Lesegewinn

Reformation und Druckereiwesen
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Pettegree erklärt, wie sich das rückständige Wittenberg zu einer blühenden Druckereistadt entwickeln konnte.

Die Marke Luther soll keine weitere Lutherbiographie sein. Der Autor, Professor für Moderne Geschichte an der Universität Saint Andrews (Schottland) und Gründungsdirektor des St. Andrews Reformation Studies Institute, will vielmehr beschreiben, wie unter den Bedingungen der Kommunikation vor 500 Jahren der Thesenanschlag den Augustinermönch innerhalb weniger Jahre zum bekanntesten Europäer machte und wie die Reformation zu einer geistigen, kulturellen und politischen Revolution wurde. Andrew Pettegree verbindet in seiner Darstellung zwei Forschungsschwerpunkte: die Reformationsgeschichte und die Geschichte des Druckereiwesens. Er nennt die lutherische Reformation nicht nur eine theologische, sondern auch eine kommerzielle Revolution. Dabei weist er schon zu Beginn seiner Untersuchung auf einen besonderen biographischen Umstand hin. Luther hatte sich in seinen Erinnerungen als Sohn eines armen Bergmanns bezeichnet, und dieses Bild ist auch in die Überlieferung eingegangen. In Wirklichkeit aber stammte Martin Luther aus einer eher wohlhabenden Familie. Das bestätigen jüngere Forschungen, die zum Beispiel auch der Historiker Heinz Schilling in seine Lutherbiographie aufnimmt. Der Vater Martin Luthers betrieb Kupfer-Bergwerke und -Hütten. Pettegree zeigt, dass Luther zur Sparsamkeit erzogen wurde. Sein Vater habe trotz guter Geschäfte auch immer neue Kredite gebraucht. Diese Herkunft habe Luther geprägt. Er sei mit Chancen und wirtschaftlichen Risiken des Bergbaus vertraut gewesen, die in vergleichbarer Weise auch das Druckereiwesen kennzeichneten. Daher habe Luther die Entwicklung des Druckgewerbes in Wittenberg, und dann auch in fast ganz Europa, verstehen und beeinflussen können. Luther habe mit Gespür für gutes Druckhandwerk beim Druck seiner Werke und der zahlreichen Flugschriften viel Zeit in Druckereien verbracht - und zwar als ein Mann der Praxis. Wie Luther Einfluss nahm, zeigt Pettegree anhand der Briefe, die dieser während seiner gelegentlichen Abwesenheiten von Wittenberg an die Druckereien gesandt hatte.

Pettegree erklärt, wie sich das rückständige Wittenberg zu einer blühenden Druckereistadt entwickeln konnte. Dabei wusste Luther Menschen zu nutzen, die zu entsprechenden Investitionen bereit waren. Vor allem schildert der Autor die Rolle von Lukas Cranach d. Ä. Dieser, als einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit, habe auch in Druckereien investiert und dafür gesorgt, dass gute Drucker in Wittenberg siedelten. Dazu vermochte Cranach Bücher, Plakate und Flugschriften mit seinen Holzschnitten so typisch zu gestalten, dass Luther zu einer Marke wurde, die aufgrund ihrer Erkennbarkeit im deutschsprachigen Raum bald Auflagen in bisher unbekannter Höhe erreichte. Das allerdings war, das stellt der Autor dar, nicht nur ein Ergebnis geschickten Marketings. Auch waren es nicht allein die kunstvollen Drucke. Es war auch der Schreibstil Martin Luthers, der ihn zum meistgelesenen Autor seiner Zeit machte. Mit seiner 1518 veröffentlichten deutschen Predigt gegen den Ablasshandel veränderte sich die Welt. Nicht die 95 Thesen, sondern diese Predigt war in der Sprache der einfachen Menschen verfasst. Luther war in aller Munde, nachdem zuvor theologische Argumente nur bei interessierten Wissenschaftlern Gehör gefunden hatten.

Ausdrücklich betont der Autor, dass Luther für seine Schriften keine Honorare erhielt. Er überließ seine Texte unterschiedlichen Druckereien zum Druck, damit sie allesamt ihr Auskommen hatten. Auch gestattete er Druckereien in Leipzig, Straßburg, Nürnberg, Nachdrucke anzufertigen. Er war daran interessiert, dass seine Schriften verbreitet wurden.

Luther wusste um seine Bedeutung für seine Sache, aber er hielt sich für nicht mehr als ein bescheidenes Werkzeug Gottes. Es war nicht allein das Marketing um die „Marke Luther“, es war auch nicht die hohe Qualität der Drucke, - hier sind vor allem die Bibeldrucke zu nennen - die Luthers Erfolg ausmachten. Es war das Interesse an der theologischen Kontroverse, die durch die Gegenschriften bekannt und interessant wurde. Vor allem war es, das entfaltet Pettegree überzeugend, die geistige Kraft des Schriftstellers Martin Luther. Die Zeit für einen geistigen Umbruch war damals reif, so sieht es auch der britische Historiker. Luther war nicht der erste und einzige, der das Ablasswesen kritisierte. Aber es waren nicht die Humanisten seiner Zeit, auch nicht die zahlreichen Kritiker des römischen Papsttums, die das Mittelalter aus den Angeln hoben, sondern es war der kleine Mönch aus Wittenberg. Der wiederum war kein einsamer Kämpfer, sondern genoss den Schutz seines Landesherrn und die Kooperation vieler Freunde und vor allem das Glück einer neuen Kommunikationstechnik, nämlich den 80 Jahre früher erfundenen Druck mit beweglichen Lettern.

Diese Zusammenhänge beschreibt Pettegree sehr klar und anschaulich. Insofern bietet dieses Buch auch für diejenigen einen Lesegewinn, die sich über die Reformationsgeschichte und über Luthers Rolle in Kirche und Theologie informieren möchten.

Manfred Kock

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