Sprengkraft

Über den Gottesdienst
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Dieses Buch ist nicht als praktisch-theologisches Handbuch gedacht, sondern will mit seinen Lesern eine Sehnsucht artikulieren.

Der Liturgiewissenschaftler und Dichter Christian Lehnert beobachtet bei den westlichen Kirchen „Implosion“ und Unfähigkeit, dem gesellschaftlichen Außendruck standzuhalten. Dabei leitet ihn keine frömmelnde Freude über das „Gesundschrumpfen“ der Kirchen(n), sondern das Vertrauen auf den Kern des christlichen Glaubens und Lebens, der als der „Gott in einer Nuß“ nicht verlorengehen kann.

Auf zweiundachtzig Blättern schreibt Lehnert nicht über Kult und Gebet, sondern von beiden. Er stellt sich hinein in den überlieferten Ablauf, in den „Fluss“ des Messgottesdienstes, vom Introitus bis zum Agnus Dei. Dabei erinnert er sich an seine Zeit im Pfarramt, an verstörende wie erhellende persönliche Begegnungen, schildert Traumvisionen und reflektiert die erschließende Kraft des Kultes.

Mit der von ihm gewählten literarischen Form des Essays verwahrt er sich vor den Zumutungen systematischer Geschlossenheit, begrifflicher Eindeutigkeit und zeitloser Wahrheiten.

Lehnert zielt vielmehr auf das Wahrwerden des christlichen Glaubens und seiner Inhalte im aktuellen Vollzug des Gottesdienstes, er zielt auf den Menschen, der erst beim Beten zum Beter „gewandelt“ wird.

In solcher prozessualen Hermeneutik gewinnen auch und gerade die gottesdienstlichen Lesungen ihr Profil, wie es Lehnert dann an Jesu Predigt in Nazareth (Lukas 4, 14-29) zeigt: Mit seinen Worten „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren“ wird Jesus „aus dem Text heraus wirklich, er geschieht“. Es spricht für Lehnerts hohe theologische Kompetenz, wenn er in diesem Zusammenhang auf die Literarisierung des Gottesbegriffs bei Johann Georg Hamann (1730-1788) verweist.

Die Lesungen der Texte sind wegen der Möglichkeit des Präsentwerdens Gottes in ihnen keine Fremdkörper, sondern hervorragende Momente im energetischen Zusammenhang der Gottesdienstliturgie. Weshalb sie auch in ihrer Sperrigkeit und Fremdheit gerade nicht auf das Niveau leichter Verständlichkeit einzuebnen sind.

Mit ihrem Streben nach Verständlichkeit ihres liturgischen und homiletischen Tuns sieht Lehnert die Kirche ohnehin auf der schiefen Bahn einer Anpassung an den kommunikativen Konsens in der Gesellschaft. Gottesdienstliches Handeln sollte aber ins Mysterium führen und sich nicht auf Mitteilung und Gemeinschaftserlebnis reduzieren lassen. Der Bedeutungsverlust der Kirche(n) liege schließlich nicht nur am religiösen Desinteresse westlicher Konkurrenzgesellschaften, sondern auch an den Kirchen selbst, die mit der Reduktion ihrer Inhalte gesellschaftlichen Imperativen gehorchen.

Gott sei Dank formuliert Lehnert diese Gedanken aber nicht als Vorwurf. Er verleugnet auch nicht seine Solidarität mit der Kirche und vermeidet jede Anweisung, wie es besser gemacht werden könnte.

Denn der Gottesdienst kann an keiner Stelle „gemacht“ werden. Die Liturgie ist lediglich das „Gefäß“, in das der Geist fließen muss, damit die „transzendente Wandlung“ geschieht und die Gemeinde schließlich beim Sanctus einstimmt in den Gesang der Seraphim: „Heilig, heilig, heilig.“ Hier hilft keine Reduzierung der Schwellenangst, hier wird der Gemeinde der „Zustand der Auslöschung“ zugemutet, und „ausgebrannt sind die Identiäten“.

So überrascht es nicht, wenn dieses Buch nicht als praktisch-theologisches Handbuch gedacht ist, sondern mit seinen Lesern die Sehnsucht artikulieren will, „der Gott in der Nuß“ möge endlich wieder die Schale aufsprengen, die ihn von den Menschen trennt. Doch es gilt auch Vorsicht vor der Sprengkraft, denn dieser Gott ist „zu viel für uns“.

Endlich wieder ein Buch, das den christlichen Gottesdienst nicht mehr vor den Richterstuhl des Konsenses stellt, sondern auf die Höhe des religionswissenschaftlichen Diskurses bringt.

Friedrich Seven

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