Bedeutsam

Versinken in der Demenz
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Sensibel, teils wie beiläufig, mit aufmerksamen Einzelbeobachtungen erzählt die Autorin das allmähliche Versinken in der Demenz.

Bis auf den Titel ist nichts kitschverdächtig an dieser „Geschichte einer langen Liebe“, wie es im Untertitel heißt. Literarisch gekonnt werden zehn Jahre einer Ehe erzählt, in die die Goldene Hochzeit eines Paares fällt und die mit einem Herbstnachmittag in einem christlichen Pflegeheim endet. Dort lebt Ida Wächter seit einiger Zeit, da sie an Demenz erkrankt ist und Ehemann Ole sie nicht mehr pflegen und vor Unfällen bewahren kann. Der Roman spielt im Weimar der Gegenwart; Ole und Ida sind DDR-sozialisiert; für das evangelische Pflegeheim hat Ole sich entschieden, weil es der gemeinsamen Wohnung direkt gegenüber liegt.

Als das spätnachmittägliche Singen mit der Strophe „So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder“ beschlossen wird, ist Ole „nicht der Einzige, der erst die letzten Worte wieder mit-singt“. Die meisten Heimbewohner und ihre Angehörigen wissen mit „in Gottes Namen“ nichts anzufangen. Angesichts der religiösen Stummheit in großen Teilen Ostdeutschlands zeugt der Titel des Romans vom Stilbewusstsein und von der Kenntnis der 1976 in Leipzig geborenen Autorin. Ein Lied, das im Pflegeheim gesungen wird, beginnt mit dem Satz „Herr, bleibe bei uns“. Das „bleib bei mir“ des Titels richtet sich an den geliebten Ehemann.

1953 haben Ida und Ole geheiratet. Im Jahr zuvor hatten sich beide freiwillig zur Kasernierten Volkspolizei gemeldet, der Vorläuferin der Nationalen Volksarmee der DDR, erzählt Ida den Enkeln. Auf deren Nachfragen fährt sie fort: „Pazifismus war damals, nach dem Krieg, gar keine passende Kategorie.“ Ida und Ole sind nicht aus Karrieregründen, sondern aus Überzeugung in die SED eingetreten. Auch nach 1990 sind sie in der Partei geblieben und arbeiten bei den Linken mit. Als Ida für ihre langjährige Parteimitgliedschaft gewürdigt wird, empfindet sie „Genugtuung, nicht von den weltanschaulich-politischen Grundüberzeugungen abgefallen zu sein“. Einer der wenigen Punkte, die Ida und Ole bereuen, ist, dass sie ihren „Söhnen zu so langer Armeezeit geraten haben“.

Das Verhalten alter SED-Mitglieder wird sehr überzeugend gezeigt. Unbefriedigend bleibt, dass die Autorin diese Haltung nicht hinterfragt. Sensibel, teils wie beiläufig, mit aufmerksamen Einzelbeobachtungen erzählt sie das Kraftloserwerden der Eheleute und Idas allmähliches Versinken in der Demenz. Den größten Teil des Buches bilden Idas tagebuchähnliche Aufzeichnungen. Für Kinder und Enkel schreibt sie ihre Lebenserinnerungen auf. Mit zunehmender geistiger Einengung zweifelt sie gelegentlich am Sinn dieser Arbeit. Immer kürzer werden die Einträge, zum Schluss finden sich Verschreib- und orthografische Fehler. Als Ida nicht mehr schreiben kann, führt Ole das Tagebuch weiter. Daneben stehen von Anfang an, typografisch abgehoben, erzählte Passagen, weniger als Korrektiv, mehr als Ergänzung.

Das Buch beginnt damit, dass sich Ida und Ole eine Wohnung ohne beschwerliches Treppensteigen suchen. Noch fühlen sie sich nicht alt. Gegen die neue Wohnung hat Ida allerdings einen Einwand: im unmittelbar daneben liegenden Krankenhaus ist ihre Mutter gestorben. In einer Abteilung dieses Krankenhauses wird sie später selbst leben. So enthält das gesamte Buch vollkommen unaufdringlich Verweise auf Zukünftiges und erhält eine große Dichte. Aber das wirklich Bedeutende ist die behutsame, alle Lebensbereiche einschließende, niemals denunzierende künstlerische Gestaltung des Hinfälligwerdens und der bis zum Schluss lebendigen Liebe. Ole resümiert: „Ich soll mehr loslassen, sagt die Pflegedienstleiterin. Tja, hat sie eine 57-jährige Ehe geführt? Gar zu sehr loslassen würde mir den Garaus machen.“

Jürgen Israel

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