Wege in die Zukunft

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für April und Mai stammen von Sabine Dressler. Sie ist Ökumenereferentin des Reformierten Bundes in Hannover.

Lektion gelernt

KARFREITAG, 14. APRIL

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an die Brust und kehrten wieder um. (Lukas 23,48)

Zu Beginn stehen sie da und schauen zu. Erst am Ende werden sie sehen. Wenn auch noch nicht die ganze Wahrheit - dass dieser Gekreuzigte nicht nur ein Gerechter ist, wie der römische Hauptmann bekennt, sondern der Gerechte, den Gott in die Welt gesandt hat. Der seinen Vater angesichts dessen, was jetzt geschehen wird und wozu Menschen fähig sind, um Vergebung bittet.

Dazwischen liegt das brutale öffentliche Schauspiel und seine Inszenierung, von der Folterung bis zum Tode der Verurteilten. Dazwischen liegt die Verhöhnung des Todeskandidaten Jesus durch die Handlanger des Regimes mit Worten und sich steigernder Gewalt. Dazwischen liegen die Lästerung durch den einen Mitverurteilten und das Bekenntnis zu Gott durch den anderen, samt Jesu Beharrlichkeit, auch noch in diesem Augenblick für andere einzutreten und sie zu retten, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Dann erlischt alles Licht, als käme die Welt an ihr Ende, als trüge der Schöpfer der Welt selbst Trauer. Ist das der Moment, in dem den Gaffern dämmert, wer da umgebracht worden ist? Wen sie in ihrer Ignoranz verachtet und verspottet haben, an wessen Marterung sie sich gerade ergötzt haben?

Die Schaulustigen, die sich nun an die Brust schlagen und damit ihrer Erschütterung Ausdruck geben. Die als Zuschauer zur Kreuzigung gekommen waren und als Zeugen der Tötung von Gottes Sohn von der Schädelstätte zurückkehren werden in eine Welt, von der mancher ahnen mag, dass sie nicht mehr dieselbe ist wie noch ein paar Stunden zuvor?

Einige von denen, die zunächst by-stander sind, die nichts tun, außer zuzuschauen und Gewalt geschehen zu lassen, werden vielleicht zu denen werden, die beim nächsten Mal eingreifen, wenn Menschen Unrecht angetan wird, wo jemand entwürdigt und gequält wird.

Weil das Ende der Welt nicht das Ende bleibt, können aus solchen Leuten Zeugen werden, die denen zu Hilfe eilen, die sich nicht selbst helfen können und für die Jesus Christus mit seinem Leben und Sterben einsteht.

Flügel bekommen

OSTERSONNTAG, 16. APRIL

Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. (Matthäus 28,8)

Wenn Gott in die Welt kommt, liegen Furcht und Freude dicht beieinander. Wie kann es auch anders sein, wenn Menschen dem Heiligen begegnen? Wir sind davon erfüllt, dass wahr wird, worauf wir gehofft, worum wir gebetet und was wir gegen alle Realität geglaubt haben: dass wir nicht allein und auf uns gestellt sind und die bitteren Erfahrungen von Leid und Tod nicht das Leben bestimmen werden. Wen sollte da nicht Furcht und Freude gleichermaßen überfallen?

Die ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu am Ostermorgen, die Frauen am leeren Grab, haben einiges gemeinsam mit den ersten Zeugen der Geburt Jesu, den Hirten in der Nacht auf den Feldern von Bethlehem: Es sind die Kümmerer, Menschen, die sich zur Aufgabe machen, zu schützen und zu umsorgen, wo es nötig ist. Ihnen nehmen Gottes Engel die Angst: „Fürchtet euch nicht!“ Die Botschafter des Himmels weisen Wege in die Zukunft: weg von der Herrschaft des Unrechts, wie der eines Herodes in der Weihnachtsgeschichte, und an Ostern weg von den Gräbern, heraus aus der Aussichtslosigkeit und der Trauer, hin zu einem neuen Leben, das weiter reicht als der Tod.

Und trotz ihres Erschreckens über das, was geschieht, dass ausgerechnet sie zu Zeugen der göttlichen Ankunft und Wiederkunft in der Welt werden, ja, dass sie unmittelbar die Nähe Christi erfahren, stellen sie sich jene Kümmerer auch der neuen Aufgabe. Ihre große Freude wird ihnen dabei Flügel verleihen: dann nämlich, wenn sie die Beine in die Hand nehmen und aller Welt davon berichten, dass Gott nicht nur war, sondern ist und bleibt und den Menschen vorausgeht, für jetzt und für immer.

Gesten erkannt

QUASIMODOGENITI, 23. APRIL

Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. (Johannes 21,12)

Das Leben besteht zu einem nicht geringem Anteil aus Wiederholungen. Eingeübte Abläufe und ritualisierte Handlungen sind schließlich wichtig, damit wir einigermaßen sicher durch den Alltag kommen. Ständig neu zu Erlernendes kann dagegen andauernden Stress und schließlich auch Überforderung bedeuten.

In der nachösterlichen Erzählung des Johannes werden allerdings zwei verschiedene Arten von Wiederholung dargestellt: Die eine beschreibt das, was die Jünger tun, nachdem Jesus nicht mehr bei ihnen ist - zumindest nicht wie gewohnt. Weil sie nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht, kehren die Jünger in ihren alten Beruf zurück und damit auch in ihr altes Leben. Sie gehen fischen. Sie tun das, was sie von jeher kennen, wo jeder Handgriff sitzt, trotz einer längeren Unterbrechung.

Dass sie dabei nichts fangen, ist allerdings keine Überraschung. Denn das Leben von ehedem ist längst nicht mehr das richtige für die Jünger Jesu. So führt die Wiederholung, die Wiederaufnahme der gewohnten Tätigkeit ins Leere. Vermutlich wissen die Jünger das selbst. Aber wer kann sich das in solcher Lage schon eingestehen?

Mit der Rückkehr des auferstandenen Jesus kommt es dann zu einer anderen Art der Wiederholung: Auch hier geht es zunächst um das Fischen - allerdings nach Jesu Anleitung, die schließlich zu vollen Netzen führt. Und die Jünger erinnern sich an die erste Begegnung mit Jesus, die sehr ähnlich gewesen war. Später erlebten sie, dass in seiner Nähe - unabhängig davon, ob sie einen großen Fang machten oder nur zwei Fische aufzubieten hatten - alle satt wurden, die sich um den Tisch versammelten.

So auch jetzt, am Kohlenfeuer mit Brot und Fisch: Es sind die vertrauten Worte und die Gesten, mit denen Jesus zum Essen einlädt, die sie wieder gewiss machen, wer bei ihnen ist. Es ist seine, in diesem einfachen Mahl erfahrene Gegenwart, die sie stark macht für die ungesicherte, aber jetzt angenommene Zukunft.

Recht bekommen

MISERIKORDIAS DOMINI, 30. APRIL

Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (Hesekiel 34,2)

Der Prophet Hesekiel redet Klartext. Er schont weder sich selbst noch andere, wenn es darum geht, was nach Gottes Willen dran ist, was in Religion und Politik verändert werden muss.

Jetzt geht es um das Hirtenamt und damit die Amtsausübung der Regierenden. Was der Prophet erlebt, ist offenbar weit von einer Herrschaft entfernt, die dem Wohl des Volkes dient. Seine Wehrufe über treulose Hirten, deren Führungsstil sich hauptsächlich nach eigenen Interessen richtet, der sich der Vetternwirtschaft verschrieben hat und dem Machterhalt der sie umgebenden Clique, sind dementsprechend unmissverständlich: „Wehe euch!“

In Zeiten von Wahlen können He-sekiels Richtlinien für gute Hirten von allgemeinem Interesse sein. Des Propheten Tenor: Wer nicht - und zwar zuerst! - die Bedürfnisse der Schwächsten im Blick hat, ist es nicht wert, das Volk zu regieren. Wer nicht dafür sorgt, dass die Herde in all ihrer Verschiedenheit beieinanderbleibt und als Gemeinschaft von Schwachen und Starken leben kann, sondern dafür sorgt, dass sie auseinanderfällt, ist seines Amtes und den damit verbundenen Aufgaben weder fähig noch würdig. Dann muss und wird Gott selbst einschreiten und solche eigennützigen, korrupten und machtversessenen Führungspersonen kurzerhand ihres Amtes entheben.

Im Bekenntnis von Belhar hat die Vereinigte Evangelisch-Reformierte Kirche in Südafrika 1986 erklärt, dass Gott „sein Volk anleitet, Gutes zu tun und fu?r das Recht zu streiten“ und „dass die Kirche darum Menschen in allem Leid und jeder Not beistehen muss, was auch bedeutet, dass sie gegen jede Form von Ungerechtigkeit Zeugnis ablegen und streiten muss“. Das ist ganz im Sinne Hesekiels.

Fragen geklärt

JUBILATE, 7. MAI

Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden... An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen. (Johannes 16,20+23)

Im Angesicht des Dreißigjährigen Krieges und seiner Verheerungen dichtete Paul Gerhardt in seinem Osterlied: „Die Welt ist mir ein Lachen, mit ihrem großen Zorn; sie zürnt und kann nichts machen, all Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht, das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick.“

Der Dichter lacht - mit dem Auferstandenen - allem Schrecken und dem Tod ins Gesicht. Wenn das tatsächlich so war, dürfte es sich um den gequälten Versuch eines Lächelns gehandelt haben, angesichts des Leides, das Gerhardt und seine Familie erfuhr, und der Verheerung Deutschlands, die der Krieg mit sich brachte. Aber Paul Gerhardt nimmt die Verwandlung vom Tod zum neuen Leben als gegeben, er setzt die Befreiung zur Freude nicht nur voraus, sondern nimmt sie schon vorweg - mitten in der Not.

Traumatische Erfahrungen, die Menschen erleiden, verschwinden nicht aufgrund der Annahme, dass die Zeit alle Wunden heilt. Das Gegenhalten, das trotzige Dennoch, die erklärte Umkehrung von Unglück in Glück, kann eine Hilfe zum Weiterleben sein. Aber vielleicht ist sie aber auch mehr: Die Erfahrung, dass Trauer veränderbar ist und viele Facetten hat. Und auch, dass der Wechsel von Traurigkeit zu Freude keineswegs nur in einer zeitlichen Abfolge zu verstehen ist.

Wenn Jesus seine Jünger auf den Abschied von ihm vorbereitet, will er ihnen auch dies ins Gedächtnis und Herz schreiben: Freude ist nicht nur denen mit einem scheinbar unbeschwerten Leben beschieden. Ja, alle Fragen, die die Jünger umtreiben, sind geklärt, wenn sie erleben, dass ihr Weinen sich in Jubel verwandelt.

Sabine Dressler

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