Lesenswert

Indisches Familienepos
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Eine nichts beschönigende realistische Sezierung der indischen Seele.

Es beginnt mit der hoffnungslosen Grausamkeit des Lebens der Armen auf dem Land. Einem verhungernden Bauern bleibt nur die Ermordung seiner Familie, um sie vor dem Hungertod zu bewahren. Auf dieser Ebene der untersten Kasten weiterzuerzählen, wäre dem Leser wohl unzumutbar. So spielt der Hauptteil des Romans in dem großen vierstöckigen Haus einer bürgerlichen Unternehmerfamilie in Kalkutta. Kastengeist, Familien-ehre, Diskriminierung und Eigensucht strukturieren die Raumverteilung im Haus, persönliche Abhängigkeiten und das Innenleben der Familienangehörigen sowie der Dienerschaft. Eine nichts beschönigende realistische Sezierung der indischen Seele.

Dabei kommt alles typisch Indische auf seine Kosten: Aberglaube, Gemeinheiten des Kastenunwesens, hastig arrangierte Ehen, prahlerisch üppige Hochzeiten, Vergötterung des vierten Sohnes. Der innere Verfall der Familie, an dem alle erwachsenen Familienmitglieder außer einer brutal ausgegrenzten verwitweten Schwiegertochter mitwirken und den keiner wahrhaben will, begleitet den äußeren Untergang des starrsinnig patriarchalisch geführten Unternehmens durch Bürgerkrieg und Fehlinvestition. Diese nicht chronologisch erzählte, sondern dramatisch entwickelte, zeitlich springende und für den Leser und die Leserin immer spannender werdende Familiengeschichte ist parallelsträngig und alternierend verflochten mit den Briefen und Berichten des ältesten Enkels, der die Familie verlassen hat und der, auf dem abgelegenen westbengalischen Land lebend, mit maoistischen Naxaliten die armen Bauern zum Aufstand zu bewegen versucht.

Er schildert die extrem kargen und äußerst bedrückenden Lebensbedingungen der Landbevölkerung und die desaströs erfolglose Strategie der Naxaliten, die aus Attentaten auf Großgrundbesitzer, Überfällen auf Höfe und Anschläge auf Polizeieinheiten besteht, denen die Naxaliten hoffnungslos unterlegen sind. So endet das Leben des zwischenzeitlich zu Hause eingekehrten Enkels in einem indischen Folterkeller. Das Ende ist für alle katastrophal: für die Armen, die Etablierten und die Revolutionäre.

Gibt es keine Hoffnung für die indische Gesellschaft? Der Autor deutet nur an, wo er sie kaum erkenntlich sieht. Der Roman ist von manchmal schwer auszuhaltendem Realismus und dennoch nicht pessimistisch. Äußerst lesenswert.

Klaus-Peter Lehmann

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