologischen Erklärung, die im Mai 1934 von der ersten Bekenntnissynode der Deutschen Evangelische Kirche verabschiedet wurde. Später bereute er, in diesem Kontext nicht auch Kritik am staatlichen Umgang mit den Juden „entscheidend geltend gemacht“ zu haben. Auf der zweiten Bekenntnissynode in Dahlem, die ein kirchliches Notrecht ausrief, wurde Barth in den Bruderrat und den Rat der Bekennenden Kirch (BK) gewählt. Schon 1933 hatte sich Barth dem staatlichen Befehl widersetzt, seine Vorlesungen mit dem „Hitlergruß“ zu beginnen und zu beenden. Zum offenen Konflikt kam es, als Barth den im August 1934 geforderten Beamteneid auf Hitler nur mit dem Zusatz „soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann“ schwören wollte. Ende November 1934 wurde Barth mit sofortiger Wirkung suspendiert. In der folgenden rechtlichen Auseinandersetzung drängte Barth darauf, dass die staatlichen Organe den Totalitätsanspruch Hitlers und damit die nationalsozialistische Zuwiderhandlung gegenüber dem ersten Gebot offenlegten. Umgekehrt wurde von staatlicher Seite Druck auf die BK aufgebaut, damit sie sich von Barth distanziere, der den Staat nicht anerkenne. Im Dezember 1934 wurde gegen Barth offiziell Anklage erhoben und er aus dem Dienst entlassen. Rede- und Predigtverbot folgten. Ein übergeordnetes Gericht hob im Juni 1935 das Urteil gegen Barth zwar wegen Formfehler auf, doch der zuständige Reichsminister versetzte Barth umgehend in den Ruhestand. Nur vier Tage später erreichte Barth ein Ruf an die Universität Basel. Im Juli 1935 verließ er Deutschland - enttäuscht darüber, dass sich die BK für seine Sache nicht so eindeutig eingesetzt hatte, wie von ihm erhofft.

Auch von Basel aus nahm Barth in internationalen Medien zu den Zuständen in Deutschland Stellung. Angesichts von Hitlers Sudetenpolitik sprach er sich 1938 für den militärischen Widerstand der Tschechen aus. Dies trug ihm den Vorwurf ein, er sei „hemmungsloser Kriegstheologe und antideutscher Agitator“.

Nach Kriegsbeginn griff Barth die in seinen Augen zu kompromissbereite Schweizer Haltung gegenüber Deutschland offen an. Er warnte seine Landsleute vor einem deutschen Einmarsch und meldete sich selbst zum bewaffneten Militärdienst. Weil man befürchtete, Barth gefährde mit seinen Äußerungen die Schweizer Neutralität, geriet er auch in seinem Heimatland in den Blick der Zensur. Einzelne Texte und Vorträge wurden verboten, sein Telefon überwacht. Als die deutsche Niederlage absehbar war, rief Barth dazu auf, trotzdem ein „Freund“ der Deutschen zu sein, damit diese „eine handfeste Anschauung“ von „Vergebung“ bekämen.

In den Nachkriegsjahren engagierte sich Barth für den geistigen Neuaufbau Deutschlands. Die Sommersemester 1946 und 1947 unterrichtete er erneut in Bonn, in den Halbruinen des kurfürstlichen Schlosses. Die Stuttgarter Schulderklärung von 1945 befriedigte ihn nicht, weil er den Eindruck hatte, man sei statt mit der eigenen Schuld „viel mehr mit dem beschäftigt, was man gegen die Anderen auf dem Herzen hatte“. Selbst schrieb er am Darmstädter Wort von 1947 mit.

Sorge vor drittem Weltkrieg

Bald kritisierte Barth den zunehmenden Antikommunismus in Westeuropa. In seinen Voten gegenüber osteuropäischen Kirchen verkannte er deren tatsächliche Lage im atheistischen Kommunismus. Aber er war der Überzeugung, „daß der Kommunismus jedenfalls nur durch eine ‚bessere Gerechtigkeit‘ der westlichen Welt und nicht durch die allzu billigen Negationen, in denen sich die westliche Angst jetzt Luft macht, abzuwehren sein wird“. Auch aus Sorge vor einem dritten Weltkrieg protes-tierte Barth gegen die deutsche Wiederbewaffnung und eine Aufrüstung mit Atombomben.

Zu Barths politischem Engagement kam ein ökumenisches. 1948 hielt er den Eröffnungsvortrag auf der konstituierenden Vollversammlung des örk in Amsterdam. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgehende Erneuerung nahm Barth mit „brüderlicher Hoffnung“ wahr.

Fast siebzigjährig begann Barth, regelmäßig in der Basler Strafanstalt zu predigen. Ihm war dabei wichtig, zwischen den Inhaftierten und den Menschen draußen keine scharfen Grenzen zu ziehen. „Ist denn die Gemeinde Jesu Christi etwas anderes als eine solche Gemeinde in der Strafanstalt, ‚verloren, verdammt, aber durch Jesus Christus gerettet und begnadigt‘?“

Auf Wunsch der Basler Fakultät lehrte Barth bis zu seinem 76. Lebensjahr. In kleinem Kreis führte er auch danach noch Kolloquien durch. Sein letztes im Sommer 1968 galt noch einmal Schleiermacher. Die Kirchliche Dogmatik führte er nicht mehr zu Ende. 1967 brachte er Band IV/4 als Fragment heraus und erklärte seinen Lesern, Teil V mit der Erlösungslehre werde er nicht mehr schreiben. Er war geplagt durch eine Reihe von schweren Erkrankungen. Überdies fehlte ihm der Antrieb, seine Entwürfe wie früher in seinen Vorlesungen den Studenten vortragen zu können. Und ihm fehlte die Mitarbeit Charlotte von Kirschbaums. Einige Jahre zuvor waren bei ihr Anzeichen einer dementiellen Gehirnerkrankung sichtbar geworden. Anfang 1966 musste sie in eine Psychiatrische Klinik bei Basel umziehen. Ihr Auszug entspannte das Verhältnis zwischen Karl Barth und seiner Ehefrau, so dass Barth mit Nelly nun „einen recht harmonischen . ‚Lebensabend‘ feiern“ konnte.

Zahlreiche Ehrungen

Dass Karl Barth sich stets für die Eigentümlichkeit der Theologie gegenüber anderen Wissenschaften aussprach, verringerte nicht seine Anerkennung weit über den kirchlichen Kontext hinaus, im Gegenteil. Er erhielt zahlreiche internationale Ehrungen, unter anderem elf Ehrendoktorate, darunter den philosophischen der Sorbonne, sowie eine Einladung zu den berühmten Gifford-Lectures und den Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1962 zierte er die Titelseite des Time Magazine.

Seinen achtzigsten Geburtstag im Mai 1966 feierte Barth noch einmal im großen Rahmen. Dabei verwahrte er sich dagegen, als der „größte Theologe“ des 20. Jahrhunderts tituliert zu werden. Eher könne es sein, dass „einmal vielleicht irgend ein kleines Männlein oder Weiblein, das in aller Stille irgendwo Bibelstunden gehalten hat, tatsächlich der größte Theologe dieses Jahrhunderts gewesen sein“ wird.

Seit dem Sommer 1967 ging es Barth gesundheitlich immer schlechter. In der Nacht des 10. Dezember 1968 starb er in seinem Haus in der Basler Bruderholzallee im Schlaf. Bei der Gedenkfeier im Basler Münster vier Tage später war die Kirche übervoll.

Literatur

Christiane Tietz: Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch. C. H. Beck Verlag, München 2018, 538 Seiten, Euro 29,95, siehe auch Seite 62.

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Christiane Tietz

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