Sand im Getriebe

Die Bomben des IS bedrohen das Miteinander von Christen und Muslimen in Ägypten weniger als schlechte Schulbücher
Die Sankt-Georg-Kirche von Tanta nach dem Anschlag vom Palmsonntag. Foto: dpa/ Nariman El-Mofty
Die Sankt-Georg-Kirche von Tanta nach dem Anschlag vom Palmsonntag. Foto: dpa/ Nariman El-Mofty
Wenn die Terroristen des sogenannten Islamischen Staats (IS) in Ägypten Kopten töten, üben Christen und Muslime fast reflexartig den öffentlichen Schulterschluss. Daran haben auch die Attentate am Palmsonntag nichts geändert. Doch unter der Oberfläche gärt es. Die Religionswissenschaftlerin und Politologin Katja Dorothea Buck beschreibt die andauernde Diskriminierung der Christen und die Versäumnisse der ägyptischen Regierung.

Es war ein besonders perfider Plan, den die Terroristen des Islamischen Staates (IS) für den 9. April ausgeheckt hatten. In ihrem „Krieg gegen die Christen in Ägypten“ hatten sie sich ausgerechnet den Palmsonntag ausgesucht, den Auftakt der Karwoche, an dem überall im christlichen Nahen Osten mit großem Jubel der königliche Einzug Jesu nach Jerusalem gefeiert wird. Die Terroristen zündeten die Bombe in der Sankt-Georg-Kirche von Tanta just in dem Moment, als die Chorsänger das Hosianna sangen. Die Explosion riss 29 Menschen in den Tod. Kurz darauf sprengte sich ein Selbstmordattentäter in Alexandria am Eingangstor zum Gelände der Markus-Kathedrale in die Luft und tötete elf Menschen. Eigentlich hatte er den koptischen Papst Tawadros treffen wollen, der gerade die Palmsonntagsmesse gehalten hatte. Der Anschlag hatte auf das Zentrum der Koptischen Kirche gezielt, die ihren offiziellen Sitz in Alexandria hat. Die Markus-Kathedrale ist für Kopten das, was für die katholische Kirche der Petersdom in Rom ist. Hier ruhen die Gebeine des Evangelisten Markus, auf den die Koptisch-orthodoxe Kirche zurückgeht.

Weltweit war das Entsetzen über die Kaltblütigkeit der Terroristen groß. International wurde immer wieder die Frage gestellt, ob dies nun der Beginn eines Religionskriegs in Ägypten sei; ob sich die Kopten nun radikalisieren würden. Doch warum sollten sie sich ausgerechnet jetzt radikalisieren? In den vergangenen Jahren hätten sie dafür schon viele Anlässe gehabt. Die beiden Anschläge vom Palmsonntag waren nicht die ersten und vermutlich werden sie auch nicht die letzten gewesen sein. Es mag fatalistisch klingen, aber religiös motivierte Gewalt gegen Christen in Ägypten ist nichts Neues.

Vor sechs Jahren, im Januar 2011, starben bei einer Bombenexplosion in der Al-Qiddissine-Kirche in Alexandria 23 Menschen. Im August 2013, kurz nachdem die Ägypter die Regierung des Muslimbruders Mohammed Mursi gestürzt hatten und das Militär um General Abdel Fattah al-Sisi die Macht an sich gerissen hatte, marodierte ein dschihadistischer Mob durch Ägyptens Straßen und zündete mehr als sechzig Kirchen und Klöster an. Und am 11. Dezember 2016 zündete der IS in einer Nebenkirche der großen Kathedrale in Kairo eine Bombe und tötete 28 Gottesdienstbesucher.

Krieg erklärt

Anfang 2017 schließlich veröffentlichte der IS ganz offiziell eine Kriegserklärung gegen die Christen am Nil und schickte in den folgenden Wochen Auftragsmörder in die Häuser von Christen, um ihnen die Kehle durchzuschneiden. Acht Menschen wurden so im Süd-Sinai, wo der IS besonders aktiv ist, umgebracht. Hunderte christliche Familien flohen daraufhin. Das Ziel der Dschihadisten ist klar: Sie wollen in der christlichen Bevölkerung Angst und Hass säen und so die ägyptische Gesellschaft spalten. Die Frage ist, ob sie damit Erfolg haben. Wer diese Frage stellt, löst bei den meisten Ägyptern vehementes Kopfschütteln aus. Auf muslimischer Seite ist schnell die Behauptung zu hören, dass der IS ein Kind westlicher Geheimdienste sei und mit Ägypten und dem Islam nichts zu tun habe. Man lebe gut mit den Christen zusammen. Sie gehörten zu Ägypten wie die Pyramiden und der Nil. Gerne wird dann erzählt, wie in diesem oder jenem Dorf muslimische Nachbarn Christen vor Terrorbanden geschützt haben. Oder wie bei den großen Attentaten spontan in Moscheen zum Blutspenden für die verletzten Christen aufgerufen wurde.

Ähnlich lauten die Antworten von Christen. Sie könnten sehr gut zwischen Terroristen und Muslimen unterscheiden. Der IS könne mit seinen Bomben am guten Miteinander mit den Muslimen nichts ändern. Ihr Zorn richtet sich eher gegen die Regierung, die es offenbar nicht schafft, die Christen vor dem Terror zu schützen, als gegen Muslime allgemein. Nach den Brandanschlägen auf koptische Kirchen im August 2013 kursierten Videos im Internet, in denen einfache Menschen auf den Trümmern ihrer Kirche zur Vergebung aufriefen und öffentlich bekannten, dass sie für die Terroristen beteten. Und als im Februar 2015 der IS in Libyen 21 koptische Gastarbeiter enthauptete, verteilten junge Kopten in der Kairoer Metro und auf den Straßen Flugblätter, auf denen „Wir vergeben!“ stand. Offenbar geht die Strategie des IS nicht auf. Mit ihren Bomben töten sie zwar Unschuldige, einen Religionskrieg können sie aber nicht auslösen.

Interessant ist der Umgang der koptischen Kirche mit dem Thema: Offiziell sind nur wenig kritische Töne zu hören. Die Kirche spricht von 37 religiös motivierten Straftaten im Zeitraum von 2013 bis Juli 2016. Das dürfte deutlich untertrieben sein. Die vielen Übergriffe, insbesondere in den Dörfern in Oberägypten, bei denen Kopten drangsaliert werden, tauchen in keiner Statistik auf. Offenbar hat die koptische Kirche in Ägypten kein Interesse daran, die genaue Anzahl an Übergriffen zu ermitteln - und das in Zeiten, in denen Politiker und Medien beim Thema Christenverfolgung schnell reagieren. Stellt sich also die Frage nach dem Grund für diese Zurückhaltung.

Einige Kommentatoren erklären sie damit, dass die koptische Kirche bei der Regierung lieb Kind machen wolle. Das mag zunächst plausibel klingen. Zu einem anderen Schluss kommt, wer genau hinhört, was koptische Kirchenvertreter sagen. „Vieles ist zu schrecklich, was Christen angetan wird, als dass wir darüber öffentlich reden könnten. Wir wollen den Menschen nicht noch mehr Angst machen“, sagt ein Bischof in Oberägypten, zu dem viele traumatisierte Kopten kommen, die bei Anschlägen Angehörige verloren haben. „Wir wollen verhindern, dass der Hass weitergetragen wird und rufen deswegen immer wieder zur Vergebung auf.“

Die Kirche bemüht sich offensichtlich darum, kein zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen. Fragt sich nur, welches Feuer da bereits brennt?... Und wenn Vergebung über Massenmedien gepredigt wird, dann muss die Sorge groß sein, dass Christen und Muslime sich eben doch auseinanderdividieren lassen könnten. Dieses ungute Gefühl beruht weniger auf den brutalen Kriegserklärungen irgendwelcher Terrorgruppen, als vielmehr auf der jahrzehntelangen Diskriminierung und dem Gefühl vieler Kopten, nur Menschen zweiter Klasse zu sein. Während überall in Ägypten Moscheen so hoch und so groß gebaut werden können, wie Muslime es wünschen, müssen Christen oft viele Jahre warten, manchmal sogar vergeblich, bis sie die Genehmigung für ein kleines Kirchlein bekommen. Immer wieder werden Karriereträume begabter Christen durchkreuzt, weil ein Posten einem weniger begabten Muslim gegeben wird. Und Verbrechen an Christen werden vor Gerichten oft weniger scharf geahndet, als wenn der Geschädigte ein Muslim ist. Wer ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kann viele solcher Geschichte hören, die vom Sand im Getriebe des christlich-muslimischen Miteinanders zeugen.

Lob von Merkel

Genau gegen diesen Sand will der herrschende Präsident, Abdel Fattah al-Sisi, nach eigenem Bekunden vorgehen. Bei jeder Gelegenheit spricht er davon, alles für die Gleichberechtigung der Christen in Ägypten tun zu wollen. Seit seinem Amtsantritt im Juni 2014 verfolgt er eine ausgesprochen christenfreundliche Politik. Er lässt sich, anders als seine Amtsvorgänger, jedes Jahr im Weihnachtsgottesdienst bei Papst Tawadros blicken, ruft Staatstrauer aus, wenn Kopten bei Anschlägen getötet werden, lässt zerstörte Kirchen aus Steuermitteln wiederaufbauen, hat zwei Christen zu Ministern in seine Regierung berufen und mittlerweile auch ein Gesetz vom Parlament verabschieden lassen, welches endlich den Bau von Kirchen regeln soll. Christenfreundlicher geht es nicht, könnte man meinen und entsprechend groß ist auch das Lob, das al-Sisi aus dem Ausland für diese Politik bekommt. Erst unlängst hat die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, vor ihrem Besuch in Ägypten Anfang März anerkennend festgestellt, dass die Christen am Nil „eine sehr gute Situation für die Ausübung ihrer Religion“ haben und seitens der Regierung dafür viel Unterstützung bekämen.

„Das ist alles nur Symbolpolitik, damit der Westen al-Sisi unterstützt“, sagt Ahmed K., ein muslimischer Anwalt, der für eine Menschenrechtsorganisation in Kairo arbeitet, allerdings nicht möchte, dass sein voller Name genannt wird. „Wenn al-Sisi es wirklich ernst mit der Gleichberechtigung meinen würde, dann müsste es auch Christen im militärischen Sicherheitsrat geben. Dort, und nicht in der Regierung, werden alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Die Posten im Machtzentrum sind aber alle an Muslime vergeben“, sagt K.

Auch der christliche Arzt Francis B., der zugibt, al-Sisi gewählt zu haben, glaubt nicht mehr, dass dem Präsidenten wirklich an der Gleichberechtigung der Christen gelegen ist. „Das ist reines Theater“, sagt der 46-Jährige, der in einem ländlichen Gebiet nördlich von Kairo arbeitet. „Das Kirchbaugesetz ist eine einzige Farce“, sagt er und verweist auf die vielen unklaren Formulierungen. So dürfe eine Kirche zwar gebaut werden, wenn die Gemeinde aus einer „angemessenen Zahl“ Christen bestehe. Wie viele das aber sind, könne jedes Mal neu festgelegt werden. „Unser Recht auf den Bau einer Kirche ist damit de facto ausgehebelt. Wir sind nach wie vor der Willkür irgendwelcher Behörden ausgeliefert“, sagt er. Besonders entrüstet ihn auch, dass mit dem Gesetz nun auch eine Kommission eingesetzt wurde, die darüber entscheiden soll, was mit den Kirchen passiert, die ohne offizielle Baugenehmigung gebaut wurden. Das seien etwa die Hälfte aller Kirchen in Ägypten. „In der Kommission sitzen neben dem Premierminister noch der Verteidigungs- und Finanzminister. Das ist eine Besetzung, als wolle man in den Krieg ziehen“, sagt Francis B. sarkastisch.

Ihm mache vielmehr Sorge, dass sich die ägyptische Gesellschaft zunehmend islamisiere. In den Dörfern, in denen er arbeite, gehe mittlerweile so gut wie keine Frau mehr ohne Gesichtsschleier aus dem Haus. Dieser Trend habe mit dem IS nicht viel zu tun. Vielmehr sei er auf eine konservative Auslegung des Islam zurückzuführen, die nach wie vor in vielen Moscheen gepredigt werde. Neben dem ultrakonservativen Frauenbild werde dabei der Islam noch immer als die beste aller Religionen bezeichnet. „Auch in den Schulbüchern steht nach wie vor der gleiche Mist, dass Christen Menschen zweiter Klasse seien“, sagt der Vater von zwei Söhnen. Wenn al-Sisi wirklich etwas für die Christen tun wolle, dann solle er für eine groß angelegte Bildungsreform eintreten.

Das ist leichter gefordert als umgesetzt. Vielleicht kann das Land am Nil diese Mammutaufgabe auch gar nicht alleine stemmen und ist dringend auf die Unterstützung des Auslands angewiesen.

Ägyptens größtes Problem ist eine extrem hohe Geburtenrate. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Bevölkerung nahezu verdoppelt und liegt nun bei fast 100 Millionen Einwohnern. Nötig sind aber nicht nur neue und bessere Schulen für die vielen Kinder. Die Analphabetenquote in der erwachsenen Bevölkerung liegt bei fast 40 Prozent. Wie kann man sie mit Ideen von Gleichberechtigung und Bürgerrechten erreichen? Hinzu kommt, dass Ägypten seit einigen Monaten in einer historischen Wirtschaftskrise steckt und für viele die existenzielle Frage nach dem täglichen Brot wichtiger ist als das Wissen über die eigene Identität und die anderer. Dabei ist Bildung der Schlüssel für ein friedliches, gleichberechtigtes und strapazierfähiges Miteinander von Christen und Muslimen - nicht nur in Ägypten.

Katja Dorothea Buck

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