Stolze Biedermänner

Die AfD veranstaltet ein Streitgespräch zur Kultur
Foto: Philipp Gessler
Foto: Philipp Gessler
Dass dieses öffentliche Gespräch mit zwei angesehenen Intellektuellen stattfinden konnte, reichte der AfD schon.

Wie brisant die Sache war, erkannte man schon vor Beginn der Veranstaltung. Auf Einladung der AfD-Bundestagsfraktion sollten vier mehr oder weniger kluge Männer über Grundsätzliches diskutieren, nämlich über „‘Zusammenhalt in Vielfalt. 15 Thesen zu kultureller Integration und Zusammenhalt‘ - ein Streitgespräch“, so der Titel der Podiumsdiskussion. Und das Ganze „im Deutschen Bundestag“, wie die AfD auf der Einladung mit einem Bild aus dem Inneren der Glaskuppel des Reichstags fast triumphierend wissen ließ: Endlich! Endlich angekommen und ernst genommen im, zumindest verfassungsrechtlich gesehen, wichtigsten Ort der Republik.

Naja, aber schon „im Deutschen Bundestag“ war stark übertrieben. Es war ein ödes Verwaltungsgebäude des Bundestages, abseits, in einer Querstraße von Unter den Linden. Den versteckten Eingang samt Durchgangsschleuse und Ausweis-Kontrolle (anzumelden hatte man sich offiziell Tage vorher) zu finden, war ebenfalls mühsam - und dann der Ort des „Streitgesprächs“: ein piefiger Raum mit niedriger Decke.

Auf die Minute genau begann Bernd Kallina die Diskussion. Der Ex-Redakteur des Deutschlandfunks ist Freier Mitarbeiter stramm rechter Medien wie der Preußischen Allgemeinen Zeitung und der Vierteljahreszeitschrift Neue Ordnung aus Graz - und diesen Hintergrund merkte man seiner Moderation an. Es diskutierten Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, und die kultur- bzw. medienpolitischen Sprecher der AfD im Bundestag, Marc Jongen und Martin E. Renner.

Hier könnte man den Bericht über diese Veranstaltung schon beenden. Denn klar war von Anfang: Dass dieses öffentliche Gespräch mit zwei angesehenen Intellektuellen, eben Zimmermann und Claussen, stattfinden konnte, reichte der AfD schon. Was dort gesagt, beschwiegen oder geraunt wurde, und wer am Ende obsiegte - egal. Es ging ja der AfD sichtbar vor allem darum, den Redeboykott zu brechen, den ernst zu nehmende liberale Institutionen der Gesellschaft nach einschlägig schlechten Erfahrungen in letzter Zeit gegen die AfD beschlossen hatten - so etwa der Zentralrat der Juden in Deutschland und der Deutsche Evangelische Kirchentag (vergleiche zz 11/2018).

Solche Nicht-Beachtung oder solches Für-Nicht-Normal-Halten schmerzt die AfD enorm - das war auch an diesem Abend zu erleben. Denn die gut bürgerlichen Damen und Herren der Partei wollen doch so verzweifelt ernst genommen, ja, als Verteidiger der Republik gesehen werden. Trotz ihrer fremden- und islamfeindlichen Reflexe. Deshalb erntete Olaf Zimmermann auch die größte empörte Reaktion, als er in der Diskussion darauf hinwies, wie seltsam es sei, dass sich die AfD als große Verteidigerin der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stilisiere, obwohl offenbar einzelne Landesverbände von ihr kurz davor stehen, durch den Verfassungsschutz beobachtet zu werden.

Deshalb hier nur in aller Kürze: Die Biedermänner haben mit diesem „Streitgespräch“ ihre Show gehabt. Sie haben sie sogleich ganz stolz auf YouTube gestellt. Und mehr sollte man über diese Veranstaltung auch nicht sagen. Es wäre zu viel der Ehre.

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Philipp Gessler

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