Wahre Begebenheiten

Neues von Käptn Peng
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Es geht um Innen und Außen, Liebe, Seele, Spaß und Lebensrätsel, um kalte Dogmen und Verbote und den Widerstand.

Robert Gwisdek kann man als Schauspieler kennen, ihn jedoch auch als Rapper schätzen, sehr sogar. Er nennt sich dann Käptn Peng und ist ein Verseschmied, der die Maultiere philosophisch verdichtet bepackt und auf ungewohnten Saumpfaden mit Witz, flotten Wortkaskaden und Metaphern über hohe Pässe ins Nachdenkliche führt. Das dialogische Reimen gefällt bei diesem Hip-Hop besonders gut, in Meister und Idiot etwa: „Ähm, warte kurz, das heißt, du hast mich nur erfunden?“/Korrekt. -„Als ein Bild für all die ungeheilten Wunden, die im dunklen Keller deiner Psyche nach den Stufen suchen?“/Du hast mich gerufen, hör besser auf mich zu verfluchen./„Dieses Verhalten ist doch gespalten!“ - Ich will mich nur unterhalten/denn im Formulieren des Problems ist die Lösung schon enthalten/„Ich versteh dich nicht“ - Doch, tust du und du weißt es/„Ich begreife einfach nicht, wie der Kram gemeint ist“/Es ist nur ein Gleichnis. „Ein Gleichnis? Beweis es!“/Ein Gleichnis ist nicht zu beweisen - „Aber was heißt es?“/Mann, es ist wie ein Blinder, der zeichnet/„Das ist doch paradox!“ - Aber ein Gleichnis beschreibt es/„Ah, toll, und was soll die Sache bringen?“/„Es soll das kalte Herz, das in uns schlägt, zum Lachen zwingen.“

Es geht um Innen und Außen, Liebe, Seele, Spaß und Lebensrätsel, um kalte Dogmen und Verbote und den Widerstand. Die Formen, die er dafür findet, sind eine ganz eigene Reimgalaxie und musikalisch aufgespannt zwischen scheppernder Raga-Bude, dramatisiertem Prog-Rock, Hardcore-Shouting oder Swing à la Woody Allen, jeweils eingebettet in stabiles Hip-Hop-Wiegen. Dafür, dass es läuft, wunderbar groovt, greift und, wo nötig, scheppert, sorgen Die Tentakel von Delphi, vier Film- und Theatermusiker und Schlagwerker, die ihre Sounds auch gerne mal Haushaltsgeräten oder Betonmischern abgewinnen. Das nullte Kapitel ist bereits ihre zweite Platte mit Käptn Peng.

Peng wiederum sorgte erstmals 2012 als Rapper für Furore. Damals gaben er und sein beat-tüftelnder Bruder Shaban, auch er ein Tentakel-Mitglied, mit "Die Zähmung der Hydra" ihr Plattendebut (darauf enthalten der unvergessliche Song Sie mögen sich). Das nullte Kapitel ist nun erneut schriller Dada-Zirkus, einfühlsame Introspektion und grandios abendfüllendes Vaudevile-Theater in einem, das der Titeltrack als mythisches Hörspiel mit deutlichem Jona-Seitenhieb eröffnet: „Das Peng gebar sich selbst im Dichterdarm des Wörterwals, tanzte durch die Blutbahn, kroch voran zum Auge, nahm allen Mut zusammen und sonderte sich als Träne ab, um mit dem Ozean zu verschmelzen.“ Alles fließt, ist elegant und überraschend, verspielt und ernst, Worte toben wie quirlige Welpen und schlafen dann selig ineinander verknotet ein. Ein Album, das tänzelnd schlau ins Blaue marschiert, mit nahrhaft unterhaltsamer Lyrik über Gott und die Welt fasziniert und jene mit einem grandiosen Song über die Zahl Pi doch tatsächlich noch runder macht.

Udo Feist

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