Begeisternd

Holly Macve: Golden Eagle
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Eine seelenvolle Hochzeit der Elemente und dazu countrygetaufte Musik zum Sich-verlieren und -wiederfinden.

Parental Advisory Explicit Content, elterlicher Draufsicht Empfohlenes, wie oft bei HipHop, gibt es hier definitiv nicht, statt dessen Irisieren von Abschied, Tod und Verlust, Verfehlen und bittersüßem Schmerz. Per aspera ad astra, sagen die Lateiner - durch Widriges zu den Sternen, wobei der Spruch verdeckt, dass Weg und Ziel meist eher ineinander liegen als hintereinander. Genau dies einzufangen schaffen dafür manche Songs. Leidenschaft, Zweifel, Mut und was da sonst an Sisyphos-Parcours ist, umfassen sie ganz.

Gleich zehn solcher Songs gelingen der erst 21-jährigen Holly Macve auf ihrem wundervollen Debut „Golden Eagle“. Wichtigstes Instrument ist ihre Stimme. Eindringlich, erdenschwer, glockenhell, so somnambul wie klar, die Töne fast taumelnd verschliffen, Garantie für eine Gänsehaut. Sie klingt waldbodendampfend, dennoch ätherisch, oder kommt wie ein fernes Echo dunkler Wasser daher: Eine seelenvolle Hochzeit der Elemente und dazu countrygetaufte Musik zum Sich-verlieren und -wiederfinden. Da fragt man vielleicht, woher sie diese Intensität nimmt. Ein Ressentiment, natürlich. Warum sollten junge Menschen nicht so tief blicken und klingen können? Verweise auf Rimbaud & Co. erübrigen sich. Trotzdem ist die Überlegung spannend, wie sie erst klingen mag, wenn das Leben noch tiefere Wunden schlägt. Es kann gut sein, dass es in Richtung der von Whisky und Männerkummer abgeschmirgelten Stimme einer Lucinda Williams geht. Derzeit klingt Macve vor allem schön und weckt Assoziationen an weitere große Sängerinnen - an die Intensität einer Grace Slick (Jefferson Airplane) etwa und besonders bei ihren klavierbegleiteten Kunstliedern auch an Anja Plaschg (Soap & Skin). Mitunter spielt sie mit dem Schillern zwischen Mädchenhaftem und abgeklärter Honkytonk-Frau. Country jedenfalls mag sie und gewinnt ihm das Beste ab. Doch erst im Heartbreak Blues, dem dritten Song, ist erstmals die Pedal Steel zu hören. Der schleifende Gesang, der berauschend hypnotisch auch Höhensprünge verbindet, streift hier am Rand von Westernjodeln.

Geboren wurde Holly Macve in Galway in Irland, aber in Yorkshire in England wuchs sie auf. Ihr Großvater war klassischer Komponist (seinem Tod gilt der Titelsong), Bob Dylan begegnete ihr in der Plattensammlung der Mutter. Leonard Cohen, Johnny Cash und Gillian Welch entdeckte sie später. Einflüsse, die man in den Kompositionen, der Erzählhaltung, an ihrer Vorliebe für ernste Stoffe und lyrische Bilder spürt. Holly Macve macht daraus überzeugend ganz ihr Eigenes. Eine schöne junge Frau, die irritierend zeitlos, also frappierend gegenwärtig klingt und von der wir mehr hören wollen. Ihr Debut schließt mit Sycamore Tree und der emblematischen Zeile: Tell me two bittersweet the world can be. Große Empfehlung.

Udo Feist

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