Besinnung auf die Narrenrolle

Auch unter Protestanten gibt es eine geistliche Hierarchie mit Rangabzeichen
Braunschweiger Dom 2014: Gerhard Ulrich, der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, überreicht Landesbischof Christoph Meyns das Amtskreuz. Foto: epd/ Susanne Hübner
Braunschweiger Dom 2014: Gerhard Ulrich, der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, überreicht Landesbischof Christoph Meyns das Amtskreuz. Foto: epd/ Susanne Hübner
In der evangelischen Kirche sollte stärker als bisher deutlich werden, dass alle Getauften Priester sind, forderte Alexander Deeg, der an der Universität Leipzig Praktische Theologie lehrt, in zz 6/2017. Nun erinnert er an die Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“, in der Martin Luther die Nichtordinierten als Priester anredet. Dass evangelische Bischöfe ein Amtskreuz tragen, hält Deeg für einen „Irrweg“.

Im August 1520 erscheint die Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation. Von des christlichen Standes Besserung“. Darin redet Martin Luther die sogenannten Laien als Priester an. Denn jeder Getaufte ist für ihn mit der Taufe zum Priester, Bischof, Papst geweiht. Eine geistliche Hierarchie ist also undenkbar. Genau deshalb sieht der Reformator die Laien in der Verantwortung. Sie müssten eingreifen, nachdem die Geistlichkeit sich nicht zu einer Reform bewege und in dem Zirkel aus unbeweglicher Theologie und institutioneller Macht eingemauert bleibe.

Luther weiß um die Kühnheit, sich als kleiner Mönch und Dozent einer Provinzuniversität an den „Adel deutscher Nation“ zu wenden. Er schreibt: „Ich bin vielleicht meinem Gott und der Welt noch eine Torheit schuldig und habe mir jetzt vorgenommen, wenn mir’s gelingen mag, sie redlich zu zahlen und auch einmal Hofnarr zu werden.“

Bei den vielen Lutherbildern, die über die Jahrhunderte gezeichnet wurden, deutscher Held, Freiheitskämpfer, bürgerlicher Hausvater und vieles mehr, fehlt der Narr. Dabei entspricht er Luthers Selbstbeschreibung. Er schreibt: „Es hat wohl mehrmals ein Narr weise geredet …“, und er erinnert an Paulus, der sagt: „Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr…“ (1. Korinther 3,18). Die Rede vom allgemeinen Priestertum der Getauften, die der Reformator in der Adelsschrift erstmals entwickelt, ist allgemein bekannt. Aber was heißt es eigentlich, Priester zu sein?

Für Luther bedeutet das keine Auszeichnung oder gar ein Privileg, sondern die Aufgabe, innerhalb der Gemeinde, die damals mit der Gesellschaft identisch war, sein „Werk und Amt“ zu tun und so dem Ganzen zu dienen. „Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer – ein jeglicher hat seines Handwerks Amt und Werk, und doch sind alle gleichermaßen geweihte Priester und Bischöfe, und ein jeglicher soll mit seinem Amt oder Werk den andern nützlich und dienlich sein: damit so vielerlei Werke alle auf eine Gemeinde gerichtet sind, um Leib und Seele zu fördern, wie die Gliedmaßen des Körpers alle eins dem andern dienen.“ So wird, ist Luther überzeugt, in der Welt dem Evangelium gedient. In seiner Theologie ist alles darauf ausgerichtet, dass das Evangelium hörbar wird und Gottes befreiendes und bindendes, erlösendes und forderndes Wort das Seine tun kann. Zu keinem anderen Zweck ist auch die Kirche da: Sie lebt von und aus der Verkündigung des Evangeliums – vom ministerium, dem Dienst am Evangelium, nicht von den ministri, den Amtsträgern und der inneren Ordnung oder Organisation (so Luther im Jahr 1542).

Verschiedene Weisen

Priesterinnen und Priester dienen dem Evangelium – jede und jeder an ihrem und seinem Ort. Sie sind alle miteinander Verkündiger. Manche von ihnen sind als Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kreis der Priesterinnen und Priester von der Gemeinde beauftragt, das Wort öffentlich zu sagen, wie es dann 1530 das Augsburger Bekenntnis in Artikel xiv unterstreicht. Es meint damit nicht eine quantitativ bestimmbare Öffentlichkeit, sondern die Vollzüge, an denen die Kirche in besonderer Weise nach außen erkennbar wird.

Dass manche Pfarrer sind, aber alle Priester, bedeutet nicht, dass manche reden und die anderen nur schweigend aufnehmen, was gesagt wird. Es bedeutet nicht, dass die einen Anbieter des Evangeliums sind und die anderen Empfänger. Es bedeutet vielmehr, dass alle gemeinsam dem Evangelium dienen – nur auf unterschiedliche Weise und an verschiedenen Orten. Was das heißen kann, verstehen wir heute vielleicht wieder besser, in einer Welt, in der mancher jugendliche Blogger weit mehr Menschen erreicht als ein Pfarrer in der Kirche.

Alle sind Priester und verkündigen das Evangelium mit Worten und ihrem Leben. Das heißt aber auch mit Luther und Paulus: Alle tragen eine törichte Botschaft in diese Welt. Alle machen sich zum Narren, weil die Logiken dieser Welt mit einem Wort Gottes, das in einem Stall Mensch geworden ist, und mit einem Messias, der gekreuzigt wurde, nichts anfangen können. Wenn alle Priesterinnen und Priester sind, sonnen sie sich eben nicht alle im Licht der eigenen Bedeutsamkeit, sondern sind gefordert, in dieser Welt Narren zu sein, so wie Luther es 1520 wagte, sich zum Narren im Dienst des Evangeliums zu machen.

Sich in diesem Jahr an die Reformation zu erinnern, muss auch heißen, sich das allgemeine Narrentum der Getauften bewusst zu machen und eine Existenz zu leben, die zugleich geistlich und politisch, innerlich und weltlich ist. Das Evangelium gilt den Armen und sagt den Gefangenen, dass sie frei sein sollen. Es ist das Wort der Wahrheit, das in Zeiten von Lügen, „alternativen Fakten“ und fake news umso deutlicher gefordert ist.

Der wichtigste biblische Bezugspunkt für die Lehre vom Priestertum aller Getauften ist der Erste Petrusbrief. Dort werden die an Christus Glaubenden in den Gemeinden Kleinasiens als die „auserwählten Fremdlinge“ (1.Petrus 1,1) angeredet. Der kleinen und angefochtenen Gruppe wird gesagt: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht“ (2,9).

Es geht auch hier nicht um Amtsfragen, sondern um das Leben der Christenmenschen in der Welt und die Aufgabe, die alle haben, nämlich Verkündiger zu sein. Gesagt ist das Menschen um das Jahr 90 unserer Zeitrechnung, die sich als Christusgläubige in ihrem Umfeld fremd fühlen. Wie kann man in der Fremde leben? Das ist die Frage und Aufgabe, vor der nicht nur die Gemeindeleiter, die Ältesten, stehen. Sie gibt es auch für den Ersten Petrusbrief, trotz der Einsicht, dass alle Priester sind.

Das Gefühl, fremd zu sein, kann zu Rückzug und Isolation führen. Aber genau das ist für den Ersten Petrusbrief keine Option der Gemeinden. Sie haben vielmehr die „Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“ (1.Petrus 3,15), Auskunft zu geben.

Freilich sagt der Petrusbrief auch, die Christenmenschen sollen unter der staatlichen Obrigkeit ein ruhiges und stilles Leben führen und so keinen Anstoß geben. So kann man den Brief als ein repressives Dokument des späten ersten Jahrhunderts lesen – gerade im Hinblick auf Frauen und Sklaven. Aber man darf darüber nicht die Aussage vergessen, die der Brief auch enthält: Christenmenschen sind voller Hoffnung und stiften schon deshalb Unruhe. Sie leben ein Leben jenseits der Sorge: „All eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch“ (1.Petrus 5,7). Sie fallen auf, weil sie handeln, wie Jesus es in der Bergpredigt fordert: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem …, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt“ (1.Petrus 3,9).

Und was heißt es heute, das allgemeine Priestertum zu leben? Viele leitende Geistliche der evangelischen Kirchen tragen ein Brustkreuz, wenn sie einen bestimmten Platz in der geistlichen Hierarchie und der kirchlich-beamtenrechtlichen Besoldung erreicht haben. Je wichtiger jemand ist, desto größer, schwerer und teurer ist in der Regel das Amtskreuz. Das Kreuz wird also zu einem innerkirchlich-hierarchischen Rangabzeichen.

Der Ursprung des Amtskreuzes liegt im Mittelalter. Römisch-katholische Bischöfe begannen ein Brustkreuz zu tragen – nicht einfach als Teil der liturgischen Kleidung, sondern als Amtszeichen. Auch wenn die Geschichte des Amtskreuzes noch nicht geschrieben ist, ist es meines Erachtens evident, dass es im 16. Jahrhundert in evangelischen Kirchen abgeschafft und dann lange nicht mehr getragen wurde.

Den ersten Beleg für die Wiedereinführung habe ich im frühen 19. Jahrhundert gefunden. Der preußische König Friedrich Wilhelm iii. zeichnete 1826 einige General-Superintendenten mit dem Titel „Bischof“ aus. So sollte das Ansehen der evangelischen Geistlichen gegenüber ihren römisch-katholischen Kollegen gehoben werden, ein Anliegen, das auch aus manchen innerevangelischen Diskussionen der vergangenen Jahrzehnte bekannt ist. Bestimmt wurde auch, dass der Talar und das Barett eines evangelischen Bischofs aus schwerem seidenem Stoff bestehen sollen und er zusätzlich ein Brustkreuz aus Gold tragen soll. Der Erfolg scheint eher gering gewesen zu sein, so dass nach den Bischofsernennungen in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts keine weiteren mehr erfolgten.

Dass das Kreuz, das Symbol radikaler Niedrigkeit, als Rangabzeichen dient, ist ein Irrweg, den man – nicht nur aufgrund einer kritischen Relektüre von Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum – verlassen sollte. Oder man sollte allen Getauften als Priesterinnen und Priestern bei der Taufe ein Umhängekreuz schenken. Und das dürfte nicht kleiner sein, als das Amtskreuz eines Landesbischofs.

Mehr Papst Franziskus

Wenn alle ein Amtskreuz trügen, wären sie gemeinsam erkennbar als das, was sie sind: Priesterinnen und Priester und daher Närrinnen und Narren in dieser Welt. Gerade wo Christenmenschen die Abläufe unterbrechen und hinterfragen, sind sie Licht der Welt und Salz der Erde.

Auf kirchenleitender Ebene hieße das wohl: ein wenig mehr Papst Franziskus und etwas weniger staatstragende und Werte stabilisierende evangelische Gesinnung. Und darüber hinaus: Sollte ausgerechnet der Bischof von Rom deutlicher als mancher evangelische Geistliche vorleben, was allgemeines Priestertum bedeutet? Nach seiner Wahl betrat er die Loggia des Petersdomes, grüßte mit Guten Abend, Buona sera, und forderte die Umstehenden auf, für ihn zu beten. Er selbst, der nun ein Amt bekleidete, das Generationen als pontifex maximus bezeichnet haben, kniete im Gebet nieder und vereinigte sich mit dem Gebet der anderen. Welcher Akt könnte priesterlicher sein als der, im Gebet für andere vor Gott einzutreten? Mit der schlichten Aktion zu Beginn seiner Tätigkeit als Bischof von Rom (wie er sich selbst bescheiden nennt) machte Franziskus die anderen mit der Bitte um Fürbitte für ihn zu Priesterinnen und Priestern.

Dazu gehört auch die schöne Legende, dass Franziskus unwirsch reagiert haben soll, als man ihm nach seiner Wahl die Mozetta, den Schulterumhang aus rotem Samt, umlegen wollte. Und als ihm der päpstliche Zeremonienmeister Guido Marini auch noch die roten Schuhe reichte, soll er gesagt haben: „Das können Sie anziehen, der Karneval ist vorbei.“

In einem Interview, das er vor vier Jahren der Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica gab, sagte Franziskus: „Prophet zu sein, bedeutet manchmal, laut zu sein – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Die Prophetie macht Lärm, Krach – manche meinen ‚Zirkus‘. Aber in Wirklichkeit ist es ihr Charisma, Sauerteig zu sein […].“

Genau dies gilt für die Priesterinnen und Priester, die Gemeinschaft der Getauften. Wenn die Reformationsfeiern dieses Jahres zu Ende sind, haben wir noch drei Jahre Zeit, um dann Luthers Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ zu feien und damit 500 Jahre Allgemeines Priestertum. Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann forderte vor vier Jahren, diese Lutherschrift in den Mittelpunkt zu rücken und als eigentliche „kopernikanische Wende“ zu begreifen, nicht den fragwürdigen Thesenanschlag am 31. Oktober 1517. Wer weiß: Vielleicht gelingt es ja, die Dynamik, die in der Lehre vom allgemeinen Priestertum steckt, neu zu entdecken und in der evangelischen Kirche gemeinsam zu Narren zu werden.

Alexander Deeg

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