Dunkle Macht

Star-Wars-Philosophie
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Eine instruktive Phänomen-Analyse, von der die breite Masse der Fans jedoch unbeeindruckt bleiben dürfte.

Schon seit vierzig Jahren gibt es die von George Lucas erfundene Filmreihe „Krieg der Sterne“. Noch immer entstehen neue Teile, für Dezember 2017 ist die nächste Episode angekündigt. Die Filme und zusätzlich publizierten Romane sind nicht zuletzt dem jeweiligen Zeitgeist verpflichtet. Thematisch wirbelt etliches durcheinander. Es geht um individuelle und nationale Überlebenskämpfe, um Staatsphilosophie und Politik, natürlich um Gut und Böse und um eine mysteriöse „Macht, die mit dir sei“, und die auch eine dunkle Seite hat. „Star Wars“ bleibt eine Erfolgsgeschichte, ein starkes Stück Populärkultur und ein Ideenkonglomerat. Die Gedankenwelt, in der die Weltraummärchen um Darth Vader, Luke Skywalker, Prinzessin Leia, Han Solo und die Roboter R2-D2 und C-3PO wurzeln, speist sich aus diversen philosophischen und weltanschaulichen Richtungen.

Dieser Synkretismus beschert den Abenteuern scheinbaren Tiefgang. Homer, Augustinus, Ödipus, Lenin, Platon, dazu etwas Manichäismus, Stoa, fernöstliche Spiritualität, Christologie und Joseph Campbells Mythentheorie: der Star-Wars-Cocktail ist gut gemixt und präsentiert eine bestenfalls fabulierfreudige Trivialphilosophie mit pseudotheologischen Anklängen. Kann man das ernst nehmen?

Das 19-köpfige Autorenkollektiv tut es auf originelle und intellektuelle Weise. Dabei ist das Buch auch noch gut zu lesen, wenngleich es nicht ohne Wiederholungen auskommt. Überwiegend erscheint „Star Wars“ freilich als Männersache. Neben Clotilde Leguil ist die Herausgeberin Catherine Newmark die einzige Autorin des Bandes, der in Kooperation mit dem Philosophie Magazin entstanden ist und den Untertitel „Star Wars und die Philosophie“ trägt. Die thematische Buntheit beeindruckt genauso wie die Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen, von der Philosophie und Theologie bis zur Psychologie und Ethnologie, von der Kultursoziologie und Wirtschaftswissenschaft bis zur Medienwissenschaft und Astrophysik.

Das alles ergibt eine instruktive Phänomen-Analyse, von der die breite Masse der Fans jedoch unbeeindruckt bleiben dürfte. Zu komplex sind die Gedanken hinter der doch vor allem naiven und konsumorientierten Saga, die Zuschauer gleich welcher Bildung goutieren. Philosophische Denkansätze und Methoden werden geschickt als Werkzeuge der Filminterpretation genutzt. Nur bei Martin Heideggers Verstrickung in „die dunkle Seite der Macht“ ist es umgekehrt, da wird „Star Wars“ zum Interpretament seiner Philosophie.

Lucas’ problematisches Demokratieverständnis und Antipolitik kommen zur Sprache, auch seine Kritik am Rationalismus, wobei er die mythische Qualität einer alles durchwirkenden, unpersönlichen Kraft mit seinem späteren biologistischen Erklärungszwang empfindlich schwächt. Diese Kraft oder Macht“ galt ihm anfangs noch als universaler Wert in der nachaufklärerischen Verunsicherung. Lucas wollte Religion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen. Die Menschen von heute sollten nicht religiösen Systemen folgen, sondern auf Gott hin für eine „mystische Dimension“ sensibilisiert werden. Es hat tatsächlich funktioniert, wie Umfragen bestätigen: Nicht wenige bekennen sich freimütig zum „Jediismus“. So nötig es ist, den Sinn für Transzendenz jenseits positivistischer Engführungen wachzuhalten, so fatal ist es auch, in Lucas quasi einen Religionsgründer zu sehen. Die Lebenssicht des Jedi-Ordens wird nie etwas anderes sein als eine Fiktion im Kontext einer imaginären Kosmologie. Erlösungshungrigen Fans wäre manch kritische Sicht der Autoren dieses Buches wohl dringend anzuempfehlen.

Roland Mörchen

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